Am späten Samstagabend deutscher Zeit schaute auch der FC Bayern genau hin. Ismael Saibari griff sich an den hinteren Oberschenkel und musste im Achtelfinale gegen Kanada verletzt ausgewechselt werden. Auch ohne ihn gewann Marokko am Ende locker mit 3:0.
So verändert er das Gefüge des FC Bayern
Passt Saibari zum FC Bayern?
Nicht nur Marokko hofft, dass Saibari nicht allzu schwer verletzt ist. Auch die Bayern drücken die Daumen, dass er wie geplant nach der WM in guter Verfassung nach München kommt. Aktuelle Meldungen suggerieren, dass er womöglich schon für das Viertelfinale der Marokkaner gegen Frankreich (Do., 22 Uhr im LIVETICKER) wieder einsatzfähig sein könnte.
Warum der FC Bayern bereit war, rund 55 Millionen Euro für Saibari auf den Tisch zu legen, hat sich bei der laufenden Weltmeisterschaft in fast jedem Spiel Marokkos gezeigt. Der Neuzugang von der PSV Eindhoven vereint dort vieles von dem, was auf höchstem Niveau gefragt ist: technische Qualität, enorme Dynamik, taktische Flexibilität und einen ausgeprägten Zug zum Tor.
FC Bayern hat sich bei Saibari früh positioniert
Je länger das Turnier dauerte, desto deutlicher entsteht der Eindruck, dass den Münchnern mit der Verpflichtung ein echter Transfercoup gelungen sein könnte. Denn: Saibari lieferte bei der WM konstant ab. In allen drei Gruppenspielen traf der 25-Jährige für die Marokkaner, im Sechzehntelfinale gegen die Niederlande verwandelte er zudem den entscheidenden Elfmeter und avancierte damit endgültig zum Gesicht des Erfolgs seines Landes.
Für die Bayern-Bosse dürfte das eine willkommene Bestätigung sein. Schließlich hatten sie den Deal schon vor dem Turnierstart vorbereitet und so die Grundlage geschaffen, noch bevor Saibari seinen Marktwert weiter in die Höhe schraubte.
„Entscheidend war, dass wir uns früh bei ihm positioniert haben, weil wir von Ismaels Fähigkeiten wussten und ihm von Beginn an eine konkrete Perspektive bei uns aufzeigen konnten“, sagte Sportvorstand Max Eberl über seinen neuen Mann, der flexibel einsetzbar ist. In Eindhoven spielte Saibari überwiegend im offensiven Mittelfeld, er fühlt sich aber auf nahezu jeder Position in der Angriffsreihe wohl.
Doch welche Stärken bringt der Marokkaner tatsächlich mit – und auf welche Qualitäten können sich die Fans am meisten freuen? SPORT1 wirft einen genauen Blick auf das Spielerprofil.
FC Bayern: Diese Parallelen hat Saibari zu Kane
Die erste und offensichtliche Erkenntnis: Auch ein Blick auf die reinen Zahlen im Verein erklärt schnell, weshalb die Bayern bereit waren, tief in die Tasche zu greifen. In den vergangenen beiden Spielzeiten war Saibari einer der prägenden Akteure bei der PSV und sammelte in 81 Pflichtspielen insgesamt 57 direkte Torbeteiligungen – 34 Treffer erzielte er selbst, 23 weitere bereitete er vor. Damit gehörte der Nationalspieler zu den prägenden Figuren beim jüngsten Meistertitel des niederländischen Spitzenklubs.
Allein in der Vorsaison kam Saibari auf 28 Torbeteiligungen in sämtlichen Wettbewerben (19 Treffer, 8 Assists) – Bestwert seiner früheren Mannschaft, zugleich mehr als alle zentralen offensiven Mittelfeldspieler des FC Bayern in der vergangenen Spielzeit (Serge Gnabry 22, Lennart Karl 16, Jamal Musiala 11) und Zahlen, die in München genauso registriert worden sein dürften, wie sie jetzt auch Erwartungen schüren.
Für Cheftrainer Vincent Kompany eröffnet das zusätzliche taktische Möglichkeiten. Vor allem mit Blick auf die Rolle als Alternative für Harry Kane.
