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Der Favoritenschreck ist zurück

Der Favoritenschreck ist zurück

Der FC Bayern eröffnet seine Champions-League-Saison gegen Bodo/Glimt und sollte gewarnt sein: In der Vorsaison schockten die Norweger einen Topklub nach dem nächsten. Das bringt dem Verein vom Polarkreis nun eine ganz besondere Ehre ein.
Bodö/Glimt steht unter den besten 16 Teams in Europa. Es ist eine der größten Sensationen der jüngeren Champions-League-Geschichte.
Der FC Bayern eröffnet seine Champions-League-Saison gegen Bodo/Glimt und sollte gewarnt sein: In der Vorsaison schockten die Norweger einen Topklub nach dem nächsten. Das bringt dem Verein vom Polarkreis nun eine ganz besondere Ehre ein.

Die Aufgabe, die an diesem Donnerstag (21 Uhr) in der Allianz Arena auf den FK Bodo/Glimt wartet, könnte schwieriger kaum sein: Seit 24 Jahren hat der FC Bayern München sein erstes Spiel einer neuen Champions-League-Saison nämlich nicht mehr verloren. Im September 2002 unterlagen die Münchner Deportivo La Coruna (2:3), seither sind die Bayern das verlässlichste Team der Königsklasse, wenn es um Auftaktsiege geht.

Diese Serie wollen die Männer aus dem kleinen norwegischen Küstenörtchen jetzt brechen. Und die Bayern sollten gewarnt sein: Die Gäste haben sich im Vorjahr in Europa schließlich den Ruf eines echten Favoritenschrecks erarbeitet.

Underdog-Story schockte Europa

Natürlich ist Bodo krasser Außenseiter – die Norweger haben im Gegensatz zu den Bayern schon eine halbe Saison in den Knochen, seit April läuft dort bereits der Ligabetrieb. „Ich hoffe, dass unsere Mannschaft nicht von Bayern geschlachtet wird“, sagte der norwegische Journalist Sverre Sundbö bei SPORT1 in „45 – Die Fußball-Halbzeit“. „Meiner Meinung nach ist Bayern derzeit die beste Heimmannschaft der Welt. Auf dem Papier ist das unmöglich, aber wenn es um Bodo geht, habe ich eh angefangen, die Papiere zu zerreißen – die machen manchmal verrückte Sachen.“

Verrückte Sachen also: Unvergessen sind die CL-Abende aus der vergangenen Spielzeit, als die Aufgaben ebenfalls unmöglich schienen: Mit sensationellen Siegen gegen Manchester City (3:1) und Atlético Madrid (2:1) sicherte sich der Underdog das Ticket für die Playoff-Runde: Dort musste mit Inter Mailand dann der nächste Topklub dran glauben und flog gegen die Norweger krachend aus dem Wettbewerb. Nun wartet zum Start in die neue Saison also der sechsmalige Champions-League-Sieger aus München.

Bodo-Boss macht Kampfansage

„Wir haben letztes Jahr schon gegen viele große Mannschaften gespielt, aber das gegen Bayern wird speziell“, prophezeite Frode Thomassen, Geschäftsführer des Vereins, im Vorfeld der Partie. Die Münchner seien zweifelsohne einer der ganz großen Favoriten auf den CL-Titel, erklärte der 59-Jährige. „Wir müssen das Spiel mit dem Respekt angehen, der Bayern gebührt. Trotzdem versuchen wir, die Möglichkeiten, die wir haben werden, zu nutzen.“

Dass sie genau diese Chancen tatsächlich auch zu nutzen wissen, vor allem gegen die ganz großen Gegner, haben die Norweger zur Genüge bewiesen: Im vergangenen Jahr qualifizierte sich der FK als erstes norwegisches Team seit 18 Jahren erstmals für die Champions League. Von vielen Teams als einfaches Los belächelt, stürmte die Mannschaft anschließend förmlich durch die Königsklasse.

