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"Ich möchte das nicht mehr machen“

„Ich möchte das nicht mehr machen“

Christian Keller spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über seinen außergewöhnlichen Weg und die Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt in verantwortlicher Position im Profifußball.
Baumgart-Nachfolger Timo Schultz konnte bislang das Ruder beim 1.FC Köln nicht rumreißen. Köln-Boss Christian Keller erklärt im STAHLWERK Doppelpass den Trainerwechsel.
Christian Keller spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über seinen außergewöhnlichen Weg und die Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt in verantwortlicher Position im Profifußball.

Christian Keller verbindet im Profifußball Perspektiven, die nur selten in einer Person zusammenkommen. Er ist Inhaber der Fußball-A-Lizenz, promovierter Sportwissenschaftler und ehemaliger Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Sportmanagement. Die Verbindung von Fußball, Strategie und wirtschaftlichem Denken zieht sich wie ein roter Faden durch seinen beruflichen Weg.

Neun Jahre prägte er den SSV Jahn Regensburg. In dieser Zeit führte er den Klub von der Regionalliga bis in die 2. Bundesliga und etablierte ihn dort über mehrere Jahre. Anschließend übernahm er fast drei Jahre die sportliche Verantwortung beim 1. FC Köln – in einer Phase, die von großen Herausforderungen, einer Transfersperre, wirtschaftlicher Konsolidierung und enormem öffentlichen Druck geprägt war. Dabei hat Keller nahezu alle Facetten des Profifußballs erlebt: Abstiege und Aufstiege, Krisen und Erfolge, öffentliche Anfeindungen und große emotionale Momente.

Im SPORT1-Podcast Leadertalk mit Host und Business-Coach Mounir Zitouni spricht Christian Keller offen über seinen außergewöhnlichen Weg und die Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt in verantwortlicher Position im Profifußball.

Tiefe Einblicke in die Welt des 1. FC Köln

Keller gibt tiefe Einblicke in die dramatischen Stunden rund um seinen Abschied beim 1. FC Köln und spricht ausführlich über die Ereignisse nach dem 1:1 gegen Jahn Regensburg, die Diskussion um eine mögliche Freistellung von Trainer Gerhard Struber und warum er für sich die Entscheidung traf, seinen Weg beim FC nicht weiterzugehen. Gleichzeitig blickt er zurück auf die prägende Zeit in Regensburg, auf die Zusammenarbeit mit Heiko Herrlich und die beiden Aufstiege innerhalb von nur zwei Jahren – eine Phase, die für ihn beispielhaft zeigt, welche Kraft Vertrauen, gemeinsame Werte und eine starke Kultur entfalten können.

Darüber hinaus spricht Keller über die Herausforderungen von Veränderungsprozessen, über den Umgang mit öffentlicher Kritik, über Fehler, aus denen er gelernt hat, und über die Bedeutung unterschiedlicher Perspektiven in Teams.

Immer wieder geht es dabei um die Frage, wie Führung gelingt – und warum Erfolg im Fußball nie planbar ist, man die Voraussetzungen dafür aber sehr wohl schaffen kann. Ein Gespräch über langfristiges Denken in einem kurzfristigen Geschäft.

Das war in Köln der Wendepunkt für Keller

Ein Tor. Ein Gegentreffer in der 76. Minute. Und plötzlich steht im Mai 2025 nicht nur der Aufstieg des 1. FC Köln auf dem Spiel, sondern auch die Zukunft von Christian Keller. Für ihn markiert dieser Abend einen Wendepunkt. Keller spricht offen über die dramatischen Stunden nach dem Spiel und über die Diskussion um die Freistellung von Trainer Gerhard Struber. Keller schildert es so: Nach dem 1:1 gegen Jahn Regensburg habe er jedes einzelne Aufsichtsratsmitglied gefragt, ob es die Diskussion um die Freistellung von Trainer Gerhard Struber und seine eigene Zukunft überhaupt gegeben hätte, wenn Köln dieses Spiel gewonnen hätte. Die Antwort sei einstimmig ausgefallen. „Die klare Antwort in der Zu-Null-Abstimmung war: Nein, das würden wir nicht tun.“

Keller spürte, dass kurzfristige Ergebnisse plötzlich schwerer wogen als die gemeinsamen Überzeugungen und der bis dahin eingeschlagene Weg. „Und das war für mich einfach auch so ein ganz klarer Beweggrund, dass ich in dem Moment gespürt habe, ich möchte das nicht mehr machen.“

Entscheidend war für ihn dabei nicht die Frage, ob ein Trainerwechsel grundsätzlich richtig oder falsch ist. Entscheidend war die Art und Weise. „Mein Wort muss Gewicht haben, wenn ich der Chef des Ladens bin. Mein Wort muss verlässlich sein.“ Einen Trainer, den er über Monate öffentlich und intern gestützt hatte, wenige Stunden später ohne Vorbereitung zu entlassen, hätte seinem Führungsverständnis widersprochen.

