André Villas-Boas ist überzeugt, dass Harry Kane mit seinem Wechsel ins Ausland sportlich noch einmal einen großen Schritt gemacht hat. „Der Transfer zum FC Bayern war für ihn sehr interessant. Solche Schritte in andere Ligen fordern einen enorm – sowohl persönlich als auch sportlich“, sagte der 48-Jährige bei einer Veranstaltung von Laureus zu SPORT1: „Man lernt neue Umfelder kennen, trifft auf unterschiedliche Verteidiger und Spielstile. Das hat ihm sehr gutgetan, er hat sich weiterentwickelt.“
"Eine völlig andere Phase": Spannende Details zu Kane
Spannende Details zu Kane
Der Portugiese trainierte Tottenham Hotspur von Sommer 2012 bis Winter 2013 und arbeitete in dieser Zeit auch mit dem damals noch sehr jungen Kane zusammen. „Für Harry war das eine völlig andere Phase“, erinnerte sich Villas-Boas an die Anfänge des Engländers im Profifußball. Der heutige Top-Torjäger sei mehrfach verliehen worden – Erfahrungen, die ihm grundsätzlich geholfen hätten, „auch wenn er immer wieder von diesen Leihen zurückkehrte“.
Das erstaunte Villas-Boas an Kane
Stationen bei Leyton Orient, dem FC Millwall, Norwich City und Leicester City prägten seine Entwicklung. Erst im Anschluss kam Kane bei den Spurs langsam zum Zug. „In der Saison, in der ich Tottenham verlassen habe, haben wir ihn dann etwas häufiger in der Europa League eingesetzt“, so Villas-Boas weiter. Eine feste Rolle im Premier-League-Team blieb dem nun 32-Jährigen zu diesem Zeitpunkt allerdings verwehrt. Ein zentraler Grund dafür: Kane war zu diesem Zeitpunkt aus Sicht des Trainerstabs noch kein klassischer Mittelstürmer.
Entsprechend schilderte Villas-Boas, dass die Londoner zunächst nach der idealen Position für Kane suchten: „Harry war eher eine ‚Neuneinhalb‘, also ein zweiter Stürmer, der den Mittelstürmer unterstützt und Bälle verteilt.“ Die Entwicklung zum kompromisslosen Strafraumspieler setzte später ein – unter anderem, weil Villas-Boas in dieser Phase auf etablierte Namen vertraute: „Ich habe in der Regel andere Angreifer vor ihm eingesetzt, vor allem Roberto Soldado und später auch Emmanuel Adebayor.“
Bemerkenswert: Kane habe intern keinen Druck aufgebaut. „Als ich noch da war, hat Harry nicht gepusht oder darauf gedrängt, unbedingt spielen zu müssen“, sagte er. Gleichwohl sei ihm bewusst gewesen, dass Kane wohl auf mehr Einsatzzeit gehofft hatte, als er letztlich erhielt. Eine Erkenntnis, die Villas-Boas schon 2018 zu einem bemerkenswert offenen Eingeständnis veranlasste: „Ich war nicht der beste Trainer für Harry Kane, das muss man klar sagen“, erklärte er damals in einem Interview mit The Players’ Tribune.
Kane? „Gehört definitiv zu den besten Spielern der Welt“
Dabei seien Kanes Stärken schon früh erkennbar gewesen. Villas-Boas hob insbesondere dessen „sehr gute Ballkontrolle“, die Qualität im Spiel mit dem Rücken zum Tor sowie sein Gespür für Räume in der Offensive hervor. Dennoch räumte er ein: „Seine eigentliche Explosion kam erst danach.“ Der entscheidende Entwicklungsschritt folgte nach Villas-Boas’ Aus im Dezember 2013. Sein Nachfolger Tim Sherwood setzte deutlich stärker auf Kane – zunächst an der Seite von Emmanuel Adebayor, später als klare erste Option im Sturmzentrum.
So nimmt Villas-Boas, der Kane einst sogar geraten hatte, Tottenham zu verlassen, um Titel zu gewinnen, dessen steile Entwicklung ausdrücklich nicht für sich in Anspruch. Im Gegenteil: „Seine Entwicklung zum klassischen Neuner kam nach meiner Zeit.“ Heute ist Kane Rekordtorschütze von Tottenham, Kapitän der englischen Nationalmannschaft und einer der konstantesten Torjäger Europas. In der laufenden Saison kommt er nach 41 Pflichtspielen für den FC Bayern bereits auf 49 Treffer und fünf Vorlagen.
Für den ehemaligen Spurs-Coach steht damit fest: „Heute gehört er definitiv zu den besten Spielern der Welt.“ Auf diese Qualitäten wird der FC Bayern auch am Mittwoch wieder angewiesen sein. Dann steht das Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Real Madrid an (ab 21 Uhr im LIVETICKER). Das Hinspiel hatte der deutsche Rekordmeister mit 2:1 für sich entschieden.