Ann-Katrin Berger hat Meistertitel in Deutschland, England und den USA gewonnen. Richtig bekannt wurde die Nationaltorhüterin jedoch durch ihre spektakuläre Parade bei der EM 2025.
"Ich weiß nicht, was die Leute hier in den USA zum Frühstück essen"
„Macht europäischen Fußball kaputt“
Im Interview mit SPORT1 spricht die Torfrau des Gotham FC über Memes, den Mut, weit weg von der Heimat zu spielen und kritisiert zudem das Verhalten europäischer Ligen gegenüber älteren Spielerinnen.
Titelverteidigung? Berger will an die letzte Saison anknüpfen
SPORT1: Ann-Katrin Berger, die neue Saison in der NWSL hat begonnen. Was ist das Ziel für Meister Gotham FC?
Ann-Katrin Berger: Natürlich wollen wir da anknüpfen, wo wir vergangene Saison aufgehört haben. Unser Ziel ist es immer, vorne mitzuspielen und die Meisterschaft zu gewinnen. Aber in dieser Liga ist es ziemlich schwer, zu sagen, „ja, das schaffen wir auf jeden Fall“, weil die Teams so ausgeglichen sind.
SPORT1: Zum Auftakt gab es einen 1:0-Sieg bei Liga-Neuling Boston Legacy vor mehr als 30.000 Fans.
Berger: Die Atmosphäre war richtig cool. Als Neuling in der Liga eine solche Kulisse zu haben, ist richtig schön und gegen einen Neuling zu spielen, ist schwer.
„Ziemlich cool“: Auf diese Neuerung freut sich Berger
SPORT1: In den anderen nordamerikanischen Ligen wie der NFL, NBA oder NHL gibt es für die Spieler des Champions Meisterringe. Wie sieht es in der NWSL aus?
Berger: Tatsächlich hat der Verein vor wenigen Tagen veröffentlicht, dass wir jetzt auch unseren Ring bekommen, was ziemlich cool ist, weil ich ein riesengroßer NFL-Fan bin. Ich freue mich schon drauf, wie er aussieht.
SPORT1: Wie sind Sie NFL-Fan geworden?
Berger: Ich bin schon immer ein großer Fan von Mannschaftssport gewesen. Die NFL hat herausragende Spiele und ist einfach mal was anderes als Fußball. Deswegen hat mich das schon lange interessiert.
Berger bewundert Tom Brady
SPORT1: Was ist Ihr Lieblingsteam?
Berger: Die Philadelphia Eagles, aber das darf ich nicht so laut sagen, weil die ja die Rivalen der New York Giants sind (Gotham FC kommt aus dem Großraum New York; Anm. d. Red.). Ich war auch schon immer eine große Bewunderin von Tom Brady. Und jetzt selbst hier im Patriots-Stadion gegen Boston zu spielen, ist schon was Großartiges.
SPORT1: Wie bekannt ist es eigentlich in Deutschland, dass Sie 2025 mit Gotham US-Meister geworden sind?
Berger: Bei der Nationalmannschaft wusste es jeder, weil ich gleich nach Ende meiner Saison zur Nationalmannschaft gefahren bin und da haben wir ja gegen Spanien gespielt (Finale der Nations League; Anm. d. Red.). Also von den Mädels hatten es alle gesehen. Aber ich weiß jetzt nicht, wie es in Deutschland angekommen ist, ob das auch die restlichen Fans mitbekommen haben.
Wahnsinns-Parade: „Ich habe nur meinen Job getan“
SPORT1: Was auf jeden Fall in Deutschland angekommen ist, war Ihre unglaubliche Parade im Viertelfinale der EM gegen Frankreich. Was gab es da für Reaktionen?
Berger: Es gab sehr, sehr viele Reaktionen. Zu dem Zeitpunkt, muss ich ehrlich sagen, habe ich richtig viel Kritik bekommen, von den Medien auch. Deshalb war ich nicht so aktiv in den sozialen Medien. Schlussendlich habe ich wirklich nur meinen Job getan und da sind richtig gute Memes rausgekommen, glaube ich. Die Mädels haben mir immer wieder welche geschickt, „oh, dies ist ein Gutes oder das ist ein Gutes“. Es war schon witzig, wie kreativ die Leute sind.
SPORT1: Aber was sagt das über den Frauenfußball aus, wenn Sie durch diese Parade oder die daraus entstandenen Memes vielleicht bekannter geworden sind als durch Ihre erfolgreiche Karriere? Denn Sie haben ja Meistertitel in Deutschland, England und den USA gewonnen.
