Jürgen Klopp steht aktuell sehr genau im Fokus: Als Experte sorgt er bei der WM für Schlagzeilen, RB Leipzig entlässt unter seiner Ägide Ole Werner und mancher sieht ihn als designierten Nachfolger von Julian Nagelsmann.
Umgang mit Werner "katastrophal" - Leipzig-Experte im SPORT1-Interview
„Ole Werner wurde beschädigt“
In Mainz standen Guido Schäfer und Klopp damals gemeinsam auf dem Platz. Im SPORT1-Interview ordnet der Leipzig-Experte und Klopp-Kenner unter anderem Klopps Rolle bei der RB-Entlassung von Trainer Ole Werner ein.
SPORT1: Jürgen Klopp sagte zur Entlassung Ole Werners: „Wir haben darüber nachgedacht, wie das aussehen könnte mit der Belastung, die auf uns zukommt, und dann hat sich Leipzig für einen Wechsel entschieden.“ War es also eine fachliche Entscheidung, dass man ihm die Champions League nicht zutraut, oder war es am Ende das Menschliche, was nicht gepasst hat?
Guido Schäfer: Ole Werner war für diese Saison genau der Richtige. Und diese Saison ist auf keinen Fall eine verlorene. Weder für RB Leipzig noch für Ole Werner – aber die Zerrüttung zwischen Ole und dem globalen Team von Jürgen Klopp ist schon länger her. Das ist nichts, was gestern passiert ist. Man hat vielleicht voneinander anderes erwartet. Ole Werner wusste, es wird Einmischungen vom globalen Team geben. Hinweise, Verbesserungsvorschläge. Und Klopp und Co. dachten, dass Ole Werner das alles freudig erregt annehmen und umsetzen wird. Irgendwann hatte der Ole keine Lust mehr auf die Tipps und die Anweisungen von Klopp und Co., und hat dann wohl auch den Kontakt etwas erkalten lassen. Er sollte schon zweimal vor die Tür gesetzt werden. Da hat sich dann Marcel Schäfer, der Chef in Leipzig vor Ort, dagegen verwehrt und hat ihn gehalten. Aber ich glaube, das war schon seit Monaten klar, dass die erste Saison auch zugleich die letzte sein wird. Und was Jürgen Klopp jetzt im Fernsehen so erzählt, was soll er erzählen? Offiziell dürfen sie ja gar keine Entscheidungen treffen. Verkündet wurde es dann ja auch von Marcel Schäfer.
SPORT1: Weiß man trotzdem, wie viel Klopp am Ende wirklich bei der Entscheidung zu sagen hatte?
Guido Schäfer: Sie müssen es ja so verkaufen. Auch wegen 50+1 darf ja die globale, von Jürgen Klopp angeführte Truppe, keine Entscheidungen treffen. Aber eins ist klar: Wenn es um Trainer und große Entscheidungen geht, haben Klopp und Co., natürlich auch den Segen von Red-Bull-CEO Oliver Mintzlaff. Die haben da schon ein gehöriges Mitspracherecht. Wenn es allein nach Marcel Schäfer gegangen wäre, hätte Ole Werner möglicherweise eine zweite Saison erlebt. Wobei Schäfer auch kein absoluter Ole-Werner-Fan war. Der Fußball war schon ein wenig ereignisarm. Zwar erfolgreich, aber selten attraktiv, selten intensiv. Schäfer hatte angeboten, ihm für die kommende Saison einen fähigen Assistenten zur Seite zu stellen. Das wiederum wollte Ole Werner nicht. Um es auf den Punkt zu bringen: Ohne Klopp und Co. werden keine großen Entscheidungen mehr getroffen, weder in Leipzig noch in Salzburg. Das ist auch so gewollt. Was ich aber katastrophal finde, ist der Umgang mit Ole Werner. Irgendjemand hat diverse Medien immer wieder gefüttert mit Intimitäten, die nichts in der Öffentlichkeit zu suchen haben. Da ging es darum, was Ole Werner vermeintlich alles nicht kann, was Klopp und Co. an ihm bemängeln. Das hat alle verletzt und beschädigt. Ich weiß nicht, was da der sittliche Hintergrund oder Mehrwert sein soll, wenn man solche Informationen streut, die wahrscheinlich nicht aus Leipzig kamen, sondern irgendwo vielleicht aus Fuschl am See (Hauptsitz der Red Bull GmbH, Anm. d. Red.). Ole Werner wurde beschädigt, das internationale Team wurde beschädigt, und nicht zuletzt auch Marcel Schäfer.
Werner-Nachfolger bei Leipzig wohl fix
SPORT1: Dass Ole Werner sich nicht gerne reinreden lässt, hat man in Bremen schon gesehen. War Klopp da zu naiv, dass er dachte, mit dem können wir es machen?
