Drei Spiele, drei Niederlagen – und bereits zwölf Gegentore: Bei Borussia Mönchengladbach ist der Fehlstart perfekt. Die Trennung von Trainer Eugen Polanski war die erste Konsequenz. Nun soll ein erfahrener Coach den Traditionsklub wieder auf Kurs bringen.
Legende Brouwers empfiehlt Gladbach Favre
Legende Brouwers empfiehlt Gladbach Favre
Einer, der weiß, wie ein solcher Neustart gelingen kann, ist Roel Brouwers. Der ehemalige Gladbacher und Publikumsliebling erlebte 2011 selbst, wie Lucien Favre den Klub in einer schwierigen Situation übernahm und vor dem sicher geglaubten Abstieg rettete. Im SPORT1-Interview erklärt der 44-Jährige, warum er Favre auch heute noch für den richtigen Mann hielte, was er Tim Kleindienst vorwirft und weshalb das nächste Spiel gegen Mainz bereits richtungsweisend ist.
Polanski „Opfer dieser Entwicklung“
SPORT1: Herr Brouwers, 0:5 in Freiburg, null Punkte nach drei Spielen, Tabellenvorletzter – und jetzt die Trennung von Eugen Polanski. Wie sehen Sie die Situation bei Borussia Mönchengladbach?
Brouwers: Ganz unerwartet kam die Entscheidung nicht, würde ich sagen. Ich finde es natürlich schade für Eugen, mit dem ich noch ein Jahr zusammen gespielt habe. Ich habe ihn schon zuvor öfter bei der U23 gesehen, wenn ich bei den Spielen war. Er hat dort eigentlich immer einen richtig guten Job gemacht. Aber schon im Sommer gab es Zweifel, ob er bleibt oder nicht. Wenn du dann die ersten drei Spiele verlierst, kommt die Trennung natürlich nicht ganz unerwartet. Trotzdem finde ich es für ihn persönlich sehr schade.
SPORT1: Trägt die Mannschaft nicht mindestens genauso viel Verantwortung für die Krise wie der Trainer?
Brouwers: Ja, definitiv. Ich finde, Eugen ist ein bisschen das Opfer dieser Entwicklung geworden. Aber auch als Spieler muss ich sagen: Wenn du zu Hause 3:1 gegen Elversberg führst, darfst du das niemals mehr aus der Hand geben. In Freiburg kann man verlieren, die waren für uns schon immer ein schwieriger Gegner. Aber wenn du dort mit zehn Mann 0:5 verlierst, das geht natürlich nicht. Da musst du alles dafür tun, dass du nicht mit fünf Gegentoren vom Platz gehst. Solche Dinge zeigen, dass etwas im Verein passieren musste. Jetzt ist Eugen leider das Opfer davon geworden. Aber die Spieler müssen sich genauso hinterfragen, was sie da abgeliefert haben.
SPORT1: Was muss sich denn jetzt auf dem Platz ändern?
Brouwers: Vor allem die Defensive. Wenn du so viele Gegentore bekommst, musst du erst einmal dafür sorgen, dass hinten die Null steht. Als Spieler musst du alles dafür tun, kein Gegentor zu bekommen. Du musst dich hinschmeißen, clever sein und alles dafür geben, dass der Gegner nicht trifft. Wenn du siehst, wie viele Gegentore Gladbach jetzt in drei Spielen bekommen hat, ist das einfach viel zu viel.
SPORT1: Kann man von außen beurteilen, ob es innerhalb der Mannschaft nicht stimmt?
Brouwers: Das ist für mich richtig schwierig zu beurteilen, weil ich natürlich zu wenig davon mitbekomme. Das kann ich im Moment nicht sagen. Ich habe natürlich gelesen, was Tim Kleindienst letzte Woche gesagt hat. Aber wenn du so etwas sagst und dann im nächsten Spiel selbst mit Gelb-Rot vom Platz fliegst, ist das natürlich nicht besonders gut getimt. Dann musst du dich natürlich auch hinterfragen. Tim ist ein guter Spieler, aber da muss er cleverer sein. Wenn du solche Dinge sagst, musst du auch die Mannschaft mitnehmen und darfst sie nicht durch eine Rote Karte zusätzlich benachteiligen.
