Champions League>

Antoine Griezmann - der Unvollendete

Ein Missverständnis kostete die Krönung

Antoine Griezmann wird Atlético Madrid nach der Saison verlassen. Der perfekte Abschied blieb ihm verwehrt. Seine Karriere umfasst trotz WM-Titel auch bittere Pointen.
Antoine Griezmann wird Atletico Madrid im Sommer verlassen. Zum Abschied könnte der Franzose mit Atletico Geschichte schreiben.
Lars Hinzberg
Antoine Griezmann wird Atlético Madrid nach der Saison verlassen. Der perfekte Abschied blieb ihm verwehrt. Seine Karriere umfasst trotz WM-Titel auch bittere Pointen.

Mit leeren Händen geht Antoine Griezmann sicherlich nicht. Als Leistungsträger war er wichtiger Bestandteil beim WM-Triumph Frankreichs 2018, wenige Monate zuvor schoss er Atlético Madrid mit einem Doppelpack beim 3:0 Finalsieg über Olympique Marseille zum Europa-League-Titel.

Dennoch ist die Karriere von „Grizou“ auch eine Geschichte der verpassten Chancen. Besonders die vergebliche Jagd nach dem Henkelpott dürfte Narben hinterlassen haben. Die letzte am Dienstagabend mit dem bitteren Aus gegen den FC Arsenal im Halbfinale der Königsklasse.

Antoine Griezmann und Atlético – der fast perfekte Abschied

Es hätte der perfekte Abend werden sollen. Im Halbfinal-Hinspiel wollte Antoine Griezmann seine Champions-League-Zeit im Wanda Metropolitano als Sieger beenden. Der Hexenkessel in der spanischen Hauptstadt bot eine imposante Kulisse. Die Fans wollten ihrem Liebling ein würdiges letztes Heimspiel auf Europas größter Bühne bereiten und die Rojiblancos zum langersehnten CL-Triumph oder zumindest erst einmal ins Finale tragen.

Schon bei der Hymne waren alle Kameras auf den 1,76 Meter großen Franzosen gerichtet. Sichtlich um Fassung bemüht, ließ er den Blick durchs Rund schweifen. Von den Rängen schallte ihm dabei die Energie von etwa 70.000 Diego Simeones entgegen. Madrid wollte seine Heldengeschichte. „Das ist ein Moment, den ich für immer in meinem Herzen behalten werde“, verriet er später bei DAZN.

Und der Held selbst arbeitete kräftig daran mit. Griezmann war umtriebig. Holte sich die Bälle im Mittelfeld, verteidigte am eigenen 16er und wurde immer wieder gesucht. Symbolisch für die Tragik war sein Lattentreffer im Fallen in der 63. Minute. Durch Elfmetertreffer auf beiden Seiten stand am Ende ein 1:1. „Ich hatte drei Chancen, konnte aber das Tor nicht machen – aber im Rückspiel klappt es bestimmt“, kündigte der Franzose an.

Es sollte anders kommen. Das 0:1 im Rückspiel war der Tragik letzter Akt und ein Stich ins rot-weiße Fußballherz. In einem Abnutzungskampf blieb Griezmann lange Zeit glücklos und wurde in der 66. Minute durch Alex Baena ersetzt.

Seine zweite verpasste Titelchance zum Abschied nach dem verlorenen Copa-del-Rey-Finale gegen Pellegrino Matarzzos Real Sociedad. Das Ende seiner Ära bei Atlético steht fast sinnbildlich für die Liebesbeziehung zwischen dem Verein und seinem ungekrönten Prinzen.

Sehnsucht Champions League

Mai 2016, Giuseppe Meazza Stadion, Mailand. Ein Abend, an dem Legenden geboren werden – oder tragische Helden. Atléti trifft im Finale auf den ungeliebten Stadtrivalen Real. Die zweite Pokalbegegnung innerhalb von zwei Jahren.

Gegen eine der besten Champions League-Mannschaften der Geschichte bleibt auf dramatische Weise nach Elfmeterschießen nur der zweite Platz. In der regulären Spielzeit war Griezmann vom Punkt an der Latte gescheitert.

