Champions League>

Antonio Rüdiger wandelt auf schmalem Grat

Wieder Wirbel um Rüdiger 

Antonio Rüdiger steht einmal mehr im Mittelpunkt einer Aufregerszene. Dabei steht der Nationalspieler im Hinblick auf die WM ohnehin unter Beobachtung.
Nach dem späten Champions-League-Aus gegen den FC Bayern beantwortet Real Madrids Antonio Rüdiger nur Fragen auf Spanisch. Anschließend schleicht der deutsche Nationalspieler von dannen.
Antonio Rüdiger steht einmal mehr im Mittelpunkt einer Aufregerszene. Dabei steht der Nationalspieler im Hinblick auf die WM ohnehin unter Beobachtung.

Antonio Rüdiger schwieg dann doch lieber. „Es ist besser, wenn ich heute nichts sage“, sagte der Abwehrspieler von Real Madrid nach der 3:4-Niederlage beim FC Bayern.

Zuvor hatte Rüdiger die umstrittene Gelb-Rote Karte gegen seinen Teamkollegen Eduardo Camavinga im Gespräch mit spanischen Journalisten nur knapp kommentiert: „Es haben ja alle gesehen.“

Bevor er weiter ins Detail ging, biss er sich auf die Zunge. Nachfragen von deutschen Medienvertretern würgte Rüdiger auf dem Weg zum Bus etwas schroff ab: „Jetzt willst du mit mir reden?“

Stanisic erhebt Vorwürfe gegen Rüdiger

Gerne hätte man Rüdigers Sicht der Dinge auf eine der Aufregerszenen des spektakulären Viertelfinal-Thrillers in der Champions League erfahren. Denn kurz nach Rüdigers Abgang erhob Josip Stanisic Vorwürfe gegen den Nationalspieler.

Der Bayern-Verteidiger wurde vor dem zwischenzeitlichen 2:3 durch Kylian Mbappé von Rüdiger mit einem Bodycheck zu Fall gebracht. Wegen des nicht geahndeten Fouls handelte sich auch Trainer Vincent Kompany eine Gelbsperre fürs Halbfinal-Hinspiel gegen Paris Saint-Germain ein.

Hinterher warf Stanisic Rüdiger gar eine Verbalattacke vor. „Es ist ein Wort gefallen, und das zweimal“, schilderte Stanisic die Szene, als er am Boden lang und meinte: „Vielleicht ist er ja Mann genug, um es zuzugeben.“ Er wolle jetzt nichts sagen, „weil ich keiner bin, der böses Blut will. Aber ich finde, so etwas gehört sich nicht“, fügte der 26-Jährige hinzu.

Auf den Bildern des Spiels ist zu erkennen, wie Rüdiger den am Boden liegenden Stanisic anbrüllt. Zugleich sind auch versöhnliche Gesten dokumentiert. Rüdiger und Stanisic Arm in Arm, unmittelbar nachdem der Real-Verteidiger dem Bayern-Profi wieder auf die Beine geholfen hatte.

Unter Nagelsmanns Augen: Rüdiger wandelt auf schmalem Grat

Es sind zugleich Sinnbilder der zwei Gesichter des Antonio Rüdiger. Einerseits der leidenschaftlich kämpfende Abwehrspieler, andererseits ein mitunter emotional übers Ziel hinausschießendes Sicherheitsrisiko.

Rüdiger wandelt ohnehin auf einem schmalen Grat. Am Mittwoch sah auch Julian Nagelsmann in der Allianz Arena von der Tribüne aus zu. Beim Bundestrainer spielt Rüdiger seit seiner viel diskutierten Kopf-ab-Geste in der Champions League gegen Atlético Madrid vor einem Jahr auf Bewährung.

Zuletzt kamen auch noch die Schlagzeilen um eine unschöne Szene im Liga-Spiel gegen den FC Getafe hinzu, als er seinem Gegenspieler Diego Rico das Knie ins Gesicht drückte. Nagelsmann deutete den Vorfall während der jüngsten Länderspielperiode etwas umständlich als „fußballspezifisch“ um.

Auch wenn sich seine Rolle in der Nationalmannschaft auch mit Blick auf die WM vom gesetzten Abwehrchef nun zum Herausforderer hinter dem Stamm-Duo Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah gewandelt hat, sprach Nagelsmann Rüdiger zuletzt sein Vertrauen aus. „Was ich sagen kann, ist, dass Antonio sich unglaublich committet, was die Nationalmannschaft angeht“, sagte er. „Dass er einer ist, der die Familie Nationalmannschaft auch extrem schützt und alles dafür tut, dass wir erfolgreich sind.“

Im TV-Interview vor dem Testspiel in der Schweiz (4:3) regierte Nagelsmann jedoch genervt auf Nachfragen zu Rüdiger. „Das haben wir achttausendmal besprochen in 7.000 Pressekonferenzen“, sagte er im Gespräch mit RTL-Moderatorin Laura Wontorra.

Kritik an Rüdiger wurde lauter: „Es reicht mir“

Die Debatte um Rüdiger bleibt dennoch ein Dauerthema. Für Ex-Nationalspielerin Almuth Schult hat Rüdiger die rote Linie bereits überschritten. „Wenn Julian Nagelsmann sagt, dass er (Rüdiger, d. Red.) auf Bewährung ist: Was muss passieren, damit eine Bewährung in eine Strafe umgesetzt wird? Das trifft mich“, sagte Schult Ende März im SPORT1-Doppelpass.

„Emotionalität ist in gewisser Weise gut, aber es darf nicht in Hass, Beleidigung oder Diskriminierung umschlagen“, ergänzte Schult und nannte dabei vor allem Rüdigers Kopf-ab-Geste. „Genau dazu zählt das für mich. Ich bin an einem Punkt, an dem es mir reicht.“

Rein sportlich hat sich Rüdiger in dieser Saison trotz Verletzungsproblemen in der Hinrunde und zu Jahresbeginn immer wieder zurückgekämpft und seinen Platz in der Innenverteidigung der Königlichen behauptet. Doch durch seine Spielweise schafft er es nicht, die Debatte um seine Person zu beenden.

Tah bricht Lanze für Rüdiger: „Er ist immer intensiv“

„Toni ist Toni. Er ist immer intensiv. Er geht immer in die Zweikämpfe rein“, sagte Nationalmannschaftskollege Tah auf SPORT1-Nachfrage nach dem hitzigen Krimi in der Champions League am Mittwoch. „Ich glaube, es macht für den Zuschauer auch sehr viel Spaß, wenn immer wieder solche Duelle da sind, ohne dass es unfair wird.“

Rüdiger selbst hatte sich während der Länderspielperiode reflektiert gezeigt. „Ich weiß selbst, dass ich Szenen hatte, die deutlich drüber waren“, sagte er in einem FAZ-Interview. Er nehme „seriös und sachlich vorgetragene“ Kritik ernst, fügte Rüdiger hinzu: „Das hat dann auch insofern Einfluss, weil ich versuche, noch konzentrierter zu sein. Ich will kein Unruheherd sein, sondern Stabilität und Sicherheit geben.“

Der Vorfall mit ihm und Stanisic trägt allerdings nicht dazu bei, dass es um Rüdigers Person ruhiger wird.