Diskussionen um die deutsche Nationalmannschaft und den Bundestrainer gibt es seit Jahrzehnten – gerade vor großen Turnieren. So auch jetzt. Auffällig ist diesmal aber, wie hartnäckig sich die Verwunderung teilweise hält und wie genervt Julian Nagelsmann immer häufiger wirkt. Folgende Aspekte stehen dabei im Fokus.
Bei Nagelsmann schwindet das Verständnis
Diese Themen nerven Nagelsmann
Reizthema 1: Leon Goretzka
Nach Julian Nagelsmanns bemerkenswertem Interview im kicker war es der Punkt, der viele Beobachter verwunderte: Der Bundestrainer hob ausgerechnet Leon Goretzka hervor und sprach davon, dass der Bayern-Star gute Chancen habe, bei der WM zu spielen. Überraschend kam die Aussage deswegen, weil es Goretzka war, den Nagelsmann noch vor der EM 2024 aufs Abstellgleis gesetzt hatte. Selbst als Aleksandar Pavlovic kurzfristig ausfiel, entschied sich der Trainer nicht für den Routinier. Aktuell sieht sich Nagelsmann gezwungen, seine Worte nachträglich zu erklären – und teilweise rudert er sogar zurück.
„Ich habe gesagt, er hat gute Chancen zu spielen. Zwischen ‚spielen‘ und ‚spielen‘ gibt es aber Unterschiede“, sagte der Bundestrainer bei der Verkündung des aktuellen Kaders. Für Goretzka könnten auch lediglich zwei Minuten pro Spiel herausspringen, die Aussagen seien jedenfalls nicht als Freifahrtschein zu verstehen.
Eine Ansage, die offenbar nicht deutlich genug ausgefallen war. Selbst am Tag vor dem Länderspiel gegen Ghana musste sich Nagelsmann erneut die Frage nach Goretzka gefallen lassen. „Die Frage wurde mir ja schon oft gestellt. 2024 konnte Leon Goretzka mit deutlich weniger Spielzeit rechnen als jetzt. Was nicht heißt – ich muss ja alles immer nochmal begründen: Er wird garantiert nicht immer Stammspieler sein“, sagte der Bundestrainer und wirkte dabei wenig glücklich, dass er das Thema einfach nicht los wird.
Reizthema 2: Deniz Undav
Kopfschütteln erntet Nagelsmann vor allem, wenn es um seinen Umgang mit Deniz Undav geht. Dass der VfB-Star in der Schweiz keine Minute spielte – trotz großartiger Leistungen in der Bundesliga – gibt Rätsel auf. Auch der Spieler selbst wirkte wenig glücklich, dass er ständig im Mittelpunkt der Diskussionen steht. Nach der Partie in Basel war er der Erste im Mannschaftsbus und lächelte seinen Frust gekonnt weg.
Währenddessen ging der Bundestrainer bei RTL in die Offensive. Dass er sich bei seiner Einwechslung für den formschwachen Nick Woltemade entschied, erklärte er mit eben dieser Flaute des Newcastle-Stürmers. Undav hingegen brauche keine Einsatzzeiten, weil er schon selbstbewusst genug sei. Nach dem Leistungsprinzip eine steile These, die Nagelsmann aber süffisant verteidigte: „Ich werde mal ein paar Psychologen fragen, was die sagen. Wahrscheinlich das Gegenteil von mir – das ist ja das Hobby der Psychologen, die nicht im Amt sind.“
Doch auch damit drang er nicht durch – im Gegenteil: Sämtliche Experten und Ex-Spieler fordern weiter Undav. Und natürlich wurde auch am Sonntag wieder nach dem Stürmer gefragt. „Jeder Spieler weiß exakt, woran er ist. […] Deswegen werden wir gewisse Entscheidungen treffen – auch auf Basis der geführten Rollengespräche. Die man auch als Experte von außen nicht bewerten kann“, sagte Nagelsmann. Ein weiterer Ordnungsruf von ihm, der verhallen dürfte. So viel ist klar: Undav wird auch nach dem Spiel gegen Ghana Thema sein.
Reizthema 3: Die Torwart-Frage
Nagelsmann hat das Pech, dass Deutschland keinen herausstechenden Wunder-Torwart hat. Vielmehr stehen mit Oliver Baumann, Alexander Nübel und Jonas Urbig drei Keeper auf ähnlichem Niveau im Kader. Trotzdem ist die Entscheidung, Baumann zur Nummer eins zu machen, nachvollziehbar – trotz dessen vermeintlich fehlender internationaler Erfahrung. „Du brauchst diese Ausstrahlung im Tor. Ich wünsche ihm, dass er das kann“, sagte Stefan Effenberg im Doppelpass. Der SPORT1-Experte ergänzte: „Ich sehe ihn aber nicht in der absoluten Weltspitze. Es ist schon ein Unterschied, wenn die anderen kommen und dann steht da ein Manuel Neuer. Baumann ist eher eine unbekannte Nummer.“
Eine Lesart, die dem Bundestrainer nicht schmecken kann. Wenn es um seine Torhüter geht, reagiert er gerne empfindlich. So forderte er vor der EM vor zwei Jahren von Medien und Fans absolute Rückendeckung für Neuer und verteidigte Baumann in den Monaten danach vehement gegen Kritik. Kein Wunder, schließlich ist eine Torwartdiskussion immer etwas schädlicher als andere Debatten.
