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Jule Brand: "Das Namensschild ist wieder dran"

„Das Namensschild ist wieder dran“

Jule Brand spricht mit SPORT1 über die WM-Qualifikationsspiele gegen Österreich, ihr neues Leben in Frankreich und schwierige Phasen in Wolfsburg.
Jule Brand spricht über das WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich und verrät, worauf es besonders ankommen wird.
Jule Brand spricht mit SPORT1 über die WM-Qualifikationsspiele gegen Österreich, ihr neues Leben in Frankreich und schwierige Phasen in Wolfsburg.

Jule Brand wurde früh als Top-Talent gefeiert und debütierte bereits mit 18 Jahren bei der deutschen Nationalmannschaft. Heute ist sie 23 Jahre alt und eine absolute Leistungsträgerin. Spätestens bei der Europameisterschaft 2025 entwickelte sie sich zu einer internationalen Topspielerin.

Im Sommer des vergangenen Jahres folgte der nächste große Schritt in ihrer Karriere. Die Offensivspielerin verließ den VfL Wolfsburg und wechselte zu Olympique Lyon – neues Land, neue Liga, neue Sprache.

Im Interview mit SPORT1 spricht Brand über ihre Entwicklung und die bevorstehenden WM-Qualifikationsspiele am heutigen Dienstag (18.15 Uhr LIVETICKER) und Samstag (18 Uhr) gegen Österreich.

Jule Brand warnt vor DFB-Gegner Österreich

SPORT1: Frau Brand, Deutschland hat bislang alle Länderspiele gegen Österreich gewonnen – was erwarten Sie von den kommenden beiden Partien?

Jule Brand: Österreich wird sehr motiviert in die Spiele gegen uns gehen. Wir kennen viele Spielerinnen aus der Bundesliga. Ich glaube, gegen Deutschland ist der Ehrgeiz immer groß zu gewinnen. Deswegen müssen wir ab der ersten Minute da sein, offensiv und defensiv gut als Team zusammenspielen, Torchancen herausspielen und nutzen. Die Österreicherinnen können mit ihrer guten Offensive und ihren Umschaltsituationen immer eine Gefahr darstellen. Daher müssen wir defensiv gut stehen.

SPORT1: Sie trafen in der Nations League bereits auf die Top-Nationen Frankreich und Spanien. Gegen Frankreich gab es einen Sieg und ein Unentschieden, gegen Spanien eine Niederlage und ein Unentschieden. Gehört Deutschland im Hinblick auf die Weltmeisterschaft zu den Top-Favoriten?

Brand: Ich sehe auf jeden Fall sehr viel Potenzial in unserer Mannschaft. Jeden Tag im Training sehen wir, wie gut und wie hart wir arbeiten. Auch die jungen Spielerinnen bringen viel Talent und große Fähigkeiten mit. Wenn wir das alles auf den Platz bringen und als Team mit unserer individuellen Klasse auftreten, dann sind wir auf jeden Fall in der Lage, ganz oben mitzuspielen.

SPORT1: Sie haben mit Martina Voss-Tecklenburg, Horst Hrubesch und Christian Wück unter drei verschiedenen Bundestrainern bzw. -trainerinnen gespielt. Was hebt Christian Wück ab?

Brand: Christian steht für mutigen und offensiven Fußball, den ich persönlich sehr mag. Wir haben viele Freiheiten und nicht zu viele Vorgaben. Er bringt viel Erfahrung aus dem Männer- und Juniorenfußball mit. Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit und haben gemeinsam große Ziele.

„Top-Talent trifft auf mich nicht mehr so zu“

SPORT1: Bei der Europameisterschaft 2025 zählten Sie zu den auffälligsten Spielerinnen und hatten mit zwei Treffern sowie zwei Vorlagen die meisten Torbeteiligungen der Nationalmannschaft. Haben Sie das Gefühl, seitdem anders betrachtet zu werden – nicht mehr als Talent, sondern als absolute Top-Spielerin?

Brand: Ich glaube, der Begriff Top-Talent trifft auf mich nicht mehr so zu. Ich möchte jetzt eine andere Rolle einnehmen und habe auch mehr Erfahrung gesammelt. Mein Spielstil ist reifer geworden, ich bin nicht mehr so verkopft. Ich hatte eine gute EM, darauf möchte ich aufbauen. Natürlich gibt es noch Luft nach oben, aber ich freue mich, dass ich dem Team helfen konnte und möchte jetzt die nächsten Schritte gehen.

SPORT1: Sie wurden bereits früh als Verheißung gefeiert, gewannen unter anderem als U19-Spielerin die Fritz-Walter-Medaille als größtes Talent ihres Jahrgangs. Andererseits haben Sie auch erlebt, in Wolfsburg nach einem zwischenzeitlichen Hoch in die Kritik zu geraten. Was hat das mit Ihnen als Persönlichkeit gemacht?