Favre? „Würde ihn direkt zurückholen“
SPORT1: Die aktuelle Situation erinnert ein bisschen an die Saison 2010/11, als Lucien Favre die Borussia als Tabellenletzten übernahm. Damals war die Borussia ebenfalls hinten völlig offen, dann kam Favre und plötzlich funktionierte es. Kann man das vergleichen?
Brouwers: Ich denke schon. Die Frage ist natürlich, ob es mit einem neuen Trainer jetzt auch direkt so schnell gehen kann. Bei Favre hat sich eigentlich schon ab dem ersten Spiel etwas verändert. Seine Philosophie hat genau gepasst, und die Spieler waren dafür da. Das hat von Tag eins an funktioniert.
SPORT1: Wäre Favre auch jetzt genau der richtige Trainer für Gladbach?
Brouwers: Ich habe viereinhalb Jahre unter Favre trainiert und kann eigentlich nur Positives über ihn sagen. Die Frage ist natürlich, ob er mit dieser Mannschaft das noch einmal genauso machen könnte wie damals. Das ist schwierig zu sagen. Aber wenn du mich fragst: Wenn du Favre bekommen kannst, würde ich ihn immer holen. Wenn es geht, würde ich ihn direkt zurückholen.
SPORT1: Das Problem ist nur: Favre hat seinen Rücktritt vom Trainerjob angekündigt. Glauben Sie, dass er sich noch einmal umstimmen lässt?
Brouwers: Das ist natürlich die Frage. Ich glaube nicht, dass er es macht, weil er seinen Rücktritt angekündigt hat. Aber wenn es möglich wäre, würde ich ihn direkt zurückholen.
SPORT1: Sollte Gladbach jetzt generell auf einen erfahrenen Trainer setzen?
Brouwers: Ich denke schon, dass nach Eugen ein erfahrener Trainer im Moment wichtig sein kann. Wenn es jetzt so gelaufen ist, hat man die Chance, eine andere Richtung einzuschlagen.
Gegen Mainz und Köln müssen Siege her
SPORT1: Jetzt steht das Heimspiel Mainz an. Ist das bereits ein Schlüsselspiel?
Brouwers: Ja, auf jeden Fall. Leipzig ist ein guter Verein, da kann man verlieren. Aber 0:3 finde ich schon zu viel. Dann verlierst du zu Hause 3:4 gegen Elversberg und jetzt 0:5 in Freiburg. Da muss man jetzt gewinnen. Alle müssen Gas geben und dafür sorgen, dass die drei Punkte in Gladbach bleiben. Egal wie. Von mir aus kann das 1:0 in der 93. Minute fallen. Im Moment sind die drei Punkte das Wichtigste, auch um wieder Vertrauen zu tanken. Jetzt muss eigentlich gewonnen werden.
SPORT1: Und danach wartet das Derby in Köln.
Brouwers: Genau. Köln ist natürlich ein Spiel, das man eigentlich immer gewinnen muss – für den ganzen Verein, für die Stadt und für die Fans. Wenn du jetzt diese beiden Spiele gewinnst und sechs Punkte holst, wäre das natürlich optimal.
SPORT1: Sie waren auch dabei, als Gladbach 2015 die ersten fünf Saisonspiele verlor und Favre die Brocken hinschmiss. Damals kam André Schubert – und am Ende wurde die Borussia Vierter und qualifizierte sich für die Champions League. Macht Ihnen das Hoffnung?
Brouwers: Ja, natürlich. Ich war damals noch die ganze Saison dabei. Nach den ersten fünf Spielen kam Schubert, und unter ihm habe ich eigentlich keine Chance mehr bekommen. Aber wir sind letztendlich Vierter geworden und haben uns für die Champions League qualifiziert.
SPORT1: Das zeigt: Nach drei Spieltagen kann noch sehr viel passieren.
Brouwers: Ja, drei Spieltage sind eigentlich noch nichts. Aber es ist immer schwierig, wenn du unten drinstehst, wieder herauszukommen. Deshalb musst du schnell Punkte holen. Wenn du nach acht oder neun Spieltagen immer noch da unten stehst, wird es richtig schwierig. Je länger du unten bleibst, desto schwieriger wird es. Deswegen müssen sie jetzt gewinnen, um wieder in Schwung zu kommen und vom Tabellenkeller wegzukommen.