Auf der Heimreise von Kopenhagen macht Heribert Bruchhagen Station in Hamburg und nimmt sich Zeit für ein Interview mit SPORT1. Schnell wird klar: Auch Jahre nach seinem Abschied aus dem operativen Geschäft verfolgt der 78-Jährige den Fußball so aufmerksam und meinungsstark wie eh und je.
Nagelsmann? „Machen wir uns nichts vor“
Nagelsmann? „Machen wir uns nichts vor“
Im Gespräch spricht Bruchhagen über Eintracht Frankfurt, Markus Krösche, die Zukunft von 50+1, den Einfluss der Ultras, die Macht der Berater – und darüber, warum er manches heute anders sieht als früher.
SPORT1: Herr Bruchhagen, Sie sind seit einigen Jahren raus aus dem operativen Geschäft. Welche Rolle spielt der Fußball heute noch in Ihrem Alltag?
Heribert Bruchhagen: Ich habe noch ein paar Ehrenämter im Fußball. Ich bin im Vergütungsausschuss beim DFB und Mitglied der Egidius-Braun-Stiftung (Unterstützung für soziale Integration, Kinder in Not, Anm. d. Red.). Und ein bisschen bin ich natürlich auch Ansprechpartner für den einen oder anderen Protagonisten der Bundesliga, wo ich dann schon mal um Rat gefragt werde. Ich verfolge die Bundesliga nicht nur im Fernsehen und aus den Medien, sondern besuche auch die Spiele bei Eintracht Frankfurt. Da habe ich eine Ehrenkarte auf Lebenszeit. Ich schaue mir Schalke 04 in der Tönnies-Loge an oder melde mich bei Arminia Bielefeld oder beim FC Gütersloh an. Alles das, was mir gerade gefällt, da gehe ich hin.
„Es ist eine andere Eintracht geworden“
SPORT1: Als wir uns vor einer Woche trafen, kamen Sie rein und sagten sofort, dass Eintracht Frankfurt 1:0 gegen den FC Augsburg führt. Am Ende verlor die Eintracht 1:4, nun gelang beim 3:1 in Mainz der erste Saisonsieg. Den Verein haben Sie also noch immer sehr genau im Blick. Erkennen Sie noch die Eintracht wieder, deren Vorstandsvorsitzender Sie 13 Jahre lang waren – oder ist daraus längst eine andere Eintracht geworden?
Bruchhagen: Es ist eine andere Eintracht geworden. Die Eintracht, die ich geprägt habe, habe ich 2016 in einem ganz anderen, viel besseren Zustand übergeben, als ich sie 2003 vorgefunden habe. Das nehme ich schon in Anspruch. Aber ich habe den Verein sehr konservativ geführt. Wir hatten große Not und ich habe sehr viel dafür getan, dass wir ein konsolidierter Verein sind. Das hat mir viel Kritik eingebracht, aber im Nachhinein auch viel Lob. Nach meiner Zeit hat die Eintracht eine viel mutigere Politik betrieben. Vielleicht hätte ich das auch gemacht, denn ich habe ja die Basis gelegt. Der Verein hatte 2016 keine Schulden, keine Verbindlichkeiten und ein sehr positives Eigenkapital. Danach hat man Anleihen aufgenommen, war mutig auf dem Kapitalmarkt und hat große Transfers gemacht. Man hat mit Fredi Bobic und später Markus Krösche hervorragende Manager verpflichtet. Das waren tolle Entscheidungen. Die Eintracht hat einen großen Schritt gemacht und gehört heute auf jeden Fall ins erste Drittel der Bundesliga. Zu meiner Zeit haben wir uns eher im zweiten Drittel aufgehalten.
SPORT1: Dass andere die Eintracht inzwischen auf ein noch höheres Niveau geführt haben, erkennen Sie ausdrücklich an.
Bruchhagen: Ja, das kann man schon sagen. Eine neue Generation hat es anders gemacht als ich und – in Anführungsstrichen – auch besser gemacht. Nur: Es muss sich bestätigen. Eine mutige Finanzpolitik muss sich bestätigen. Aber ich habe keine Sorgen, dass die Eintracht sich auf dem Niveau, auf dem sie sich jetzt bewegt, halten kann. Für mich ist das ein Verein, der zwischen Platz fünf und zehn spielt. Zu meiner Zeit haben wir zwischen Platz acht und 16 gespielt.