Berger: Ich muss ehrlich sagen, da muss einfach der Frauenfußball generell in jedem Land ein bisschen zugänglicher werden, sodass man die Spiele auch überall gucken kann. Denn dadurch wird der Frauenfußball groß. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die man machen könnte. Also generell für den Frauensport, dass das viel zugänglicher wird, als nur auf speziellen Bezahlkanälen oder sogar auf mehreren Bezahlkanälen.
Das unterscheidet die Ligen
SPORT1: Sie haben in Deutschland, Frankreich und England gespielt und spielen jetzt in den USA. Vergleichen Sie mal bitte die Ligen.
Berger: In Deutschland (Berger spielte von 2011 bis 2014 bei Turbine Potsdam; Anm. d. Red.) war es sehr athletisch. In Potsdam zu spielen, da ging es einfach nur um Athletik und auch ein bisschen darum, wie mental stark du bist. Wir hatten mit Bernd Schröder einen richtig strengen Trainer, würde ich sagen. Aber sowas gehört einfach zu einer Karriere dazu. Das hat mich einfach geprägt für mein ganzes Spiel und zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin.
SPORT1: Auf das Kapitel Potsdam folgten zwei Jahre bei Paris Saint-Germain.
Berger: Frankreich war einfach nur schöner Fußball, das Spiel am Ball. Weil du vielleicht nicht so viele Bälle auf das Tor bekommen hast, musstest du mehr mitspielen. Und dadurch habe ich die fußballerische Art und Weise, die ich jetzt habe, dazugelernt.
Profi in den USA: Berger sieht „riesengroße Herausforderung“
SPORT1: Und dann spielten Sie drei Jahre bei Birmingham City und fünf Jahre bei Chelsea.
Berger: In England war es ein Zwischending zwischen spielerisch, gleichzeitig aber auch mitspielen. Bei Chelsea hatten die Gegner nicht so viele Torchancen, manchmal bekam ich nur ein oder zwei Schüsse in 90 Minuten aufs Tor. Da mental einfach da zu sein, das hat mir auch weitergeholfen. Und in den USA ... also ich weiß nicht, was die Leute hier zum Frühstück essen, aber sie sind unfassbar schnell. Und deshalb muss man hier viel, viel schneller und vorausschauender denken und auch agieren.
SPORT1: Wo sehen Sie die NWSL im Vergleich zu den europäischen Topligen?
Berger: Ich glaube, wir können in Europa gut mithalten. Hier gibt es wirklich sehr viele Mannschaften, die schönen und manchmal auch effektiven Fußball spielen. Und deshalb denke ich, dass es für viele europäische Teams anstrengend wäre, gegen uns zu spielen.
SPORT1: Inwiefern überrascht es Sie, dass es nicht mehr deutsche Spielerinnen in der NWSL gibt?
Berger: Ich muss ehrlich sagen, es ist eine riesengroße Herausforderung, überhaupt so weit weg von der Familie zu leben. Das kann nicht jeder und das muss auch jeder verstehen. Wir sind leider nicht so wie die Männer, wir können nicht unsere ganze Familie hierherbringen und bespaßen. Diesen Schritt zu machen, zeigt schon sehr viel Mut. Aber Tatsache ist, in Europa mögen die Vereine die Spielerinnen ab einem gewissen Alter nicht mehr, obwohl die noch genauso gut performen wie manche junge Spielerin. Das ist einfach schade und macht, finde ich zumindest, den europäischen Fußball kaputt.
Wechsel nach Deutschland? Berger spricht über ihre Zukunft
SPORT1: Ihr Vertrag geht bis zum Saisonende. Wie sieht die Zukunft aus?
Berger: Wenn ich das wüsste, wäre ich echt froh. Ich bin echt glücklich hier und, wie gesagt, die europäischen Vereine, die sind nicht ganz so interessiert an älteren Spielerinnen. Ich lasse mir da die Optionen offen und schaue mal, wie’s wird.
SPORT1: Wie reizvoll wäre es, Ihre Karriere in der Bundesliga zu beenden?
Berger: Natürlich, das kann ich mir gut vorstellen. Deutschland wird immer mein Zuhause bleiben. Meine Mama wäre natürlich richtig froh, wenn ich beim VfB Stuttgart noch spielen würde und meine Karriere dort endet.
SPORT1: Sie kommen aus Göppingen, einer Stadt, die einige erfolgreiche Sportler hervorgebracht hat. Neben Ihnen auch Jürgen Klinsmann, Handball-Weltmeister Michael Kraus und nun gibt es mit Philipp Raimund sogar einen Skisprung-Olympiasieger aus Göppingen. Wo würden Sie sich in der Liste der erfolgreichen Göppinger einreihen?
Berger: Wahrscheinlich ganz hinten. Das sind alles unfassbar gute Sportler, die richtig krasse Karrieren hatten. Deswegen stelle ich mich gerne unten an und schaue zu den anderen hinauf.