„Das ist nichts, woran ich jeden Tag denke“, beteuerte er in einem UEFA-Interview. „Aber jedes Mal, wenn wir mit Freunden oder Teamkollegen über die Champions League sprechen, kommt dieser Moment zur Sprache.“

Endstation Ronaldo

Nicht nur die Champions-League-Niederlage dürfte dem Ex-Nationalspieler aus diesem Jahr im Gedächtnis bleiben.

Wenige Monate nach Cristiano Ronaldos entscheidendem Champions League-Elfmeter war es wieder CR7, der diesmal den EM-Pokal in den Pariser Nachthimmel recken durfte. Nicht nur Griezmann, sondern ganz Frankreich wurde damit der Traum vom Triumph im eigenen Land verwehrt.

Ronaldo selbst hatte zwar weite Teile des Endspiels verletzt verpasst, der Titel sollte ihm zum Jahresende aber noch helfen.

Als im Dezember 2016 der Ballon d’Or vergeben wird, landet Griezmann auf Platz drei. Gewinnen sollte die Trophäe Ronaldo. Mit den starken Argumenten von Champions-League- und EM-Sieg im Rücken.

Wechsel zur Unzeit

Mit 497 Einsätzen rangiert Griezmann mittlerweile auf Rang vier der ewigen Rekordspieler von Atlético Madrid. Die 500-Spiele-Schallmauer ist bei vier ausstehenden Ligaspielen in greifbarer Nähe. Ausgerechnet beim größten Vereinstriumph der letzten Jahre fehlte er jedoch.

Nach reichlich Hin und Her gelang dem FC Barcelona am Deadline Day 2019 ein vermeintlicher Transfercoup. Für 130 Millionen Euro wurde der Franzose aus Madrid losgeeist und sollte den damaligen Meister aus Katalonien wieder zum Anwärter auf die Champions League machen.

Der Wechsel entpuppte sich in den nächsten zwei Jahren als großes Missverständnis zwischen Spieler und Verein. 22 Tore in 74 Spielen gelangen dem in Mâcon geborenen Angreifer.

Die Titel seien für ihn aber damals nicht der Auslöser für den Wechsel gewesen: „Ich habe Atléti nicht verlassen, um die Champions League zu gewinnen oder mehr Titel zu holen“, offenbarte er Sky Sport. „Ich bin zu Barca gegangen, um einen neuen Spielstil zu lernen, eine neue Philosophie, auch mich persönlich weiter zu entwickeln.“

Während Barca sowohl in der Liga als auch in der CL ins Hintertreffen geriet, musste Griezmann zusehen, wie ausgerechnet seine alte Liebe 2021 den ersten Meistertitel seit sieben Jahren feierte.

Noch im selben Sommer kehrte der verlorene Sohn per Leihe ins Wanda Metropolitano zurück. Zwei Jahre später schloss er sich Atlético nach einem festen Transfer erneut an.

Karriereausklang in der MLS

Nach Ablauf der aktuellen Saison endet die Liebesgeschichte zwischen dem Franzosen und seiner Wahlheimat Madrid dann aber endgültig. „Grizi“, wie ihn die Atléti-Fans nennen, folgt dem Ruf aus der MLS und wird sich Orlando City anschließen. Für ihn die Erfüllung eines Traums: „Ich habe immer gesagt, dass es mein Ziel ist, in der MLS zu landen“, sagte er in einem Interview mit ESPN.

Auch, dass die USA seine letzte Station werden sollen, ließ er durchblicken: „Es ist mein Ziel, dort zu sein und meine Karriere dort zu beenden, […] Ich bin ein großer Fan.“

Sein langjähriger Coach Diego Simeone hat für seinen Schützling nur lobende Worte: Du bist ein bewundernswerter Mensch […], in einer Gesellschaft, die Menschen wie dich braucht“, sagte der Trainer, der seit 2011 an Atléticos Seitenlinie steht. „Danke für dein Engagement und für die Art, wie du dich immer verhalten hast.“ Seinen Ausflug nach Barcelona haben ihm die Atlético-Fans längst verziehen. Mit 212 Treffern verlässt er den Verein als Rekordtorschütze und Legende.