Was Bruchhagen an Krösche schätzt
SPORT1: Sie schwärmen auch von Markus Krösche. Was macht er besser als andere Manager?
Bruchhagen: „Besser“ gefällt mir nicht. Er ist erfolgreich. Absolut erfolgreich. Er holt junge Spieler, die schon etwas geleistet haben, aber sich dann in den nächsten zwei, drei Jahren bei der Eintracht enorm entwickeln. Er erkennt also das Potenzial dieser Spieler. Und auch seine Interviews gefallen mir. Er tritt sehr bescheiden auf. Krösche macht nicht auf großen Superman. Ich weiß von meinen früheren Mitarbeitern, dass er im Umgang mit Menschen und mit dem Personal bei der Eintracht genau den richtigen Ton findet. Also er kann schon was und ist auch als Typ sehr anerkannt.
SPORT1: Die Eintracht entwickelt seit Jahren junge Spieler und verkauft sie für enorme Summen. Ist das moderne wirtschaftliche Vernunft – oder wäre Ihnen manches davon früher zu riskant gewesen?
Bruchhagen: Nein, die Eintracht kann sich gar nicht dagegen wehren. Die Spieler entwickeln sich weiter und bekommen Angebote, die die Eintracht einfach nicht darstellen kann. Der Lizenzspieleretat ist heute bei der Eintracht um ein Dreieinhalbfaches höher als zu meiner Zeit. Wenn Spieler herausragen, vom internationalen Markt gefragt werden und mit ihren Beratern ins Büro von Krösche kommen und sagen: „Ich möchte dahin wechseln“, dann kannst du irgendwann nicht mehr Nein sagen. Wenn du bei den Angeboten mitziehst, die der internationale Markt bringt, steigen natürlich auch die Gehälter der Mannschaftskameraden. Alles geht hoch. Da musst du irgendwann einen Cut machen. Vor dieser Situation steht die Eintracht eigentlich immer.
SPORT1: Sie galten immer als vorsichtiger Kaufmann, der darauf geachtet hat, keine Abenteuer zu veranstalten. Würde der Manager Heribert Bruchhagen mit seiner Philosophie im Fußball des Jahres 2026 überhaupt noch erfolgreich funktionieren?
Bruchhagen: Die Frage ist berechtigt. Eins ist sicher: Ich habe niemals einen Lizenzspieleretat, der aufgestellt war, überzogen. Und es kam überhaupt nicht infrage, mit einer negativen Bilanz in ein neues Jahr zu ziehen. Das ist ein Image, das man sich angeeignet hat und hinter dem ich auch stand. Man muss sich ja wohlfühlen bei dem, was man tut und wie man einen Verein führt. Jeder wusste, wenn er mich holt, was am Ende geliefert wird. Dass einem das nicht immer Beifall gebracht hat und man als mit Ärmelschonern versehener Sparkommissar gemalt wird, ist halt so. Aber ich habe mich damit wohlgefühlt. Ein bisschen Zweifel habe ich schon, dass ich im Jahr 2026 noch der geeignete Mann in einer Führungsposition bei einem Bundesligisten wäre. Alles zu seiner Zeit.
Bruchhagen warnt vor Berater-Macht
SPORT1: Wir kommen kurz zum ehemaligen Eintracht-Trainer Albert Riera. Als er in Frankfurt sehr selbstbewusst auftrat, kritisierten Sie ihn. Stört Sie an solchen Auftritten das Selbstbewusstsein oder eher die Inszenierung
Bruchhagen: Es wurde eingespielt, dass Riera sagt: „Wenn ich meine Spieler bitte, vom Balkon zu springen, dann springen sie vom Balkon.“ Daraufhin habe ich gesagt: Ich kenne Eintracht Frankfurt. Und wenn einer vom Balkon springt in einem Jahr, dann ist es der Trainer und nicht die Mannschaft. Das war völlig überzogen. Mich stört bei einigen Trainern die selbstdarstellerische Attitüde, die sie inzwischen vor der Bank an den Tag legen. Die Menschen kommen ja nicht wegen des tanzenden Trainers. Die kommen wegen des Fußballs und wegen der Spieler.
SPORT1: Ist der heutige Fußball insgesamt zu sehr zu einer Bühne für Trainer, Spieler und Berater geworden und der Verein manchmal nur noch Kulisse?