Brand: Phasen, in denen es nicht so gut lief, waren auch wichtig für mich und meine Entwicklung.

SPORT1: Sie wurden Ende 2023 unter anderem von dem Wolfsburger Sportdirektor Ralf Kellermann kritisiert…

Brand: Daraus habe ich viel gelernt und bin daran gereift. Am Anfang musste ich erst lernen, damit umzugehen, aber mittlerweile sehe ich es so, dass mich diese Erfahrungen zu der Spielerin gemacht haben, die ich heute bin.

SPORT1: Mit welchen Menschen tauschen Sie sich in solchen Phasen aus?

Brand: Ich habe zum Glück ein sehr gutes Umfeld. Vor allem meine Familie und meine engsten Freunde helfen mir in solchen Situationen sehr.

Oberdorf-Drama: „Wird stärker zurückkommen“

SPORT1: Sie gaben in der Zeit, die Sie gerade erwähnt haben, kaum Interviews. Wie gehen Sie heute mit den Medien um?

Brand: Ich habe gelernt, dass es dazugehört. Ich bin inzwischen auch lockerer geworden und nicht mehr so angespannt wie früher.

SPORT1: Welche Mitspielerinnen bei der Nationalmannschaft oder im Vereinsfußball haben Sie in Ihrer Entwicklung besonders geprägt?

Brand: Als ich nach Wolfsburg gewechselt bin und mit Alexandra Popp zusammengespielt habe, war das schon beeindruckend. Ich hatte großen Respekt und habe viel von ihrer Persönlichkeit und Mentalität gelernt. Auch jetzt in Lyon ist es ein großer Schritt für mich. Ich trainiere täglich mit Top-Spielerinnen und kann mir von jeder etwas abschauen. Jede hat besondere Fähigkeiten, und das hilft mir sehr in meiner Entwicklung.

SPORT1: Ihre langjährige Mitspielerin und gute Freundin Lena Oberdorf durchlebt die Schattenseiten des Fußballs und erlitt in den vergangenen beiden Jahren jeweils einen Kreuzbandriss. Wie haben Sie diese Rückschläge miterlebt, die Sie selber in dieser Form noch nicht hatten?

Brand: Das stimmt, ich bin von solchen schweren Verletzungen glücklicherweise verschont geblieben. Bei Lena ist es natürlich sehr schade, vor allem, dass es gleich zweimal passiert ist. Ich weiß aber, wie stark sie ist und wie gut sie mit solchen Situationen umgehen kann, auch wenn es natürlich sehr schwer für sie ist. Sie ist eine herausragende Spielerin, deshalb bin ich überzeugt, dass sie noch stärker zurückkommen wird.

SPORT1: Wie schwierig ist es im Fußball, Freundschaften aufrechtzuerhalten, wenn man nicht mehr im gleichen Verein spielt?

Brand: Mit den Menschen, die mir wirklich nahestehen und die mich auch in schwierigen Phasen unterstützt haben, bleibt die Verbindung bestehen. Auch wenn man nicht ständig Kontakt hat, weiß man, was man aneinander hat. Durch das Handy ist es heute ohnehin einfacher, in Kontakt zu bleiben, wenn man nicht mehr im selben Team spielt.

„Ich bin sehr glücklich über den Wechsel“

SPORT1: Und wie schnell entstehen neue Freundschaften, wenn man zu einer neuen Mannschaft kommt wie Sie zu Olympique Lyon?

Brand: Das geht relativ schnell. Wir haben alle das gleiche Ziel und die gleiche Leidenschaft für Fußball. Wir sehen uns jeden Tag und verbringen viel Zeit miteinander. Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, wo Familie und Freunde nicht in der Nähe sind. Daher findet man schnell Anschluss.

SPORT1: In manchen Vereinen gründen Neuzugänge eine WG, damit sie nicht komplett auf sich alleine gestellt sind.

Brand: Ich nicht, ich wohne alleine.

SPORT1: Wie kommen Sie sprachlich zurecht? Sie sprechen zwar fließend Englisch, hatten aber keinerlei Erfahrung mit Französisch…

Brand: Es wird immer besser. Ich verstehe mittlerweile schon einige Dinge.

SPORT1: Ist die Kabinensprache Englisch oder Französisch?

Brand: Besprechungen sind auf Englisch und werden ins Französische übersetzt, vor allem vor Spielen. Unter den Spielerinnen wird oft Französisch gesprochen. Da verstehe ich einzelne Wörter und kann mir den Rest zusammenreimen.

SPORT1: Wie blicken Sie insgesamt auf ihr Dreivierteljahr in Frankreich zurück?