Besondere Ehre für Bayern-Gegner

Dafür wird dem Klub nun eine echte Ehre zuteil: Am Dienstag landete Bodo/Glimt auf der Liste der nominierten Teams für den „Club of the Year“-Award, der im Rahmen der Ballon-d’Or-Verleihung vergeben wird. Damit stehen die Gelb-Schwarzen in einer Reihe mit Namen wie Paris Saint-Germain, FC Arsenal oder Bayern München. „Allein die Nominierung ist eine große Ehre für uns“, freut sich Geschäftsführer Thomassen auf SPORT1-Nachfrage. „Ich habe so viele Nachrichten von so vielen Leuten bekommen. Es ist ein freudiger Tag für diesen Verein!“

Gerade einmal 43.000 Menschen leben in der kleinen Küstenstadt nördlich des Polarkreises. Es wird dort im Sommer nicht dunkel und im Winter nicht hell, ins beschauliche Aspmyra-Stadion von Bodo passen gerade mal 8.000 Zuschauer. Doch in Fußball-Europa leuchtet der Stern des FK seit nunmehr einem Jahr ununterbrochen, was auch mit der besonderen Geschichte des Klubs zu tun hat.

Bodo? „Gesund für den modernen Fußball“

2017 kickte Bodo noch in der zweiten norwegischen Liga. Es folgten der Aufstieg in Liga eins, die Vizemeisterschaft und schließlich der erste Ligatitel 2020. Seitdem ließ die Mannschaft drei weitere Meisterschaften folgen, gegen die Bayern startet man nun in die zweite Champions-League-Saison nacheinander. Viele der Spieler sind seit mehreren Jahren im Verein, der Klub brüstet sich mit einer extrem familiären Atmosphäre.

21 der 24 Spieler im Kader stammen aus Norwegen, Trainer Knutsen ist seit 2018 an Bord und hat inzwischen fast 400 Spiele gecoacht. Kapitän Ulrik Saltnes ist 33 Jahre alt und hat noch nie für einen anderen Klub gespielt. „Das, was wir hier haben, ist glaube ich ganz gesund für den modernen Fußball“, beschreibt Thomassen, der auch bereits seit 2017 im Amt ist, seinen Verein.

Neben sportlicher Entwicklung seien auch Loyalität und Zusammengehörigkeit zentrale Werte, denen sich Bodo verschrieben hat. Mit Geld wirft der FK auch nicht gerade um sich: Gerade einmal 1,4 Millionen Euro investierte man im Sommer auf dem Transfermarkt in neue Spieler – kein Team der diesjährigen CL-Saison war sparsamer unterwegs.

„Jahrzehntelang waren wir echt schlecht“

Mit seinem Weg steht Bodo auch stellvertretend für einen Trend, der sich in Norwegen seit Längerem abzeichnet. Das Land, das lange ein nahezu weißer Fleck auf der Fußball-Landkarte war, hat sich in den vergangenen Spielzeiten zu einer kleinen Top-Nation gemausert.

„Jahrzehntelang waren wir echt schlecht“, erinnert sich Bodo-Boss Thomassen zurück. In den zurückliegenden Jahren habe sich im Land aber die Arbeit mit Jugendspielern verbessert, viele Klubs haben inzwischen Akademien auf europäischem Top-Niveau und setzen auf professionelle Datenanalyse. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung war das Erreichen des Viertelfinals der norwegischen Nationalmannschaft bei der WM in Nordamerika.

Das gab es seit fast 30 Jahren nicht

Von 2007 (damals Rosenborg Trondheim) bis zu Bodos historischer Qualifikation im Vorjahr spielte keine einzige Mannschaft aus der Eliteserien in der Champions League. In diesem Jahr sind es nun gleich zwei – zum ersten Mal seit 27 Jahren: Denn neben Bodo ist auch der Meister Viking Stavanger dabei, der bereits am Mittwochabend gegen den VfB Stuttgart ins Abenteuer Königsklasse gestartet ist (1:3). Am zweiten Spieltag treffen auch sie auf den FC Bayern (13. Oktober).

Ob die beiden norwegischen Vertreter eine ähnliche Cinderella-Story wie Bodo in der Vorsaison wiederholen, oder die Bayern ärgern können, bleibt abzuwarten. Journalist Sundbö jedenfalls gibt sich bei SPORT1 optimistisch: „Nach der letzten Saison wird es schwer, aber träumen kann man ja immer. Ich glaube, genau das ist aus dem norwegischen Fußball geworden: eine Frage des Träumens.“