Bruchhagen: Vor allem muss man aufpassen, dass der Verein nicht in die Kulisse verschoben wird. Der Beratereinfluss wird immer größer. Das ist ein Kardinalfehler im Fußball. Ich wäre nach Hause gefahren, bevor ich Berater an Transfererlösen prozentual beteilige. Was ist das denn? Das Geld verlässt sozusagen den Kreis des Fußballs. Wenn es aber einer außenstehenden Gruppe zugeteilt wird, darf das nicht sein. Die Vereine müssen aufpassen, dass sie ihre Identität und ihr Selbstbestimmungsrecht nicht Stück für Stück preisgeben.
SPORT1: Ist das Beratergeschäft immer perverser geworden?
Bruchhagen: Ja. Bei mir haben Berater ihre zehn Prozent vom Grundgehalt des Spielers pro rata temporis, also jeweils im laufenden Jahr, bekommen. Das war meine Maxime. Ursprünglich habe ich ungern mit Beratern zusammengearbeitet. Als ich HSV-Manager war, 1992 bis 1994, konnte ich das fast ganz verhindern und mit den Spielern direkt sprechen.
SPORT1: Und dass heute sogar Trainer Berater haben, können Sie noch weniger nachvollziehen?
Bruchhagen: Was ist das denn, wenn Trainer heute Berater haben? Trainer, die Entscheidungen treffen müssen, die stark sein müssen, schicken Berater zur Verlängerung ihres Vertrages. Wenn ich einen Trainer verpflichte, will ich dem gegenübersitzen. Dann kann er mir sagen, was er möchte. Aber ich lasse mich doch nicht über dritte Personen über einen Trainer informieren, den ich verpflichten möchte. Undenkbar. Aber es ist heute scheinbar nicht ganz so ungewöhnlich.
Klare Worte zu Nagelsmann und Klopp
SPORT1: Julian Nagelsmann ist vor einigen Jahren zu Volker Struth gewechselt, einem der einflussreichsten Berater in dem Geschäft.
Bruchhagen: Deshalb ist Nagelsmann nicht als Bundestrainer gescheitert. Er hat natürlich auch von der Bundesliga keine gute Mannschaft zur Verfügung gestellt bekommen. Machen wir uns doch nichts vor. Wir haben keine Linienspieler rechts gehabt, keine Linienspieler links, keinen Mittelstürmer mit internationalem Niveau. Wir haben so viele Defizite gehabt. Ob Nagelsmann da mit seiner Freundin Fahrrad fährt oder seine Mutter zu Besuch kommt – das ist doch alles Killefitz. Entscheidend ist: Welches Team stellt er zusammen und welche Qualität stellt die Bundesliga ihm zur Verfügung? Und das war scheinbar nicht genug.
SPORT1: Tut Ihnen Nagelsmann ein bisschen leid nach dem, was ihm mit dieser WM und diesem Aus widerfahren ist?
Bruchhagen: Der ist ein junger Trainer. Der hat Bayern München trainiert, war Nationaltrainer, Nagelsmann hat noch eine große Karriere vor sich. Da muss man sich überhaupt keine Sorgen machen. Aber auch der nächste Bundestrainer, auch Klopp, wird feststellen müssen: Habe ich gute Spieler – ja oder nein? Da bin ich ja mal gespannt.
SPORT1: Skeptisch gegenüber Jürgen Klopp sind Sie also nicht.
Bruchhagen: Nein. Jürgen Klopp bietet sich an. Ich bin nicht skeptisch – noch. (lacht)
„England wird immer vorneweglaufen“
SPORT1: In der Premier League werden erneut enorme Transfersummen bewegt. Hat die Bundesliga den wirtschaftlichen Wettbewerb mit England längst verloren?
Bruchhagen: Da muss man auch die Kolonialgeschichte beachten. Die englische Sprache ist weltweit verbreitet. Die Premier League und England haben weltweit einen solchen Vorsprung. Den können wir gar nicht einholen. Deswegen müssen wir gar nicht so traurig sein. Wir liegen ungefähr in einer Linie mit Frankreich, Spanien werden wir auch nicht einholen können. England wird immer vorneweglaufen. Das hängt auch mit der Sprache und der kolonialen Vergangenheit zusammen.