Brand: Ich bin noch dabei, mich richtig einzuleben, aber ich bin sehr glücklich über den Wechsel. Es gibt noch Luft nach oben, aber ich mache jeden Tag Fortschritte und fühle mich sehr wohl.

SPORT1: Sie standen etwa in der Hälfte der Pflichtspiele in der Startelf, ansonsten wurden Sie eingewechselt. Ist es mit diesen Rotationen herausfordernder, in den Spielrhythmus zu kommen?

Brand: Nein, das würde ich nicht sagen. Wir haben viele Spiele und englische Wochen. Es ist wichtig, dass alle Spielerinnen Einsatzzeit bekommen, damit wir unsere Ziele erreichen können. Ich glaube, dass insgesamt alle zufrieden sind, in Lyon zu spielen, weil jede Spielerin ihre Spielzeit bekommt.

„Insgesamt ist Deutschland einen Schritt weiter“

SPORT1: Was waren sportlich und menschlich die größten Herausforderungen in den ersten Wochen?

Brand: Sportlich ist das Niveau noch einmal höher und das Spiel schneller. Gerade auf meiner Position haben wir sehr viele Top-Spielerinnen. Ich muss immer an meine Grenzen gehen.

SPORT1: Trifft das auf die gesamte Liga zu? Ist die Division 1 Féminine stärker als die deutsche Bundesliga?

Brand: Nein, so würde ich das nicht sagen. Das Niveau im Training ist bei uns sehr hoch. Aber wenn wir die Liga insgesamt betrachten, gibt es ähnlich wie in Deutschland drei, vier Top-Teams. Insgesamt könnte die Liga in Frankreich noch enger zusammenrücken. In Deutschland gibt es mehrere Teams, die um internationale Plätze kämpfen – Leverkusen, Frankfurt, Hoffenheim. Auch die kleineren Mannschaften können die großen Teams ärgern. In Frankreich ist der Unterschied zwischen Lyon, Paris Saint-Germain sowie Paris FC gegenüber den anderen Vereinen größer.

SPORT1: Wie groß ist die Popularität des Frauen-Fußballs in Frankreich?

Brand: In Deutschland sind die Zuschauerzahlen höher. Bei besonderen Spielen, wie zum Beispiel dem Champions-League-Viertelfinal-Rückspiel gegen Wolfsburg, haben wir auch in Lyon rund 14.000 Zuschauer im Stadion. Aber insgesamt ist Deutschland einen Schritt weiter.

SPORT1: Die Meisterschaft wird seit der Saison 2023/24 in den Meisterschafts-Playoffs ausgespielt. Wie finden Sie diesen Modus?

Brand: Wir nehmen den so an. Ich mag den Modus jedoch nicht so gern, weil ein oder zwei Spiele eine ganze Saison entscheiden können. Man kann die ganze Saison über kontinuierlich die meisten Punkte holen und trotzdem nicht Meister werden.

„In Deutschland werde ich öfter erkannt“

SPORT1: Wie groß ist die Nähe zwischen der Herren- und der Frauen-Mannschaft in Lyon – auch im Vergleich zu Wolfsburg oder Hoffenheim?

Brand: Wir trainieren am gleichen Ort und essen gemeinsam im gleichen Raum. In Wolfsburg war das Trainingszentrum räumlich voneinander getrennt. Das finde ich in Lyon sehr positiv. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl im Verein und schweißt einen zusammen.

SPORT1: Was unternehmen Sie in Frankreich gerne, wenn Sie mal einen trainingsfreien Tag haben?

Brand: Ich gehe gerne spazieren, genieße die Stadt, treffe mich mit den Mädels im Café, gehe shoppen oder entspanne am See.

SPORT1: Werden Sie in Lyon schon ähnlich oft erkannt wie in Deutschland?

Brand: Nein, in Deutschland werde ich öfter erkannt.

SPORT1: Haben Sie sich getraut, in Lyon wieder ihr Namensschild an der Haustür zu befestigen? In Wolfsburg hatten Sie diesen abmontiert, weil Sie zu viele Briefe und Süßigkeiten eingesteckt bekamen…

Brand: (lacht) Ja, das Namensschild ist wieder dran.

SPORT1: Im Gegensatz zu 2025 und 2027 steht im bevorstehenden Sommer kein Großturnier an, sodass man die Möglichkeit zu einem längeren Urlaub hätte. Was sind Ihre Lieblings-Reiseziele? Lieber Strand-Urlaub oder Abenteuer-Urlaub?

Brand: Lieber Strandurlaub. Ich lege mich gerne einfach in die Sonne und mache nicht viel. Ibiza mag ich sehr gerne. Bora-Bora war auch sehr schön. Aber ich habe noch nicht entschieden, wo ich im Sommer Urlaub mache. Da muss ich mir noch Gedanken machen (grinst).

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