Diese Haltung zieht sich durch seine gesamte Karriere. Ob in Regensburg oder Köln – Keller versteht Führung vor allem als Frage der Integrität, der Klarheit und der Verlässlichkeit. Trainerentlassungen gehören für ihn zum Profifußball, aber die Art und Weise, wie man Menschen behandelt, entscheidet über die Qualität von Führung. Für Keller ist Orientierung ein zentrales Führungsprinzip. Menschen müssten Klarheit darüber haben, wo sie stehen und was von ihnen erwartet wird. „Sie möchten einfach wissen, woran sie sind.“

„Das konnte der Klub in seiner ganzen Historie noch nie“

Diese Klarheit gilt für ihn nicht nur im Umgang mit Trainern, sondern generell in der Führung von Menschen. Gerade unangenehme Botschaften seien oft hilfreicher als falsche Hoffnungen.

Keller beschreibt seinen Weg vom promovierten Sportwissenschaftler und Hochschulprofessor in die Welt des Profifußballs als einen Weg zwischen Theorie und Praxis. Er ist überzeugt, dass wissenschaftliche Grundlagen helfen, Komplexität zu ordnen. „Eine Theorie kann mir helfen, dass ich die vielen Sachen, die in der Praxis passieren und auch in der Dynamik, in der sie gerade im Fußball passieren, für mich besser einsortiert bekomme.“

Die eigentliche Wahrheit liege aber immer im täglichen Handeln. „Am Schluss liegt die Wahrheit in der Praxis und im täglichen Tun und im Anpacken.“ Gerade seine Zeit beim 1. FC Köln habe ihm diese Verbindung von Theorie und Praxis noch einmal vor Augen geführt.

Die Transfersperre bezeichnet er als „die größte Herausforderung“, die er in seiner beruflichen Laufbahn bisher bewältigen musste. Eigentlich sei seine Aufgabe in Köln gewesen, „den Klub wieder auf wirtschaftlich gesunde Füße zu bringen“. Rückblickend habe er das Gefühl, dass diese Arbeit kurz vor seinem Abschied Früchte zu tragen begann. „Der Scherbenhaufen war aufgekehrt“, sagt er, und im Sommer 2025 hätte „die Gestaltungsphase beginnen können“. Keller betont: „Letzten Sommer standen 30 Millionen aus eigener Kraft zur Verfügung, um in Transfers zu investieren. Das konnte der Klub in seiner ganzen Historie noch nie…“

Ex-Köln-Boss: Ich darf nicht für Angst sorgen

Kellers Dissertation trug den Titel „Steuerung von Fußballunternehmen – finanziellen und sportlichen Erfolg langfristig gestalten“. Ein Thema, das ihn bis heute beschäftigt. Denn der Fußball, so seine Überzeugung, denkt häufig in Wochen und Ergebnissen, während nachhaltige Entwicklung Jahre braucht. „Fußball ist per se kurzfristig ausgerichtet.“ Gerade die Ereignisse in Köln hätten ihm dieses Spannungsfeld noch einmal deutlich vor Augen geführt. „Du kommst als Einzelperson besser weg, wenn du ein bisschen auf dich schaust, wenn du ein bisschen opportunistisch und aktionistisch agierst.“

Sein eigener Anspruch sei jedoch immer gewesen, langfristig zu denken und die Organisation über kurzfristige Effekte zu stellen. Gerade deshalb beschreibt Keller die Aufgabe von Führungskräften darin, langfristige Ziele gegen kurzfristige Widerstände zu verteidigen. Er vergleicht Veränderungsprozesse mit der Sanierung eines alten Hauses: Zunächst wird alles schlechter, unbequemer und chaotischer, bevor sich die Wirkung entfaltet. Genau in dieser Phase brauche es Kommunikation, Orientierung und Durchhaltevermögen. „Kommunikation, immer und immer wieder kommunizieren.“

Dabei habe er selbst lernen müssen, dass Transparenz Grenzen hat. Ehrlichkeit bedeute nicht, immer alles zu sagen. „Ich bin ehrlich, aber ich darf auch nicht durch Ehrlichkeit für Angst sorgen.“

Besonders eindrucksvoll schildert Keller die Jahre in Regensburg. Der Abstieg in die Regionalliga brachte massive Anfeindungen mit sich: zerkratzte Autos, zerstochene Reifen, Beschimpfungen auf offener Straße und Plakate in der Stadt, die seinen Rücktritt forderten. Rückblickend bezeichnet er gerade diese Zeit als Fundament des späteren Erfolgs. „Dieses gemeinsame Negativerlebnis mit allem, was darauf eingespielt hat, zu durchstehen, es im Kollektiv auch intakt zu durchstehen, Vertrauen noch stärker zu vertiefen, Integrität noch stärker aufzubauen, war am Schluss der Schlüssel für alles, was beim Jahn danach an positiven Dingen passiert ist.“

