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Kane mittendrin im aberwitzigen Wahlkampf

Kane mittendrin im aberwitzigen Wahlkampf

Seit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kein Abo mehr auf die Trophäe haben, ist der Kampf um den Ballon d’Or wieder spannender geworden. In diesem Jahr treibt er allerdings besonders seltsame Blüten. Vor allem zwei Stars haben den Wahlkampf eröffnet – und Lothar Matthäus hat dazu eine klare Meinung.
Lange war das Rennen um den Ballon d'Or nicht mehr so offen. Mit Harry Kane und Michael Olise rechnen sich auch zwei Bayern-Akteure realistische Chancen aus.
Seit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kein Abo mehr auf die Trophäe haben, ist der Kampf um den Ballon d’Or wieder spannender geworden. In diesem Jahr treibt er allerdings besonders seltsame Blüten. Vor allem zwei Stars haben den Wahlkampf eröffnet – und Lothar Matthäus hat dazu eine klare Meinung.

Es gibt gewisse Standardsätze, die Fußball-Fans immer wieder zu hören bekommen, wenn ihre Stars auf die eigenen Leistungen angesprochen werden. Gerne heißt es dann, man wolle „die Leistungen sprechen lassen“. Und überhaupt sollten diese Leistungen schließlich „andere bewerten“. Schöne Sätze. Bescheidene Sätze. Vor allem aber: Sätze, die offenbar ein wenig aus der Mode gekommen sind. Zumindest im aktuellen Kampf um den Ballon d’Or.

Vor allem Lamine Yamal und Kylian Mbappé tragen ihre Ambitionen ziemlich offensiv zur Schau. Der Spanier erklärte jüngst bei Movistar Plus, der Ballon d’Or müsse an den besten Spieler gehen – „nicht an den, der 80 Tore schießt“. Man musste nicht besonders lange grübeln, um zu erkennen, wem diese Spitze gelten könnte. Harry Kane hat in der vergangenen Saison schließlich Tore in geradezu grotesker Anzahl produziert. Entsprechend wurde Yamals Aussage in München auch verstanden.

Matthäus wundert sich über „Wahlkampf“

„Es muss ja Wahlkampf gemacht werden“, sagte Sportvorstand Max Eberl in der vergangenen Woche und fügte vielsagend an: „Am besten sind die Spieler, die keinen Wahlkampf brauchen.“ Einer, der selbst ziemlich genau weiß, wie sich Auszeichnungen anfühlen, sieht das ähnlich.

Lothar Matthäus beobachtet das Treiben mit einer gewissen Verwunderung. „Wahlkampf kommt nur von zwei Spielern. Von Kylian Mbappé und Lamine Yamal“, sagte der Rekordnationalspieler am Dienstag zu SPORT1. „Kane habe ich nicht gehört und Michael Olise redet sowieso nicht viel.“ Auch einen weiteren prominenten Kandidaten nimmt Matthäus ausdrücklich aus: „Rodri ist clever genug, hat den Ballon d’Or ja auch schon gewonnen. Auch hier ist alles ruhig.“

Mbappé geht in die Offensive

Ruhe ist in diesen Tagen allerdings nicht unbedingt Mbappés bevorzugte Disziplin. Der Franzose lässt jedenfalls wenig Zweifel daran, dass er sich selbst für einen ziemlich geeigneten Sieger hält. Zu Recht?

„Bei Mbappé vermisse ich aber etwas: Er hat keinen einzigen Titel gewonnen in den letzten zwölf Monaten“, sagt Matthäus. „Lamine Yamal hat zwei Titel gewonnen, es war aber nicht seine überragende Saison. Vor allem nicht in Barcelona.“ Genau darin steckt das Kuriose an diesem Ballon-d’Or-Wahlkampf. Die sportlichen Argumente liegen längst auf dem Tisch. Tore, Titel, individuelle Leistungen, Auftritte bei der Weltmeisterschaft – die 100 stimmberechtigten Journalisten können sich ein ziemlich umfassendes Bild machen.

Trotzdem wird getrommelt, als würde in wenigen Wochen nicht der Ballon d’Or, sondern ein politisches Amt vergeben. Und Mbappé beherrscht den Wahlkampf durchaus. Sein bislang bemerkenswertester Auftritt war das Interview mit RFI.

Ein auffälliges Timing

Mbappé erzählte von seiner afrikanischen Prägung und seinen familiären Wurzeln. Anschließend bedankte er sich für die Unterstützung und erklärte, dass er den Ballon d’Or Afrika widmen wolle. Als Sohn eines Kameruners und einer Französin mit algerischen Wurzeln ist die Verbundenheit nachvollziehbar. Das Timing ist allerdings verdächtig. Wer darin keinen Wahlkampf erkennen möchte, dürfte vermutlich auch Wahlplakate für besonders aufwendig gestaltete Straßenlaternen halten.

Entsprechend bissig fallen manche Reaktionen in den sozialen Netzwerken aus. Dort wird Mbappé vorgeworfen, seine afrikanischen Wurzeln nun ziemlich passend in Szene zu setzen. Ob dieser Vorwurf fair ist, lässt sich kaum beweisen. Dass die Aktion in dieser Phase des Rennens um den Ballon d’Or mindestens unglücklich wirkt, allerdings schon.

Kane lässt andere sprechen

Ganz anders Kane. Der 33-Jährige gibt weiterhin den Gentleman und verzichtet auf Kampfansagen. Stattdessen greift er auf jene alten Fußballer-Floskeln zurück, die in diesem Wahlkampf beinahe schon erfrischend antiquiert wirken. „Ich rede nicht wirklich gern über mich selbst. Ich lasse lieber meinen Fußball für mich sprechen, meine Taten auf dem Platz“, sagte der Engländer. Was natürlich nicht bedeutet, dass rund um Kane niemand Wahlkampf betreibt. Der FC Bayern tut das durchaus.

In schöner Regelmäßigkeit bringen die klubeigenen Medien Videos, Statistiken und Beiträge unters Fußballvolk, die erklären sollen, warum Kane die Auszeichnung verdient hätte. Selbst Rio Ferdinand durfte beim Rekordmeister ins Mikrofon sprechen und seinen Landsmann loben – obwohl die englische Legende mit dem FC Bayern ansonsten eher wenig verbindet. Auch das gehört zum Spiel. Nur gibt es einen Unterschied: Kane selbst hält sich bislang heraus. Und genau deshalb hat nun ausgerechnet Matthäus beschlossen, die Sache für ihn zu übernehmen.

„Deswegen mache ich jetzt mal bisschen Wahlkampf für Harry Kane“, kündigt der Weltmeister von 1990 an. Und dann legt er los: „Er hat viel vorzuweisen: Titel, gute Leistungen, viele Tore, großen Unterhaltungswert und vor allem ein sauberes Auftreten nach außen.“ Damit ist endgültig ausgesprochen, worum es inzwischen geht. Nicht mehr nur um Tore, Dribblings und Titel. Sondern auch darum, wer seine Argumente am wirkungsvollsten verkauft. Kane lässt offenbar weiterhin andere für sich sprechen. Und Mbappé? Der hat zumindest längst bewiesen, dass er nicht nur weiß, wo das Tor steht – sondern auch, wo die Wähler sitzen.