Munter ging es am vergangenen Samstag in Leverkusen zu, fast wie auf einem Tauschmarkt der guten Gefühle. Erst gaben die Fans, dann gab Patrik Schick zurück – und zwar in einer Währung, die besonders hoch im Kurs steht: Tore. Schon beim Aufwärmen hatten die Anhänger den Tschechen in die Nordkurve zitiert und ihm eine Urkunde für seinen 100. Treffer im Bayer-Trikot überreicht, den er eine Woche zuvor im Derby gegen den 1. FC Köln erzielt hatte. Später, während der Partie gegen RB Leipzig (4:1), beantwortete Schick die Zuneigung auf seine eigene Art.
Leverkusen: Patrik Schick und der Aufschwung zur rechten Zeit
Seit Wochen der Beste in Europa
Aus den 100 Toren wurden im Handumdrehen 103. Drei weitere Male netzte Schick gegen die Sachsen ein und schob seine Mannschaft gleich um zwei Plätze in der Tabelle nach vorne. Vorbei an der TSG Hoffenheim, vorbei am VfB Stuttgart auf Rang vier. Nach einer durchwachsenen Rückrunde, in der die Rheinländer zuletzt aus den angepeilten Champions-League-Plätzen gerutscht waren, brachte er den Anhängern quasi im Alleingang die Zuversicht zurück. Als Schick in der Nachspielzeit ausgewechselt wurde, erhob sich das Publikum und spendete Applaus.
Rettet Schick die Saison von Bayer Leverkusen?
Verdient hatte sich der 30-Jährige diese Ovationen ohnehin, nicht nur wegen seiner Gala gegen Leipzig. Denn Schick hat in den vergangenen Wochen zu einer Form gefunden, die an beste Zeiten erinnert. In den letzten sechs Bundesliga-Spielen traf er neunmal – seit dem 20. März wird diese Quote in keiner der fünf großen europäischen Ligen übertroffen. Auch in den nationalen Statistiken arbeitete er sich Stück für Stück nach oben und ist mit nun 16 Treffern Dritter der Torjägerliste. Im Schnitt benötigt er 113 Minuten pro Tor. Lediglich Harry Kane ist mit einem Treffer alle 67 Minuten noch effizienter.
Das wirkt umso erstaunlicher, weil es für Schick zu Jahresbeginn alles andere als rund lief. Mit Christian Kofane ein junger Konkurrent wächst, der ihm zunehmend Spielzeit streitig macht. In wichtigen Partien wie den beiden Duellen mit dem FC Arsenal hatte Schick das Nachsehen und saß auf der Bank. Erst die erfolgreiche WM-Qualifikation mit Tschechien Ende März verlieh ihm neuen Schwung. Seitdem geht es wieder bergauf – genau zu dem Zeitpunkt, an dem Leverkusen ihn am dringendsten braucht. Jetzt könnte Schick zum Retter in der Not werden.
Leverkusen: Schick bleibt trotz Big Points vorsichtig
Fest steht: Leverkusen blickt auf verkorkste Monate zurück. Nach der Hinserie war der Double-Sieger von 2024 als Tabellendritter in die kurze Weihnachtspause gegangen. Doch anschließend ging die Konstanz verloren, die Ergebnisse schwankten. Trainer Kasper Hjulmand sah sich zunehmend mit Kritik konfrontiert, die Mannschaft habe unter seiner Führung keine Entwicklung genommen. Bayer fiel zwischenzeitlich auf Rang sechs zurück und das große Saisonziel, die erneute Teilnahme an der Champions League, geriet in ernsthafte Gefahr. Erst die überzeugende Leistung gegen Leipzig – womöglich die beste der gesamten Saison – brachte neue Hoffnung.
Alle Trümphe sind plötzlich wieder auf der eigenen Seite – in erster Linie dank der jüngsten neun Tore von Schick. Vor den verbleibenden Spielen gegen den VfB Stuttgart und den Hamburger SV liegt Leverkusen in der Pole Position und will Rang vier unbedingt verteidigen. „Leider hatten wir viele Aufs und Abs. Aber jetzt ist alles möglich. Wenn wir so in Stuttgart und gegen Hamburg spielen, bin ich sicher, dass wir es in die Champions League schaffen. Wir müssen weitermachen“, stellte Schick klar. Gleichzeitig schwang in seinen Aussagen auch Vorsicht mit. Die Frage steht im Raum, ob der Erfolg gegen Leipzig dauerhaft Kräfte freisetzt oder nur ein weiteres kurzes Hoch war.
Bayer: Schick ist jetzt der drittbeste Torjäger der Klubgeschichte
Schick selbst wirkte reserviert. Von überschwänglicher Begeisterung war bei ihm am Samstag nichts zu spüren, stattdessen dominierte verhaltener Optimismus. Zu häufig stellte sich in dieser Saison nach überzeugenden Auftritten Ernüchterung ein, als dass er sich zu großen Worten hinreißen ließe. Die mangelnde Konstanz ist ein prägendes Muster in Leverkusens Leistungen im Jahr 2026 geworden. So formulierte er zwar den Willen, doch Versprechen vermied er konsequent. „Nach einer super Leistung machen wir kein gutes Spiel“, betonte der formstarke Torjäger. Sein einigermaßen nüchternes Fazit: „Ich glaube, dass jetzt alles offen ist.“
Das Wochenende wird zur großen Bewährungsprobe. Am Samstag (ab 15.30 Uhr im Uhr im LIVETICKER) steht in Stuttgart eine Partie mit Endspiel-Charakter an. „Wir haben nichts erreicht. Das war ein Schritt. Einer von dreien“, sagte Sportchef Simon Rolfes nach dem Leipzig-Sieg. Trainer Hjulmand argumentierte ähnlich: „Wir haben alles in der Hand. Das versuchen wir natürlich zu nutzen. Es war eines von drei Spielen.“ Leverkusen, Stuttgart und Hoffenheim sind punktgleich – ein enges Rennen, in dem wohl Nuancen entscheiden werden, mit dem wohl kaum jemand rechnete. Schick hat mit seinen Toren die zuletzt gedrückte Stimmung bei Bayer vorerst vertrieben.
Eine zusätzliche Bedeutung erhielten dadurch die Szenen vor dem Anpfiff. Die Urkunde aus der Nordkurve habe ihn „stolz gemacht auf das, was ich in Leverkusen erreicht habe“, sagte Schick: „Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung.“ Mit nun 103 Treffern ist er der drittbeste Torschütze der Klubgeschichte – hinter Ulf Kirsten (240) und Stefan Kießling (162). Und sicher ist, dass es in Stuttgart erneut auf ihn ankommen wird. Einen kleinen Vorteil haben die Rheinländer im Kampf um die Königsklasse immerhin: das um drei Tore bessere Torverhältnis. Nicht zuletzt dank Schicks Dreierpack.