Worauf Keller den Durchmarsch zurückführt

Die anschließenden Jahre mit dem Durchmarsch in die 2. Bundesliga und fünf erfolgreichen Zweitligasaisons führt er nicht auf einzelne Personen zurück, sondern auf etwas viel Größeres. „Kultur ist für mich der entscheidende Treiber für Erfolg oder im umgekehrten Fall natürlich auch für Misserfolg.“ Dabei geht es ihm nicht um Werteplakate oder schöne Leitbilder, sondern um das tägliche Verhalten der Menschen. „Das alles Entscheidende waren für mich aber nicht die einzelnen Leute, sondern der Verbund der Menschen, also das Team und die Kultur.“

Kultur entsteht für ihn im Alltag – in kleinen Gesten, in gelebten Prinzipien und darin, wie Menschen miteinander umgehen. Er erzählt von Führungsspielern, die neue Mitspieler in der Stadt willkommen heißen, und von einer Mannschaft, die sogar das vereinsinterne „Null-Budget-Prinzip“ lebt und vor Auswärtsspielen ihre Verpflegung selbst vorbereitet.

Auch in der Zusammenarbeit mit Trainern sieht Keller vor allem die Bedeutung von Klarheit und Verlässlichkeit. Gute Führung bedeute nicht, es jedem recht zu machen, sondern Orientierung zu geben – selbst dann, wenn die Botschaft unangenehm ist.

Einen tiefen Einblick gibt Keller auch in seinen persönlichen Umgang mit öffentlicher Kritik und den extremen Ausschlägen des Profifußballs. Er hat in Regensburg und Köln erlebt, wie schnell Menschen gefeiert und wenig später infrage gestellt werden. „Was kritisiert wird, ist die Funktion.“ Er trennt bewusst zwischen der öffentlichen Bewertung seiner Rolle und seiner Person. Kraft zieht er aus den Menschen, mit denen er täglich arbeitet.

„Meine Freude am Arbeiten, die hängt nicht davon ab, wie ich öffentlich-medial bewertet werde, die hängt davon ab, wie meine Mitstreiter sind, mit denen ich jeden Tag vor Ort gemeinsam arbeiten darf.“ Trotz der teilweise heftigen Kritik blickt Keller mit großer Wertschätzung auf seine Zeit in Köln zurück. „Die Menschen waren so nett und freundlich zu mir.“

Keller beschreibt sich als direkten Menschen, der Klarheit schätzt und dadurch auch andere verletzt hat. „Ich habe viele Gespräche nicht gut geführt, da brauchen wir nicht drüber reden.“ Heute würde er manches anders machen, geduldiger sein und Menschen mehr Zeit geben. „Ich verstehe auch, dass manche nicht immer das gleiche Tempo mitgehen können, wie ich es gern hätte.“

Gleichzeitig spricht Keller darüber, was er in all den Jahren über Führung gelernt hat. Erfolg sei im Fußball nie planbar. „Die Managementaufgabe im Fußball ist, die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg zu erhöhen.“ Geprägt hat ihn dabei auch ein Satz seines langjährigen Wegbegleiters Heiko Herrlich: „Du musst immer gleich groß sein im Fußball.“ Man dürfe weder wachsen, wenn man gefeiert wird, noch kleiner werden, wenn man im Feuer der Kritik steht. Für Keller ist genau diese innere Stabilität eine der wichtigsten Voraussetzungen für Führung.

Nach fast zwölf Jahren in verantwortlicher Position im Profifußball hat Keller bewusst Abstand gewonnen. Die Arbeit im Fußball bezeichnet er als „absolutes Privileg“, spricht aber ebenso offen über den Preis, den diese Jahre gefordert haben. Familie und enge Freunde hätten oft zurückstehen müssen. Heute gehe es für ihn darum, Beruf und Privatleben besser in Einklang zu bringen und mit etwas Abstand auf eine Branche zu schauen, die ihn geprägt hat – und die er selbst geprägt hat.

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Mounir Zitouni (55) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Führungskräfte in Bundesligaklubs und Unternehmen in punkto Leadership, Kommunikation und Teamentwicklung. Der ehemalige Profifußballer hat zudem die Autobiographie von Dieter Müller geschrieben und im Buch „Teams erfolgreich führen“ (Metropolitan-Verlag, 2024) die Erkenntnisse aus den Gesprächen im Podcast LEADERTALK zum Thema Leadership zusammengefasst.