Eigentlich ist das Eröffnungsspiel einer neuen Bundesliga-Saison für den Bundestrainer nicht unbedingt der richtige Anlass, um über einen seiner Co-Trainer zu sprechen. Doch möglicherweise wird Jürgen Klopp am Freitagabend genau diese Bühne nutzen, wenn er beim übertragenden Sender ans Mikrofon tritt.
Uli Hoeneß traf mit seinen kritischen Worten über ihn einen Nerv
Das Geraune um ihn wird lauter
Denn rund um einen seiner Assistenten stehen einige Fragen im Raum – und das Geraune um dessen Rolle wird immer lauter: Marc Kosicke.
Was macht Kosicke eigentlich?
Bis heute herrscht erstaunlich wenig Klarheit darüber, was der langjährige Weggefährte Klopps beim DFB eigentlich genau tut. „Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation“ – so hatte der Bundestrainer Kosicke bei seiner Vorstellung bezeichnet. Aha.
Viel genauer konnte Klopp damals nicht werden – obwohl er es offenbar wollte. Als ein Journalist auf der Pressekonferenz nachhakte, übernahm stattdessen DFB-Präsident Bernd Neuendorf die Antwort. Und legte dabei offen, wie weit der verzweifelt wirkende Verband seinem neuen Hoffnungsträger und dessen engstem Vertrauten entgegenkommt.
Kosicke werde „jeden Zugang im Verband“ erhalten und eine „wichtige Schnittstelle in den Verband hinein“ sein, erklärte Neuendorf. Gleichzeitig stellte der DFB-Präsident klar: Der 55-Jährige sei ein externer Mitarbeiter. Es ist eine bemerkenswerte Konstruktion.
Kosicke soll also weitreichenden Zugang innerhalb des DFB erhalten, ist gleichzeitig aber nicht klassisch in dessen Hierarchie eingebunden. Damit ist offenbar auch niemand im Verband im üblichen Sinne sein Vorgesetzter. Seine Loyalität dürfte in erster Linie dem Mann gelten, der ihn mitgebracht hat: Jürgen Klopp. Ein Novum, das Fragen aufwirft und auch in der Branche für Stirnrunzeln sorgt.
Hoeneß hob als Erster den Zeigefinger
Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß hob als Erster öffentlich mahnend den Zeigefinger. Bei RTL sprach er von einem „Friendly Takeover“. Klopp und Kosicke hätten „den DFB übernommen“. Dass ausgerechnet der Patron vom Tegernsee den Zweiflern damit eine prominente Stimme gab, ist durchaus überraschend.
Denn Hoeneß und Kosicke kennen sich seit Jahrzehnten und pflegen grundsätzlich ein gutes Verhältnis. Ihre Wege kreuzten sich immer wieder. Vor allem dann, wenn Klopp in München ein Thema war, tauchte auch Kosicke auf und ordnete die Dinge im Sinne seines Freundes und Klienten – mal dementierte er, mal verriet er kleine Details aus dem Hintergrund. Das Verhältnis zwischen Kosicke und dem FC Bayern lässt sich deshalb vielleicht am besten als heiter bis wolkig beschreiben.
Der 55-Jährige vertrat naturgemäß knallhart die Interessen seiner namhaften Mandanten gegenüber den Münchnern. Gleichzeitig war er dem Klub und seinen Bossen über Jahre erstaunlich nah. Nach eigener Darstellung war Kosicke sogar maßgeblich an der Entwicklung des inzwischen berühmten Bayern-Leitspruchs „Mia san mia“ beteiligt. Der vermeintliche Gegenspieler half also einst dabei, das Selbstverständnis des Rekordmeisters in Worte zu fassen.
An der Säbener Straße war man von Kosickes Fähigkeiten mal angetan, mal genervt und zeitweise auch irritiert. Ein jüngeres Beispiel lieferte erst der vergangene April. Damals berichtete der kicker, Sportvorstand Max Eberl stehe klubintern unter anderem deshalb in der Kritik, weil er weiterhin engen Kontakt zu Kosicke pflege.
Auch die beiden verbindet nämlich eine gemeinsame Vergangenheit. Kosicke beriet Eberl über Jahre und begleitete ihn unter anderem bei dessen Wechsel von Borussia Mönchengladbach zu RB Leipzig. Eine geschäftliche Verbindung besteht offiziell nicht mehr. Der gute Draht ist offenbar geblieben. Dass dieser Kontakt rund um die Säbener Straße überhaupt zum Thema wurde, zeigt, wie unterschiedlich Kosickes Einfluss im Fußballgeschäft bewertet wird.
Graue Eminenz, Strippenzieher oder Heilsbringer?
Je nach Blickwinkel gilt er als graue Eminenz, Strippenzieher oder – neben Klopp – als Heilsbringer. Er polarisiert, gerade weil seine Rolle häufig über die eines klassischen Beraters hinausgeht.
Dass kritische Fragen zu seiner neuen Aufgabe beim DFB einen Nerv treffen, zeigte die Reaktion des Verbandes auf Hoeneß‘ Aussagen. Zunächst konterte Verbands-Vize Ralph-Uwe Schaffert mit einem bissigen Statement. Später schaltete sich mit Hans-Joachim Watzke ein weitaus prominenteres Präsidiumsmitglied ein. Der sagte bei RTL: „Die letzten beiden Bundestrainer kamen vom FC Bayern – mit Julian Nagelsmann und Hansi Flick. Da hat auch niemand gesagt, das ist ein ‚friendly takeover‘ des FC Bayern.“ Der Vergleich hinkt allerdings. Denn weder Flick noch Nagelsmann brachten einen externen Vertrauten mit.
Und als vermeintliche rot-weiße U-Boote taugten Klopps Vorgänger ohnehin schlecht. Schließlich hatte sich der FC Bayern sowohl von Flick als auch von Nagelsmann nicht gerade im Guten getrennt. Watzkes Einwand beantwortet deshalb die eigentliche Frage nach Kosickes Stellung nicht, sondern lenkt ab. Zumal der DFB selbst bislang unterschiedliche Antworten liefert.
Klopp bezeichnete Kosicke als „Co-Trainer“. Neuendorf sprach von einem „externen Mitarbeiter“. In einem Statement des Verbandes gegenüber dem Münchner Merkur wiederum war von einem „externen Berater“ die Rede. Drei Bezeichnungen für einen Mann. Vielleicht findet sich ja noch eine vierte.
Genau hier krankt die Diskussion. Während Watzke mit seinem Bayern-Vergleich bewusst oder unbewusst am Kern der Sache vorbeiredet, liefert der Verband selbst bislang keine einheitliche Antwort darauf, welche Rolle Kosicke eigentlich einnimmt. Dass der DFB Klopp bei der Zusammenstellung seines Teams weit entgegenkam, ist angesichts der aktuellen Misere verständlich.
Nur blieb dabei offenbar eine Frage offen: Wie lässt sich Kosickes Rolle eigentlich genau definieren? Es wirkt so, als sei auf die Schnelle nur wichtig gewesen, den 55-Jährigen zu installieren. Um eine Jobbeschreibung wollte man sich dann später kümmern. Fragen nach Kosickes Rolle sind deswegen legitim.
Die öffentliche Aufregung zwischen Hoeneß und Kosicke dürfte derweil ohnehin größer wirken als der persönliche Konflikt selbst. Wie Sky berichtet, haben sich die beiden inzwischen ausgesprochen. Bleibt also die Frage, mit der alles begonnen hat. Vielleicht kann Klopp sie am Freitagabend beantworten: Was macht Marc Kosicke eigentlich beim DFB?