Guido Schäfer: Grundsätzlich geht es ja nicht darum, irgendjemanden geradezubiegen oder etwas mit jemandem zu machen. Der Sinn ist, dass man zusammenarbeitet, seinen Horizont erweitert, die Kompetenzen und die Expertise bündelt und dass das dann in einem möglichst tollen Erfolg mündet. Ich glaube, Ole Werner wusste schon, auf was er sich einlässt. Er hatte aber auch seine klare Idee, wie er Punkte holen will. Ein Vorwurf war beispielsweise, dass er Nicolas Seiwald als Mittelfeldspieler im Verteidigungsfall immer wieder in die Abwehr geholt hat. Dann hatten sie de facto diese berühmte Fünfer-Abwehrkette. Die steht im Red-Bull-Kosmos aber auf dem Index. Der norddeutsche Sturkopf hat sich dann irgendwann gesagt: „Naja, jetzt stand ich eh schon zweimal auf der Kippe, jetzt mache ich auch, was ich will. Ich lasse den Fußball spielen, den ich für umsetzbar halte.“ Der sah aber nicht immer gut aus, war sehr abhängig von Yan Diomande, da kann der Ole Werner nichts dafür. Aber das Problem bei den Besetzungen des Traineramtes bei RB Leipzig oder Salzburg ist ja: Sie wollen einerseits Trainer haben, die Charisma haben, die Klasse haben, die Überzeugung haben, die mutig sind. Andererseits sollen sie dann auch so biegsam sein, um dann immer empfänglich zu sein für die Tipps der Globalen, das beißt sich. Martín Demichelis wird jetzt der neue Trainer und …
SPORT1: Ist das fix?
Guido Schäfer: Ja, von meiner Informationswarte aus ist das sehr, sehr fix. Das wird in dieser Woche noch verkündet. Und der wird sich auch gedacht haben: „Moment, das ist eine Riesenchance, da geht jetzt eine Riesentür auf.“ Es wird so sein, dass Klopp auch mal anruft, aber wenn der Martín Demichelis das gut macht, dann werden die Konsultationen der Globalen auch nicht so häufig sein. Über allem steht aber auch die Frage: Was denken die eigentlich, was sie für einen Kader zur Verfügung haben? Ole Werner hatte nicht den besten RB-Kader der Geschichte. Auch nicht den zweitbesten. Er hatte einen, aus meiner Sicht, für RB-Verhältnisse sehr durchschnittlich besetzten Kader. Ich weiß nicht, ob ein neuer Trainer dieses wunderbare Spiel – offensiv, Gegenpressing, immer hohes Tempo und ran an den Gegner – umsetzen kann. Klopp sagt aus seiner Liverpool-Zeit, wir müssen in Leipzig auch so spielen. Der hat da aber auch sensationelle Spieler gehabt in jedem Mannschaftsteil. Die Mannschaft, die RB momentan hat, die ist gar nicht zu diesem Spiel fähig. Da musst du von hinten auch nachschieben und an der Mittellinie schon verteidigen. Da haben sie viel zu viele langsame Spieler in der Mannschaft, die das schon aus eigenem Sicherheitsbedürfnis gar nicht machen.
Klopp-Rückkehr? „In diesem Leben nicht mehr“
SPORT1: Wie nimmt man Klopps Auftritt als WM-Experte in Leipzig wahr? RB ist aktuell mitten in der Saisonplanung und Klopp ist einige tausend Kilometer weit entfernt.
Guido Schäfer: Die physische Anwesenheit ist da nicht so wichtig. Der hat jede Menge Zeit außerhalb seiner Plauderstunden mit Thomas Müller, um sich um seinen eigentlichen Broterwerb zu kümmern. Eins muss man ja auch sagen: Der Jürgen Klopp, der zahlt jeden Tag allein durch seinen Namen auf die Dose ein. Auch etwas negative Berichte, die jetzt zwangsläufig kommen werden, der Umgang mit Ole Werner oder wie Klopp sich da ein bisschen verhaspelt hat mit Julian Nagelsmann, bringt jeder, der gerne mal so einen Energydrink trinkt, mit Red Bull in Verbindung. Ich lasse eigentlich auf Jürgen Klopp nichts kommen, aber ich weiß nicht, ob er so gut beraten ist, dass er jetzt jeden Tag am Mikrofon ist. Ich hätte ihm gesagt: ‚Flieg ab und zu mal ein, mach mal ein Interview für wen auch immer, aber nicht tagtäglich.‘ Aber wer bin ich, dass ich ihm da Tipps geben kann?
SPORT1: Hat dieses „noch“ in Leipzig Wellen geschlagen?
Guido Schäfer: Überhaupt nicht. Das ist allen egal. Wenn der Tag lang ist, erzählt man viel. Das geht mir so, das geht dem Kloppo so. Jürgen Klopp muss sich für gar keinen Job der Welt bewerben und schon gar nicht für den des Bundestrainers. Das ist ein witziger Typ. Der dachte, er ist auch als Humorist eingeladen und macht einen lockeren Spruch. Der war total verrutscht, der kam falsch rüber. Ich glaube persönlich auch, dass der Jürgen Klopp in diesem Leben nicht mehr irgendwo als Trainer auftaucht, auch nicht als Bundestrainer. Der führt jetzt so ein selbstbestimmtes Leben. Der fliegt um die Weltgeschichte, er ist beliebt bei Alt und Jung, verdient Geld ohne Ende. Ich glaube nicht, dass er sich noch mal in das Korsett eines normalen Berufes pressen lassen will.