Vincent Kompany hat am Samstagabend genau hingehört, als sein Schützling Tom Bischof nach dem 1:0-Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg seine Sicht geschildert hat, weshalb der Deutsche Meister in den vergangenen Partien nicht mehr so stabil wie zuvor war.
FC Bayern: Vincent Kompany weist Spieler in die Schranken
Bei Bischof wird Kompany hellhörig
Bei Sky wurde der 20-Jährige am Spielfeldrand nach den Gründen gefragt, wieso seine Mannschaft sowohl in Wolfsburg als auch in den vorherigen Partien mehr Chancen zugelassen sowie mehr Gegentore als üblich kassiert habe.
Bischof: „Mir ist das nur aufgefallen“
„Es ist immer schlecht, wenn man so viele Chancen und Gegentore bekommt. Ich habe ein paar Spiele von außen gesehen und ich glaube, dass wir nicht mehr die kleinen Basics machen. Das Gegenpressing nach dem Ballverlust, das fehlt uns in letzter Zeit. Das haben wir die ganze Saison über gemacht“, erläuterte Bischof, der in Wolfsburg nach seinem Muskelfaserriss sein erstes Spiel seit dem 11. April absolviert hatte und in der Startelf stand.
Auf die Nachfrage, ob schwindende Kraft wegen der langen Saison ein Grund für die Fehler sei, antwortete er: „Schwer… Ich war in den letzten Wochen nicht immer direkt dabei, mir ist das nur aufgefallen. Wir machen diese langen Wege und die sind unnötig. Man hat in der Saison gesehen, wenn wir das schnelle Gegenpressing schaffen, schießen wir sehr viele Tore. So haben wir dadurch zuletzt viele Gegentore kassiert.“
Kompany reagiert auf Bischof-Erklärung deutlich
Kompany stand während Bischofs Ausführung schon bei Sky am Interview-Tisch und wurde daraufhin gefragt, ob er seinem Spieler zustimme. „Nein, natürlich nicht. Er ist ein junger Spieler und hat in diesem Interview einen Fehler gemacht“, sagte der Coach zwar schmunzelnd, aber dennoch in aller Deutlichkeit.
Er führte danach aus, woran es in Wolfsburg in den ersten 45 Minuten lag, dass die Bayern so chancenanfällig waren: „Der Grund war für mich, dass du nicht hundertmal Gegenpressing spielen kannst, wenn du immer schnelle Ballverluste hast.“
Bayern-Probleme mit dem Ball
Kompany verwies darauf, dass das Problem nicht die Intention des Gegenpressings sei, denn ein solches Problem hätte er schon im Training erkannt. „Es geht darum, dass man nicht das Gefühl haben muss, in den ersten 10, 15 Minuten schon drei, vier Tore schießen zu wollen, sodass der Gegner am Boden liegt. Wir haben zehn Minuten gut angefangen und dann ein bisschen unsere Geduld verloren“, meinte Kompany.
Sky-Experte Dietmar Hamann hatte schon vor der Partie genau dieses Problem angesprochen: „Die Bayern haben in den vier Spielen vorher 14 Gegentore kassiert. Dann ist die Frage, ob ich versuchen muss, in den ersten 20 Minuten das Spiel für mich zu entscheiden.“
Hamann ist dabei nicht der einzige, der ein generelles Problem im Spiel der Kompany-Mannschaft ausgemacht hat: „Und das ist eine Frage, die man dem Trainer stellen muss: Ob das permanente Angreifen in der gegnerischen Hälfte letztlich zum Champions-League-Sieg führen kann.“
Die Bayern hatten sich unter der Woche gegen Paris Saint-Germain aus der Königsklasse verabschiedet. Das wilde Hinspiel (4:5) war dabei eine der Partien, die Bischof von außen beobachtet hatte – und bei der er die von ihm angesprochenen Schwächen ausgemacht haben dürfte.
Öffentlich kritisieren wollte der U21-Nationalspieler die zuletzt häufiger wieder hinterfragte Spielidee seines Trainers bestimmt nicht. Bemerkenswert sind seine Aussagen aber allemal.
Kompany: „Das ist eine gesunde Arroganz“
Kompany beschrieb Bischof mit seinen 20 Jahren als „superjung. Aber es ist jetzt gerade nach dem Spiel und ich habe etwas mehr Übersicht“, stellte er deutlich fest.
Mit Blick auf die vergangenen Wochen, in denen der Deutsche Meister unter anderem drei Gegentore gegen den 1. FSV Mainz 05, fünf gegen PSG sowie drei gegen den 1. FC Heidenheim kassiert hatte, verwies der Coach auf die notwendige Rotation, gerade mit Blick auf das Paris-Duell. „Es gibt viele logische Gründe“, sagte der Belgier.
Gleichzeitig zollte er seinem Team für die Performance in der zweiten Halbzeit in Wolfsburg Respekt, der Belgier machte eine klare Steigerung aus.
Kompany zeigte zwar Verständnis für die Leistung seiner Mannschaft, die in der ersten Hälfte deutlich in Rückstand hätte geraten können. Allerdings schlug auch er kritische Töne an: „Das ist eine gesunde Arroganz, wenn wir fast 120 Tore schießen, dass jeder da vorne drin glaubt, das jeder Ball hereinfliegt. Aber das ist falsch, falsch, falsch. Du musst den Ball laufen lassen und dann werden sie (die Gegner, Anm. d. Red.) irgendwann müde.“
Bayerns Trainer haderte neben den schnellen Ballverlusten auch mit verpassten Chancen. „Wir hätten in der ersten Halbzeit auch ein paar Mal in die Tiefe spielen können, was wir nicht gemacht haben. Dann spürt so eine Mannschaft wie Wolfsburg, dass etwas möglich ist. Sie bekommen dann die ersten Chancen und so verlierst du das Momentum.“
Kompany kündigt Gespräch mit Bischof an
So folgten bis zum Halbzeitpfiff etliche gefährliche Angriffe, doch den Hausherren gelang es nicht, den Führungstreffer zu erzielen – großen Anteil daran hatte auch der stark haltenden Bayern-Keeper Jonas Urbig. Nach dem Seitenwechsel hatten die Münchener dann mehr Kontrolle in ihrem Spiel, ein Traumtor von Michael Olise entschied die Partie.
„Ich habe meiner Mannschaft auch gesagt, dass sie uns gegen die Schienbeine treten werden. Wir mussten nicht überrascht sein, wenn es auf einmal dreckig wird. Die haben das Recht, das zu tun. Sie kämpfen um alles und wir müssen das respektieren. Deswegen glaube ich trotzdem – und ich sage das, weil ich 20 Jahre älter bin als ‚Bischi‘ – dass es nicht einfach war in der zweiten Halbzeit, das Spiel zu gewinnen und das müssen wir auch wertschätzen“, meinte Kompany.
Er kündigte abschließend an: „Ich werde auf jeden Fall noch einmal mit ihm reden. Ich bin mir sicher, dass er in ein paar Jahren genau das Gleiche sagen wird.“