Rund vier Monate vor dem Start der Fußball-WM gerät bei der deutschen Nationalmannschaft die Torwartposition zurück im Fokus: Marc-André ter Stegen fällt verletzungsbedingt für längere Zeit aus, alte Diskussionen um Manuel Neuer flammen wieder auf.
Torwart-Ikone spricht nach Ter-Stegen-Drama: "Warum begreift das keiner?"
„Warum begreift das keiner?“
Im exklusiven SPORT1-Interview bewertet Torwart-Ikone Sepp Maier - Weltmeister-Keeper von 1974, dreimaliger Landesmeister-Pokalsieger mit dem FC Bayern und langjähriger Torwart-Coach bei Bayern und dem DFB - die Lage.
SPORT1: Herr Maier, Marc-André ter Stegen hat sich nach übereinstimmenden Medienberichten schwer verletzt. Seine Teilnahme bei der WM ist unsicherer denn je. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Sepp Maier: Das ist erst einmal ein harter Schlag. Für Marc persönlich tut mir das extrem leid, denn er hat lange auf diese Rolle hingearbeitet. Durch seinen Wechsel zum FC Girona schien er wieder regelmäßig an Spielpraxis zu kommen. Das war ja so wichtig, darauf hatte ja auch Rudi Völler zuletzt im SPORT1 Doppelpass hingewiesen. Sportlich ist es natürlich ein Verlust, weil ter Stegen über Jahre hinweg auf absolutem Weltklasse-Niveau gespielt hat. Aber man darf jetzt auch nicht so tun, als würde deswegen alles zusammenbrechen.
Neuer? „Hört auf, immer wieder über eine Rückkehr zu spekulieren“
SPORT1: Die Diskussion, ob Manuel Neuer vom Rücktritt beim DFB-Team zurücktreten sollte, flammt bei Fans schnell wieder auf - nachvollziehbar?
Maier: Das Thema nervt ein bisschen. Immer wenn etwas passiert, wird sofort nach Manu gerufen. Das zeigt zwar, welchen Stellenwert er hatte und immer noch hat, aber es hilft der aktuellen Mannschaft und Entwicklung nicht weiter.
SPORT1: Ist eine Rückkehr Neuers Ihrer Meinung nach komplett ausgeschlossen?
Maier: Ja. Und das sage ich ganz klar. Hat man etwas vom Bundestrainer dazu gehört? Nein. Manuel Neuer ist nach wie vor ein Weltklasse-Torwart, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Aber er hat sich entschieden, nicht mehr im Tor der DFB-Elf zu stehen. Diese Entscheidung hat er bewusst getroffen, und die muss man respektieren. Punkt. Hört auf, immer wieder über eine Rückkehr zu spekulieren! Manuel Neuer bleibt eine Legende des deutschen Fußballs. Er hat das Torwartspiel geprägt, er hat Titel gewonnen, er hat Maßstäbe gesetzt. Daran ändert auch sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft nichts. Aber jede Karriere hat einen natürlichen Zeitpunkt, an dem man loslassen muss – und diesen Schritt hat er gemacht.
SPORT1: Manche argumentieren, eine WM sei eine Ausnahmesituation, in der man alte Entscheidungen überdenken müsse.
Maier: Das halte ich für falsch. Man kann nicht bei jeder Krise anfangen, zurückzuschauen. Sonst kommt man nie nach vorne. Außerdem wäre es auch gegenüber Oliver Baumann und anderen Torhütern wie zum Beispiel Freiburgs Noah Atubolu unfair, die sich seit Monaten vorbereiten und Verantwortung übernehmen. Baumann zeigt top Leistungen und hat auch einige Spiele für Hoffenheim gewonnen. Führung bedeutet auch, Entscheidungen zu akzeptieren - selbst wenn es schwierig wird.
„Oliver Baumann ist die Nummer eins im deutschen Tor“
SPORT1: Wen sehen Sie aktuell und mit Blick auf die WM als klare Nummer eins im deutschen Tor?
Maier: Für mich ist die Sache klar: Oliver Baumann ist die neue Nummer eins im deutschen Tor. Er bringt genau das mit, was du jetzt brauchst – Erfahrung, Ruhe, Verlässlichkeit. Er steht seit Jahren konstant auf hohem Niveau, Woche für Woche. Das ist kein Zufall. Warum begreift das keiner? Und das sage ich als Neuer-Fan. Ich war immer für Manu - und ich werde es auch bleiben. Aber ich weiß auch, wie die aktuelle Situation ist, und danach muss man Entscheidungen treffen.
SPORT1: Kritiker sagen, Oliver Baumann fehle im Vergleich zu früheren Weltklasse-Torhütern die ganz große internationale Strahlkraft. Kann man mit ihm trotzdem ein Turnier gewinnen?
Maier: Das Thema internationale Strahlkraft ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Im Tor zählt nicht der große Name, sondern die Leistung. Ein Torwart muss der Mannschaft Sicherheit geben, er muss präsent sein, er muss Fehler wegstecken können. Baumann kann das. Und er ist in einem Alter, in dem er weiß, was er tut.
SPORT1: Eine WM bedeutet maximalen Druck, ein Fehler kann alles entscheiden. Trauen Sie Baumann diese Rolle auch in den entscheidenden Momenten zu?
Maier: Absolut. Gerade mental ist er sehr stark. Er ist keiner, der große Sprüche klopft, aber er ist zuverlässig, konzentriert und fokussiert. Das sind Eigenschaften, die bei einer WM entscheidend sind. Du brauchst keinen Showman, du brauchst einen Torwart, der da ist, wenn es brennt. Baumann ist seit Monaten sportlich und mental ganz stark. Ich mache mir keine Sorgen.
SPORT1: Sollte damit die Neuer-Debatte endgültig beendet sein?
Maier: Das wäre wünschenswert. Man sollte jetzt nach vorne schauen. Die Mannschaft braucht Ruhe, Vertrauen und Klarheit. Baumann ist die Nummer eins, dahinter gibt es weitere gute Torhüter. Manuel Neuer bleibt Weltklasse - aber eben nicht mehr im DFB-Tor. Damit sollte es auch gut sein. Ter Stegens Verletzung ist bitter, keine Frage. Aber wir sind nicht hilflos. Deutschland hat weiterhin gute Torhüter. Entscheidend ist, dass man jetzt geschlossen hinter der neuen Nummer eins steht und nicht wieder alte Baustellen aufmacht. Nur so kann man erfolgreich sein.