SPORT1: Aber hat sich der Fußball von Ihrer Welt verabschiedet, wenn für junge Spieler 60, 70 oder 100 Millionen Euro bezahlt werden?
Bruchhagen: Es war ja auch immer schon viel. Mein bestbezahlter Spieler beim HSV war Thomas von Heesen 1992, 1989 bei Schalke 04 Alexander Borodjuk. Damals hieß es auch: Ach, der von Heesen verdient enorm viel Geld.
Jetzt sind die Summen natürlich so, da fehlt mir jegliche Fantasie, wie es dazu kommen kann. Aber sollen wir jetzt sagen: Schluss, aus, der Fußball wird abgeschafft? Nein. Die Entwicklung wird weitergehen. Und die Stadien sind voll. Es zieht immer mehr Menschen in die Stadien. Ich weiß noch, dass mein großartiger Kollege Bernd Hölzenbein gesagt hat: Im Waldstadion zu meiner Zeit, wenn es in der Halbzeit 0:0 stand, waren da 18.000 Zuschauer und die haben gepfiffen. Heute steht es in der Halbzeit 0:0 und 56.000 singen und jubeln. Der Zulauf, den der Fußball erfährt, ist immens. Und daraus resultieren zwangsläufig auch die hohen Gelder.
Bruchhagens große Sorge
SPORT1: Ihre größere Sorge betrifft ohnehin eine Entwicklung innerhalb der Bundesliga.
Bruchhagen: Meine große Sorge ist der Einfluss der Ultras, die ja nicht mal auf Pyrotechnik verzichten. Was wir bei Waldhof gegen Kaiserslautern gesehen haben, diese Bilder – diese Entwicklung der Jugendgruppe Ultras ist nicht zielführend für das, was ich mir unter Fußball vorstelle. Solange ich erleben muss, dass man glaubt, Pyrotechnik gehöre zum Spiel, stört mich diese Fehleinschätzung sehr. Das ist der reinste Blödsinn. Aber wer traut sich schon, diesen Gruppierungen entgegenzutreten? Kaum jemand. Weil sie dann im eigenen Verein genug Theater haben. Und das gibt ihnen ein Machtgefühl, das in keiner Weise gerechtfertigt ist.
SPORT1: Sie saßen viele Jahre im Vorstand der DFL. Was müsste der deutsche Fußball verändern, um wirtschaftlich nicht weiter zurückzufallen?
Bruchhagen: Fallen wir denn zurück? Ich sehe uns im europäischen Vergleich immer noch im oberen Bereich. Spanien hat zwar eklatante Vereine. Aber schauen Sie sich mal an, wenn der spanische Zwölfte gegen den 14. spielt. Da muss man nicht begeistert sein. Ähnlich ist es in Frankreich mit Paris Saint-Germain. England ist uneingeschränkt dominant. Aber ansonsten sehe ich uns nicht zurückfallen. Die Bundesliga ist weiter ein super Produkt.
SPORT1: Muss auch über Dinge gesprochen werden, die lange beinahe unantastbar waren? 50+1, Investoren und deutlich mehr externes Kapital?
Bruchhagen: Ich habe 50+1 als Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga unter der Führung von Wolfgang Holzhäuser mitgeboren, sozusagen. Und das aus Überzeugung. Ein bisschen bin ich ins Zweifeln gekommen, ob das noch zeitgemäß ist. Ich tendiere ein bisschen dahin: Ich habe 50+1 aus Überzeugung mit installiert, bin heute aber nicht mehr so sicher, ob sich das in der Zukunft aufrechterhalten lässt.
SPORT1: Heißt das: 50+1 wird in seiner heutigen Form auf Dauer nicht bestehen können?
Bruchhagen: Das ist ein sehr diffiziles Thema. Da müssen sich die Protagonisten der Bundesliga gut überlegen, welche Grammatik man aufstellt, um auch Investoren reinzulassen, ohne die sportlichen Grundsätze aufzuweichen. Sicherlich wird es eine Modifizierung der 50+1-Regelung geben müssen. Das liegt geradezu in der Luft.
SPORT1: Beruhigen wir mit unserer Tradition unser Gewissen, während die internationale Konkurrenz wirtschaftlich immer weiter nach vorne galoppiert?
