Wenn jemand weiß, wie groß der Druck in Paris ist, dann ist es Julian Draxler. Von 2017 bis 2022 spielte der frühere deutsche Nationalspieler in der französischen Hauptstadt und stand 2020 im Finale der Champions League gegen den FC Bayern.
Julian Draxler: "Natürlich ist da auch ein weinendes Auge"
„Da ist auch ein weinendes Auge“
Inzwischen ist es um Draxler ruhiger geworden, der 32-Jährige lässt seine Karriere in Katar ausklingen. Doch die Verbindung nach Europa und in die Heimat reißt nicht ab – gerade vor dem Finale der Königsklasse, bei dem erneut sein Ex-Klub PSG mitwirkt (Samstag ab 18.00 Uhr im LIVETICKER).
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Draxler über das bevorstehende Endspiel, die Titelchancen der deutschen Nationalmannschaft sowie die Möglichkeit eines Comebacks bei Schalke 04.
Draxler: „Da wäre ich gerne dabei gewesen“
SPORT1: Ihr Ex-Klub PSG trifft im Finale der Champions League auf den FC Arsenal. Wie eng verfolgen Sie PSG noch und wie sehr wünschten Sie, in so einem Spiel noch mal für PSG auf dem Rasen zu stehen?
Julian Draxler: Ich freue mich riesig für PSG, dass sie jetzt zum zweiten Mal in Folge im Finale stehen – absolut verdient. Ich bin auch nach wie vor sehr verbunden mit dem Klub und der Stadt Paris, meiner zweiten Heimat. Daher wünsche ich ihnen den Erfolg und drücke die Daumen für den Titelgewinn. Aber natürlich ist da auch ein kleines weinendes Auge, weil wir all die Jahre genau das versucht haben: Den Henkelpott zum ersten Mal nach Paris zu holen. Da wäre ich gerne dabei gewesen, aber so ist es nun mal. Das Leben ist kein Wunschkonzert.
SPORT1: Schon vor dem Halbfinale haben Sie sich festgelegt, dass Bayern gegen PSG das Duell der beiden besten Mannschaften in diesem Jahr ist. Wie sehen Sie die Ausgangslage im Finale gegen Arsenal?
Draxler: Für mich ist PSG der Favorit und hat momentan die beste Mannschaft in Europa. Aber Arsenal ist sicher sehr unangenehm zu bespielen, sie haben eine sehr stabile Defensive.
PSG? „Sie haben sehr viele Spieler auf europäischem Topniveau“
SPORT1: Wie hat es Luis Enrique geschafft, PSG – das in der Champions League trotz größter Stars immer wieder gescheitert war – zu einem Team umzubauen, das jetzt womöglich seinen CL-Titel sogar verteidigt?
Draxler: Ich glaube, die Teamchemie ist jetzt besser als zu meiner Zeit mit den vielen Superstars. Sie haben sehr viele Spieler auf europäischem Topniveau. Selbst von der Bank kommen Spieler, die regelmäßig den Unterschied ausmachen. Es wird weniger Rücksicht auf Namen genommen als noch zu meiner Zeit. Luis Enrique hat gleich klargemacht, dass Namen bei ihm nicht zählen, sondern jeder jede Woche performen muss, um zu spielen.
SPORT1: Schalke hat die Rückkehr in die Bundesliga geschafft – was bedeutet Ihnen das und sehen wir Sie möglicherweise irgendwann noch mal im S04-Trikot?
Draxler: Ich freue mich riesig für den Verein. Die vergangene Saison hat als Fan extrem Spaß gemacht, ich schaue nahezu jedes Spiel und fiebere immer mit. Ich hoffe, Sie können auf dieser Euphorie aufbauen und sich wieder step by step in der ersten Liga etablieren – der Unterschied zwischen 1. und 2. Bundesliga ist natürlich groß. Ob ich das Schalke-Trikot noch mal anziehe in der Arena, kann ich heute nicht sagen. Bei mir hat sich auch niemand gemeldet, also gibt es auch nichts, worüber ich nachdenken müsste.
Draxler drückt Deutschland die Daumen
SPORT1: Jetzt steht die WM vor der Tür – mit welchen Gefühlen schauen Sie als Ex-Nationalspieler auf so ein Turnier? Wehmut, weil Sie selbst nicht mehr dabei sind?
Draxler: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und drücke Deutschland einfach die Daumen. Ich hoffe, dass sie möglichst weit kommen. Ich hatte meine zehn Jahre in der Nationalmannschaft, große Turniere und einen WM-Titel. Jetzt sind andere dran.
SPORT1: Was glauben Sie, wie weit Deutschland kommt?
Draxler: Das ist schwer einzuschätzen. Ich glaube, dass unter anderem Frankreich uns eine Stufe voraus ist. Ich hoffe und wünsche mir, dass es bis ins Halbfinale geht. Jeder muss an sich glauben, egal wie die Ausgangslage ist, denn so ein Turnier schreibt immer seine eigenen Geschichten.
SPORT1: Zuletzt sagten Sie in einem Interview, „was die Aufmerksamkeit betrifft, lebe ich hier in Katar ein Leben, das ich zuletzt mit 17 hatte“. Was gefällt Ihnen besonders?
Draxler: Es ist in Katar sehr ruhig um meine Person. Ich werde kaum erkannt, und wenn, dann werde ich mit meiner Familie in Ruhe gelassen. Die Leute sind sehr respektvoll und ich kann mich komplett frei bewegen, ohne mich hinter Cap und Sonnenbrille verstecken zu müssen, was ich als PSG-Spieler vor allem in Paris immer gemacht habe. Als Vater von inzwischen zwei Kindern ist das super. Ich kann einfach in Ruhe was mit meinen Kindern unternehmen, in Paris war das beispielsweise nicht möglich.
Draxlers Zukunftspläne
SPORT1: Bekanntermaßen sind sie nicht mehr 17, sondern ein erfahrener Spieler. Wie sieht Ihre weitere Zukunftsplanung aus? Gibt es schon etwas Konkretes?
Draxler: Ich habe noch zwei Jahre Vertrag bis 2028, ich fühle mich wohl und genieße meine Zeit in Katar wirklich sehr. Fußballspielen macht mir nach wie vor Spaß und mein Körper spielt noch sehr gut mit. Man weiß im Fußball auch nie, was die Zukunft bringt. Aber im Moment gibt es nichts, worüber ich nachdenken müsste. Für die Zeit nach der Karriere habe ich schon einiges im Kopf. Neben meinen Aktivitäten als Business Angel und bei meinem Unternehmen „Haarwald“ würde ich aber schon gerne weiter im Fußball arbeiten. In welcher Funktion genau, weiß ich noch nicht. Im Management bei einem Klub zu arbeiten, könnte ich mir jedoch gut vorstellen.
SPORT1: Sie sind als Unternehmer tätig? Was hat es damit auf sich?
Draxler: Gemeinsam mit meinem Kumpel und Friseur Musti haben wir vor einigen Jahren gegründet. Wir verkaufen Haarpflegeprodukte in Friseurqualität, vertreiben das seit einigen Jahren schon online und sind seit Kurzem auch deutschlandweit bei allen großen Drogeriemärkten gelistet – das ist für uns natürlich ein brutaler Erfolg und fühlt sich echt gut an.