Beim Schlusspfiff entlud sich bei Joshua Kimmich nochmals die angestaute Wut. Als Schiedsrichter Joao Pinheiro das 1:1 (0:1) gegen Paris Saint-Germain abpfiff und damit das Halbfinal-Aus des FC Bayern in der Champions League besiegelte, stürmte Kimmich auf den Schiri zu und schimpfte auf ihn ein – der Portugiese zückte umgehend Gelb.
FC Bayern: Wut auf Schiedsrichter! Kimmich tobt auch nach Schlusspfiff
Kimmich wütet auch nach Schlusspfiff
Nachdem sich der Referee wegdrehte, warf ihm Kimmich noch einen bösen Blick hinterher. Später wollte der Bayern-Star zur Leistung des Referees aber nichts sagen. „Dazu habe ich keine Meinung. Das könnt ihr machen. Das könnt ihr beurteilen“, sagte er auf SPORT1-Nachfrage: „Es bringt jetzt nichts, hier über den Schiedsrichter zu sprechen. Ich glaube, es ist vernünftiger, wenn wir über unsere Leistung sprechen.“
Gesprächsstoff waren die Entscheidungen des 38 Jahre alten Unparteiischen trotzdem. Schon im ersten Durchgang waren die Emotionen bei den Münchnern früh hochgekocht.
Zunächst pfiff der portugiesische Schiri einen Angriff der Bayern wegen einer vermeintlichen Abseitsposition von Harry Kane (23.) ab, doch die TV-Bilder offenbarten, dass es äußerst knapp war.
TV-Experte Ballack wütet: „Ein Riesen-Fehler vom Schiedsrichter“
DAZN-Experte Michael Ballack sprach von einer „Riesen-Fehlentscheidung“ und verwies auf die generelle Auslegung, in knappen Fällen das Spiel weiterlaufen zu lassen, um später einen VAR-Check zu ermöglichen. „Er darf das nicht selbstständig abpfeifen. Das ist ein Riesen-Fehler vom Schiedsrichter.“
Hielten sich die Proteste da noch in Grenzen, wurde es in der 29. Minute schon energischer. Der bereits mit Gelb verwarnte Nuno Mendes war bei einem Dribbling von Konrad Laimer mit dem Arm am Ball – doch statt Freistoß und Gelb-Rot gegen den PSG-Verteidiger ahndete Pinheiro ein vorheriges Handspiel von Laimer.
Die TV-Bilder belegten aber ziemlich klar, dass der Österreicher den Ball mit dem Körper und nicht mit dem Arm berührt hatte. „Für mich ist es Brust und Oberschenkel“, sagte Khedira in der Halbzeitpause: „Das ist eine krasse Fehlentscheidung. Damit greift der Schiedsrichter in ein wunderbares Fußballspiel von zwei tollen Mannschaften ein, das den Spielern gehört.“
Laimer hadert mit Fehlentscheidung – Ballack wird deutlich
Laimer selbst sagte hinterher: „Ich habe den Ball mit dem Bauch berührt, er mit der Hand.“ Wahrscheinlich sei es „eine klare Gelbe Karte für ihn, seine zweite. Das sind so Entscheidungen, die liefen nicht auf unserer Seite“, haderte der Österreicher.
Offenbar bekam der Schiedsrichter in der Szene einen Hinweis des Vierten Offiziellen. „Auf einmal hat irgendwie der Vierte Offizielle irgendwas gesehen“, sagte Ballack und übte Kritik am Unparteiischen-Gespann.
„Ich hatte das Gefühl, sie wollten diese Gelb-Rote Karte nicht geben. Das ist mein Gefühl als Zuschauer. Das sage ich hier ganz offen, das kann man einordnen wie man will. Man sucht ja manchmal nach Situationen, um als Schiedsrichter ein Spiel nicht in eine Bahn zu lenken. Ich will ihm hier nichts unterstellen. Nur: Die Situation hat das nicht hergegeben, diese Entscheidung so zu fällen“, sagte Ballack.
Noch vor der Halbzeitpause gab es erneut Aufregung. Der Ärger über den ausgebliebenen Platzverweis gegen PSG war kaum verraucht, da gab es abermals wütende Proteste der Bayern. Bei einem Befreiungsschlag schoss Vitinha im Sechzehner Teamkollege Joao Neves aus kurzer Distanz an den ausgestreckten Arm.
Bayern fordern Handelfer – zu Unrecht
Die Münchner forderten vehement Elfmeter, fast die ganze Bank sprang auf und gestikulierte wild, das Publikum reagierte mit lauten Pfiffen – aber der Pfiff des Schiedsrichters blieb aus. Streng nach Regelwerk war dies eine korrekte Entscheidung.
Laut International Football Association Board (IFAB) gilt: Wird ein Spieler bei einem Schuss oder Kopfball eines Mitspielers an der Hand oder am Arm vom Ball getroffen, liegt kein Handspiel vor. Es sei denn, der Ball landet direkt im gegnerischen Tor oder der Spieler erzielt unmittelbar danach ein Tor – in diesem Fall erhält die gegnerische Mannschaft einen direkten Freistoß.
„Das ist natürlich in Summe jetzt ein Tick zu viel“, befand Ballack nach den ganzen Aufregern im Livekommentar.
Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick sah in der Halbzeitpause die umstrittenen Szenen etwas entspannter. Bei Laimer hatte Rangnick ein Handspiel gesehen, wie er im Gespräch mit SPORT1 erklärte, „und der Befreiungsschlag kommt vom eigenen Mann, dann ist es kein Handspiel, das wird nicht gepfiffen. Der Schiri hat also bis jetzt keinen großen Fehler gemacht!“
Dreesen sauer auf Referee: „Vielleicht erklärt das auch manchen Pfiff“
Bayerns CEO Jan-Christian Dreesen sah das nach dem Spiel ganz anders. „Mindestens gibt es einige fragwürdige Entscheidungen des Schiedsrichters, die heute leider nicht für uns ausgefallen sind, sondern gegen uns“, befand der Bayern-Boss in der Mixed Zone: „Ob das jetzt der Elfmeter war oder auch insbesondere diese mögliche Gelb-Rote Karte gegen Mendes.“
Dreesen fand es auch „mindestens erstaunlich, dass ein Schiedsrichter ein Halbfinale pfeift, der noch nie ein Halbfinale gepfiffen hat. Und auf seiner Haben-Liste erst 15 Champions-League-Spiele stehen hat. Das ist ungewöhnlich. Und vielleicht“, schob er vielsagend hinterher, „erklärt das auch manchen Pfiff.“
Die Bayern hatten das spektakuläre Hinspiel vergangene Woche mit 4:5 verloren. Ousmane Dembélé (3.) verpasste den Münchnern mit seinem frühen Tor einen zusätzlichen Dämpfer. Der Ausgleich von Harry Kane (90.+4) in der Nachspielzeit kam zu spät für ein Münchner Comeback.