Bruchhagen: Nein. Die Tradition führt ja auch dazu, dass wir volle Stadien haben. Wir können stolz darauf sein, dass man für rund 200 Euro in der Regel 17 Bundesligaspiele sehen kann. Überall gehen die Menschen voller Begeisterung zum Fußball. Da muss man jetzt nicht einen englischen, indischen, chinesischen oder saudi-arabischen Investor haben, der mit seinen Anteilen über die Personalhoheit bestimmen kann. Das würde zu einer Entfremdung führen. Deswegen müssen wir einen Weg finden, Investoren zuzulassen, aber gleichzeitig die Eigenständigkeit der Vereine und ihre Personalhoheit zu gewährleisten.
Bruchhagen sieht Bayern „nur noch mit dem Fernglas“
SPORT1: Sie haben schon früh gesagt, dass der FC Bayern aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke dauerhaft kaum einzuholen ist. Fühlen Sie sich heute bestätigt?
Bruchhagen: Ich habe in Interviews vor 25 Jahren schon gesagt: In den nächsten zehn Jahren wird Bayern München mindestens achtmal Deutscher Meister. Es ist noch krasser gekommen. Das Ganze begann mit dem Vorteil, dass sie das Olympiastadion hatten und damit Beckenbauer, Müller, Hoeneß und Breitner halten konnten. Dann hatten sie ihren Vorsprung. Und diesen Vorsprung haben sie dank Uli Hoeneß über Jahrzehnte verteidigt, immer wieder gute Entscheidungen getroffen und sich komplett vom Markt abgenabelt. Ich sehe die Bayern erst einmal – wie Uli so schön sagt – nur noch mit dem Fernglas.
SPORT1: Ist die Bayern-Dominanz ein Problem des FC Bayern oder ein Versagen der Konkurrenten?
Bruchhagen: Nein, die Bayern machen es einfach gut. Sie haben einen wunderbaren Wettbewerbsvorteil ausgenutzt und in der Folge immer wieder konsequent gearbeitet. Die Dominanz ist in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Und die Vorhersehbarkeit der Bundesliga ist sicherlich eine Schwäche. Man kann doch jetzt schon sagen: Ich nenne Ihnen sechs Mannschaften, und die ersten vier Plätze werden von diesen sechs Mannschaften belegt.
SPORT1: Langweilig finden Sie die Bundesliga deshalb trotzdem nicht.
Bruchhagen: Nein, scheinbar nicht. Sonst wären die Stadien nicht voll. Das einzelne Spiel hat immer noch ein hohes Maß an Spannung. Nur die tabellarische Situation ist vorhersehbarer. Der Abstiegskampf bleibt natürlich spannend.
SPORT1: Was war ein großer Irrtum von Ihnen?
Bruchhagen: Das war sicherlich der Spieler Caio. Das war der teuerste Spieler, den ich in meiner Zeit in Frankfurt auf Empfehlung von Hölzenbein verpflichtet habe. Wir waren so überzeugt. Hölzenbein war zweimal in Brasilien. Wir haben Bilder gesehen: die Schusstechnik, der ganze Spieler, 19 Jahre alt. Fünf Millionen waren damals eine riesige Summe. Und Caio kam. Er war ein herzensguter Junge, wurde jede Woche ein Kilo schwerer und war beliebt. Aber er war für den Profifußball nicht geeignet. Das hat schon wehgetan.
SPORT1: Funktioniert der Fußball, an den Heribert Bruchhagen glaubt, im Jahr 2026 überhaupt noch – oder gehört Ihre Vorstellung von diesem Geschäft inzwischen zu einer vergangenen Epoche?
Bruchhagen: Nein. Ich bin immer noch gerne dabei. Ich liebe den Fußball immer noch. Das, was ich kritisch anzumerken habe, habe ich sicherlich gesagt. Aber dass ich jetzt resigniert sagen würde: Mit dem Fußball will ich nichts mehr zu tun haben. Nein! Jedes Wochenende bin ich hochinteressiert und gucke: Wo könnte ich hinfahren? Was könnte ich sehen? Ich muss natürlich ein bisschen aufpassen, dass meine Frau, die auch schon seit 61 Jahren an meiner Seite ist, zustimmt. (lacht) Aber ich bin nach wie vor präsent und verfolge das Ganze mit großem Interesse. Es gibt nichts zu beklagen. Die Dinge sind nur vielfach anders als zu meiner Zeit.