Als der Auftaktsieg von Borussia Dortmund gegen den FC Villarreal (3:2) längst eingetütet war und sich die Uhr Mitternacht näherte, bestimmten in der Mixed Zone vor allem zwei Namen die Gespräche. Konstantinos Karetsas, der bittere Wermutstropfen, der wegen Kreislaufproblemen auf einer Trage vom Feld gebracht und anschließend ins Krankenhaus gefahren wurde. Und Fábio Silva. Der Portugiese tauchte zwar nicht selbst in der Torschützenliste auf, wurde nach Schlusspfiff aber von allen Seiten gefeiert.
Muss der BVB jetzt doch umdenken?
Muss der BVB jetzt doch umdenken?
„Es gibt nicht viele Spieler weltweit, die gute Einwechselspieler sind. Fábio Silva ist ein sehr guter Einwechselspieler, er war direkt da. Sehr guter Spieler, und vor allem sehr guter Einwechselspieler“, schwärmte unter anderem Christoph Kramer bei Amazon Prime. Worte, die nicht von ungefähr kamen. Als Silva in der 75. Minute auf den Platz durfte, benötigte er kaum Anlaufzeit, um der BVB-Offensive neue Impulse zu geben.
Silva? „Super Typ und ein super Spieler“
In einer Phase, in der die Schwarz-Gelben zunehmend die Kontrolle verloren und Villarreal an der zwischenzeitlichen Führung schnupperte, war Silva ein ständiger Unruheherd. Zunächst scheiterte er selbst bei einer aussichtsreichen Gelegenheit. Wenig später bereitete er Serhou Guirassys ersten Treffer zum 2:1 mustergültig vor. Der Stürmer musste nur noch einschieben, gemeinsam feierten die beiden vor der Südtribüne. Was zu einem perfekten Champions-League-Abend am Ende fehlte, war lediglich ein eigener Torerfolg.
Trotzdem hinterließ Silva einen starken Eindruck und stellte eine Frage in den Raum, die immer lauter diskutiert wird. Ist seine größte Stärke wirklich die Rolle des Edeljokers, wie Kramer betonte? Oder hat er sich mit seinen jüngsten Auftritten für mehr empfohlen? Schon beim 3:2 gegen Hoffenheim hatte der 24-Jährige in der zweiten Halbzeit erheblichen Einfluss auf den Spielverlauf genommen. Nach den Ausfällen von Giannis Konstantelias und möglicherweise auch Karetsas könnte sich nun eine zusätzliche Chance ergeben. Zumal die Überlegung längst nicht mehr nur lautet: Guirassy oder Silva?
Vielmehr zeichnet sich ab, dass beide Angreifer gemeinsam funktionieren können. Auch Sportdirektor Ole Book ließ nach dem Spiel durchblicken, dass diese Überlegung intern durchaus eine Rolle spielt. Silva habe „seine Ambitionen unterstrichen“, sagte Book und grinste: „Wie wir das taktisch lösen, wollen wir heute Abend noch nicht beantworten.“ Guirassy selbst hätte gegen eine gemeinsame Zukunft auf dem Platz jedenfalls nichts einzuwenden. „Fábio und ich spielen sehr gerne zusammen. Er ist ein super Typ und ein super Spieler“, erklärte der Dortmunder Torjäger bei Amazon Prime.
Immer wieder Wechselgerüchte um Silva
Dabei war Silvas Situation vor gerade einmal zwei Wochen noch eine völlig andere. Trainer Niko Kovac hatte öffentlich deutlich gemacht, dass Guirassy auf der Stürmerposition die klare Nummer eins sei. Für Silva wiederum wurde die Situation zunehmend unbefriedigend. Wechselgerüchte machten die Runde, der Portugiese selbst dachte über einen Abschied nach. Seine Enttäuschung über die eigene Rolle war spätestens nach der Niederlage im Supercup gegen den FC Bayern nicht mehr zu übersehen.
„Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich fühle mich gut. Ich möchte natürlich mehr Spiele von Beginn an machen und der Mannschaft helfen. Ich möchte noch wichtiger sein. Wenn ich was anderes sage, würde ich lügen. Ich sage immer die Wahrheit“, erklärte Silva damals und verzichtete auf ein klares Bekenntnis zum BVB. Seine Bilanz aus der Vorsaison liest sich mit drei Toren und sieben Vorlagen in 39 Einsätzen ordentlich. Auch da sorgte er vor allem als Einwechselspieler immer wieder für frischen Wind.
Das Problem: Wenn Silva die Gelegenheit erhielt, sich über einen längeren Zeitraum in der Startelf festzuspielen, blieb er häufig hinter den Erwartungen zurück. Der endgültige Durchbruch in Dortmund ist ihm bislang deshalb noch nicht gelungen. Also war es irgendwann kein großes Geheimnis mehr, dass er und sein Berater bis zum Ende der Transferperiode über einen Wechsel nachdachten. Betis Sevilla galt lange als möglicher Abnehmer. Letztlich blieb der Offensivspieler aber doch im Ruhrpott, arbeitete munter weiter und überzeugte offenbar mit seiner Einstellung.
„Er blüht auf, das freut mich“
Das imponierte auch Lars Ricken. Der Geschäftsführer lobte: „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man so einen Spieler auf der Bank sitzen hat. Das kann den Unterschied machen.“ Nach dem Auftritt gegen Villarreal stellt sich allerdings mehr denn je die Frage, ob Silva dauerhaft auf der Bank sitzen sollte. Zumindest Kovac schließt inzwischen verschiedene Lösungen nicht mehr aus. „Man sieht, dass wir auch dieses System genauso gut spielen können wie mit einem Stürmer. Wir haben dort Flexibilität und Variabilität“, erklärte er nach dem Spiel.
Kovac, das wurde schnell sichtbar, verfolgt die Entwicklung seines Portugiesen mit großer Freude. „Fábio macht das richtig gut. Er blüht auf, das freut mich“, sagte der Coach. Silva bringe genau jene Qualitäten ein, die Dortmund brauche: „Viel arbeiten, viele Chancen für die Mannschaft herausspielen. Und er ist natürlich ein Assistgeber. Das ist es, was wir brauchen.“ Dahinter steckt auch der Versuch, die offensive Last künftig auf mehrere Schultern zu verteilen. Denn selbst ein Torjäger wie Guirassy kann nicht jede Partie allein entscheiden, wie Kovac klarstellte.
Kovac schließt Doppelspitze nicht aus
Mit Silva besitzt Dortmund nun eine weitere Waffe: „Wenn wir jetzt mit Fábio noch jemanden dazubekommen, und das bekommen wir, dann haben wir richtig was auf dem Kerbholz.“ Nach dem Zusammenspiel gegen Villarreal wirkt die Doppelspitze jedenfalls nicht mehr wie ein Gedankenspiel für schlechte Zeiten. Sondern eher wie eine ernsthafte Option. Vielleicht schon am kommenden Bundesliga-Spieltag gegen den SC Paderborn.
Ausschließen wollte Kovac diese Option zumindest nicht. „Wir haben schon mit Doppelspitze gespielt. Ich weiß, der ein oder andere wünscht sich das“, sagte der Coach am Donnerstag auf der Spieltagspressekonferenz, schob jedoch hinterher: „Aber wenn einer von der Bank kommt, gibt es immer einen Impact. Und das ist auch wichtig.“
Er wollte Silva dennoch wie seinen anderen Einwechselspielern ein ausdrückliches Lob aussprechen. „Fábio macht das richtig gut, das sehen wir alle. Aber ich als Trainer habe immer mehr im Hinterstübchen, als der ein oder andere denkt. Ich brauche immer Lösung b oder c, deswegen halte ich mir das offen. Es kann sein, wird auch vielleicht sein – wann, das werden wir sehen“, spielte Kovac auf ein mögliches Duo Guirassy/Silva an.