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Urbigs Einsatz: Ein sensibles Thema - SPORT1

Urbigs Einsatz: Ein sensibles Thema

Der FC Bayern kann im Rückspiel gegen Bergamo auf Jonas Urbig zählen - obwohl er noch vor kurzem Symptome einer Gehirnerschütterung zeigte. SPORT1 erklärt, wie das offizielle Prozedere aussieht.
Trainer Vincent Kompany gibt ein Update zum Gesundheitsstatus von Jonas Urbig. Zudem spricht er über Leonard Prescott, der zur Alternative werden könnte.
Der FC Bayern kann im Rückspiel gegen Bergamo auf Jonas Urbig zählen - obwohl er noch vor kurzem Symptome einer Gehirnerschütterung zeigte. SPORT1 erklärt, wie das offizielle Prozedere aussieht.

Spielt Jonas Urbig? Oder doch nicht? Diese Frage stellten sich viele Fans des FC Bayern vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Atalanta Bergamo am Mittwochabend (ab 21 Uhr im LIVETICKER).

Inzwischen gibt es die Antwort: Urbig steht – wie von SPORT1 vorab berichtet – wieder auf dem Platz, wurde vom FCB in der offiziellen Aufstellung gelistet. Stoff für Diskussionen liefert sein Fall trotzdem weiterhin.

FC Bayern: Urbig war am Montag noch nicht symptomfrei

Zur Erinnerung: Im Hinspiel vor einer Woche hatte sich der Schlussmann eine Gehirnerschütterung zugezogen. Weil Stammkeeper Manuel Neuer und inzwischen auch der dritte Torwart Sven Ulreich ebenfalls verletzt sind, ergab sich eine prekäre Lage: Als beste Alternative blieb der erst 16 Jahre alte Nachwuchskeeper Leonard Prescott.

Urbig absolvierte ärztliche Untersuchungen am Montag nach SPORT1-Informationen zwar mit einem guten Ergebnis, ganz symptomfrei war er dabei aber noch nicht. Vor allem bei Landungen nach Flugeinlagen hatte der 22-Jährige noch mit Beschwerden zu kämpfen.

Die Frage, ob Urbig trotzdem einsatzfähig sein würde, war von Anfang an eine sensible: Das Bewusstsein für die Gefahr von Gehirnerschütterungen ist im Sport gewachsen – nicht nur in den von dramatisch-tragischen Fällen stark betroffenen US-Ligen wie NFL und NHL, auch im Fußball.

Schnelle Entscheidung im UEFA-Protokoll

Maßgeblich für Urbig ist das Protokoll der UEFA im Hinblick auf Kopfverletzungen – welches sich von dem in anderen Ligen in manchen Punkten unterscheidet.

Die Charta für Gehirnerschütterungen wurde von der Medizinischen Kommission der UEFA entwickelt und soll die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler schützen.

Besteht während eines Spiels der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung, muss das Spiel vom Schiedsrichter unterbrochen und der Spieler von den Mannschaftsärzten untersucht werden. Die Untersuchung sollte dabei nicht länger als drei Minuten dauern, außer ein ernsthafter Vorfall erfordert es, eine weitere Behandlung auf dem Feld durchzuführen.

Kann innerhalb von drei Minuten keine Entscheidung getroffen werden, beziehungsweise besteht der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung, sollte der Spieler nicht mehr weitermachen dürfen. Die vorgegebenen drei Minuten sorgten dabei bereits mehrfach für Kritik, ist dies doch verhältnismäßig wenig Zeit, um angemessen zu diagnostizieren.

Eine Fortführung des Spiels ist nur möglich, wenn der Mannschaftsarzt dem Trainer und Schiedsrichter bestätigt, dass der Spieler auch spielfähig ist. Die Entscheidung obliegt dabei allein dem Mannschaftsarzt.

Unabhängige Beobachter in der NFL

Ein Unterschied im Vergleich zur NFL: Bei jedem Spiel der Football-Liga sitzen zwei unabhängige Beobachter, sogenannte „AT Spotter“ (AT steht für Athletic Trainer) auf der Tribüne. Diese achten in jedem Spielzug auf eine mögliche Verletzung. Werden sie auf eine solche aufmerksam, können sie sofort das Spiel unterbrechen und mit dem Team per Funk in Kontakt treten.

Zeigt ein Spieler Symptome einer Gehirnerschütterung, muss er im blauen Medizinzelt an der Seitenlinie und später in der Kabine auf „No-Go“-Symptome untersucht werden. Dazu zählen beispielsweise Bewusstseinsverlust, Orientierungslosigkeit, Amnesie, Abwehrreaktionen oder Verwirrtheit.

Wird auch nur ein Symptom davon festgestellt, wird das Concussion Protocol eingeleitet, eine Rückkehr auf das Spielfeld ist unmöglich.

Die Untersuchung wird im Gegensatz zur UEFA nicht nur durch einen Mannschaftsarzt, sondern auch durch einen unabhängigen Neurotrauma-Betreuer (UNC) durchgeführt.

UEFA-Vorgaben wenig konkret

Unterschiede gibt es nach Abklingen der Gehirnerschütterung auch bei der Rückkehr auf das Spielfeld.

Im UEFA-Protokoll ist geregelt, dass der Teamarzt den Verband vor einer Rückkehr schriftlich darüber zu informieren hat, dass der Spieler sich einer „umfassenden, multimodalen ärztlichen Untersuchung unterzogen hat“.

Zudem muss er „jeden der Schritte des Protokolls zur schrittweisen Rückkehr ins Spiel gemäß des Handbuchs des UEFA-Fortbildungsprogramm für Fußballärztinnen und -ärzte bzw. ähnliche Maßnahmen durchlaufen“ haben und „fit für Training bzw. Spielbetrieb“ sein.

Konkreter formuliert sind die dafür nötigen Schritte jedoch nicht. Das fünfstufige Protokoll der NFL geht da mehr ins Detail.

Wie es für Urbig im Concussion Protocol der NFL gelaufen wäre

Zunächst ist laut Concussion Protocol der NFL in einer Phase „symptomgesteuerter Aktivität“ nur leichte Bewegung möglich. In Phase zwei darf Ausdauertraining absolviert werden, eine Belastung des Kopfes ist weiterhin verboten.

In Phase drei folgt Football-spezifisches Training. Dabei werden individuelle Übungen durchgeführt, Körperkontakt gibt es nicht. In Phase vier stehen dann weitere Übungen ohne Körperkontakt auf dem Programm, darunter zum Beispiel das Fangen von Bällen und komplexere Bewegungsabläufe.

Erst in Phase fünf ist schließlich wieder ein komplettes Teamtraining und in der Folge die Teilnahme am Spielbetrieb erlaubt. Der Spieler braucht dafür aber vom Vereinsarzt UND von einem unabhängigen neurologischen Betreuer die Freigabe. Einen Zeitplan für eine Rückkehr gibt es dabei nicht, der Fortschritt hängt alleine davon ab, dass bei dem betroffenen Sportler keine Symptome mehr auftreten.

Genau das ist nun auch bei Urbig der springende Punkt. Dadurch, dass die Symptome rechtzeitig verschwunden sind, ist aus medizinischer Sicht die Einsatzfähigkeit gegeben. Der Weg dahin unterscheidet sich allerdings deutlich von dem in der NFL.