Nach der Rückkehr von Nicolas Jackson zum FC Chelsea benötigt Bayern eine verlässliche Alternative in der Offensive, zumal Kane mit 33 Jahren nicht mehr jede Belastung ohne Pausen wird bewältigen können. Zwar agierte Saibari bei der PSV überwiegend hinter einer zentralen Spitze, seine Bewegungsmuster weisen aber durchaus Parallelen zum Engländer auf.
Wie Kane lässt er sich gerne in die Zwischenräume fallen, beteiligt sich selbst an Kombinationen und fungiert als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff. Gleichzeitig interpretiert der Marokkaner seine Rolle noch etwas dynamischer, sucht häufiger den Weg auf die Außenbahnen und ist weniger strikt auf den Strafraum fokussiert.
In diesen Bereichen hat Saibari noch Schwächen
Darüber hinaus ist Saibaris Profil allerdings noch nicht so komplett. Im Passspiel und in den direkten Duellen besitzt der Marokkaner durchaus Entwicklungspotenzial. Seine Passquote von 84 Prozent sowie eine Zweikampfquote von 46 Prozent lagen in der vergangenen Saison unter dem Durchschnitt des FC Bayern, dessen Spieler wettbewerbsübergreifend auf 90 Prozent angekommene Pässe und 49 Prozent gewonnene Zweikämpfe kamen. Das sind Werte, an denen der 25-Jährige in München arbeiten muss – zumal in der Bundesliga wohl unter deutlich höherem Gegnerdruck gespielt wird als in der Eredivisie.
Gleichwohl bringt Saibari jene Offensivmentalität mit, die Kompany schätzt. Mit durchschnittlich 3,4 Abschlüssen pro 90 Minuten sucht er ähnlich häufig selbst den Weg zum Tor wie Michael Olise (3,7), Musiala (3,4) oder Gnabry (3,2).
Seine bevorzugte Rolle fand er bei der PSV Eindhoven als Zehner im 4-2-3-1-System – also in exakt jener Grundordnung, auf die auch der FC Bayern in der jüngsten Bundesliga-Saison nahezu durchgehend setzte. Dort bewegte sich Saibari überwiegend im Raum zwischen Mittelkreis und gegnerischem Strafraum, ließ sich situativ zurückfallen und schaltete sich immer wieder in die Angriffe ein.
Diesen Stars ähnelt Saibari
Wie groß Saibaris Einfluss auf das Offensivspiel der PSV war, verdeutlichen auch die erweiterten Leistungsdaten. Mit einem Expected-Goals-Wert von 16,6 gehörte er zu den produktivsten Spielern der Eredivisie. Lediglich drei Profis (Troy Parrott, Mika Godts und Sven Mijnans) sammelten ligaweit noch mehr Scorerpunkte.
Besonders auffällig: Saibari war an 218 Aktionen im gegnerischen Strafraum beteiligt und suchte mit 93 Abschlüssen immer wieder selbst den Weg zum Tor. Seine Chancenverwertung lässt allerdings noch Luft nach oben – nur rund jeder fünfte Torschuss führte letztlich zu einem Treffer.
Mindestens ebenso interessant ist sein Spielstil. Unter den offensiven Mittelfeldspielern und Flügelspielern der fünf europäischen Topligen weist ausgerechnet Olise die größten Ähnlichkeiten zu Saibari auf. Auch Florian Wirtz, um den der FC Bayern im vergangenen Jahr schon einmal intensiv warb, zählt den Daten zufolge zu den vergleichbarsten Profilen.
Außerdem war Saibari an 196 Angriffssequenzen beteiligt, die aus dem laufenden Spiel heraus in einem Abschluss endeten. In der Eredivisie wurde er damit nur vom Ajax-Offensivspieler Mika Godts übertroffen.
Alle Zahlen verdeutlichen, warum die Bayern überzeugt sind, mit Saibari nicht nur einen variablen, sondern vor allem einen spielprägenden Offensivakteur verpflichtet zu haben. Schafft es der Marokkaner nach der WM, seine Leistungen auch in München auf den Platz zu bringen, werden sie sich an der Säbener Straße wohl wieder auf die Schulter klopfen dürfen.