Insofern leuchtet es ein, dass der Coach am Montag sofort klarstellte, dass der geplante Einsatz von Nübel gegen Ghana eher als ein Geschenk an die Nummer zwei zu sehen sei, nicht als Entscheidung gegen Baumann. Der Konkurrenzkampf sei nicht eröffnet. Eine Marschroute, die Ex-Nationaltorhüterin Almuth Schult im SPORT1–Doppelpass lobte: „Ich finde es richtig, dass er spielen darf“. Nübel müsse sich als Teil des Teams fühlen. Immerhin hier hat Nagelsmann also für Klarheit sorgen können.
Reizthema 4: Antonio Rüdiger
Es ist die emotionalste und damit auch die gefährlichste Debatte. Fakt ist: Antonio Rüdiger ist nur auf Bewährung Teil der DFB-Elf. Zu oft ist er mit Eskapaden aufgefallen, sein Ruf ist nicht mehr makellos. „Wenn Julian Nagelsmann sagt, dass er auf Bewährung ist: Was muss passieren, damit eine Bewährung in eine Strafe umgesetzt wird? Das trifft mich“, erklärte Schult im Doppelpass und stellte klar: „Ich bin an einem Punkt, an dem es mir reicht.“ Aktueller Aufhänger ist Rüdigers überhartes Einsteigen im Spiel gegen Getafe mit Real Madrid.
Der Bundestrainer sah sich unter anderem am Freitag vor dem Spiel in der Schweiz mit dem Thema konfrontiert. Dass hier der Nerv-Faktor gewaltig ist, war am RTL-Mikrofon nicht mehr zu übersehen. „Bewährung? War das nicht neben dem Platz, sondern es war ein Foul auf dem Platz, von dem wir gerade sprechen, glaube ich. Das andere ist lange her, das haben wir, glaube ich, 8000 Mal besprochen in 7000 Pressekonferenzen“, ließ er Moderatorin Laura Wontorra wissen.
Eine Reaktion, die überrascht, schließlich weiß der Bundestrainer nur zu gut, dass gerade in den Fernsehinterviews vor Spielen Themen erneut angesprochen werden, obwohl sie auf den vorherigen PKs bereits erklärt wurden. Der Grund ist einfach: Nicht jeder TV-Zuschauer verfolgt jeden Nagelsmann-Auftritt und der jeweils übertragende Sender hat ein Interesse daran, die wichtigsten Themen innerhalb der eigenen Sendung abzuarbeiten – Fußball ist Tagesgeschäft.
Das Problem: Bei Rüdiger geht es nicht nur um sportliche Aspekte, sondern auch Werte wie Respekt und Fairness werden diskutiert – eine brandgefährliche Mischung, das weiß auch Nagelsmann. Doch das Thema wird ihn noch länger begleiten.
Reizthema 5: Die Fülle an Medienterminen
Lange galt Nagelsmann als ein Trainer, der gerne vor Kameras steht und Interviews gibt. Er spricht gerne über Fußball und hat immer eine Botschaft im Gepäck – er kennt das Geschäft zur Genüge. Dabei gibt es für den 38-Jährigen auch kaum ein Tabu. Vor zwei Jahren sprach er mit dem Spiegel sogar über den Suizid seines Vaters und dessen Tätigkeit beim Bundesnachrichtendienst – wann hatte es sowas zuvor gegeben? Auch beim Thema Homosexualität im Fußball tut er seine Meinung kund.
Gerade beim FC Bayern wusste Nagelsmann mit seiner offenen Art zu überzeugen und bügelte kleine Fehltritte aus – unter anderem besuchte er nach einem missglückten Spruch sogar die Freiwillige Feuerwehr München. Auch im Streit um das Katar-Sponsoring machte der damalige Bayern-Trainer eine gute Figur, während sich andere Entscheidungsträger des Klubs gerne versteckten.
Diese Leichtigkeit ist dem Bundestrainer aber ein wenig abhandengekommen – zumindest wirkt es so. Die Spitzen gegen Experten (siehe oben) häufen sich – auch Gegenfragen kommen vermehrt vor. Am Sonntagnachmittag ließ Nagelsmann dann relativ deutlich durchblicken, dass Medientermine ihm nicht immer Spaß machen. Als Pressesprecherin Franziska Wülle Alexander Nübel aus der Pressekonferenz entließ, fragte sie den Bundestrainer: „Julian, machst du noch ein bisschen?“ Der antwortete: „Ja, wenn du das willst…“ – große Lust war da nicht zu erkennen.
Dass so mancher Termin nicht ganz ins Konzept passt, war dann auch bei folgender Aussage zu spüren: „Wenn die PK vor dem Training ist, bekommt ihr leider weniger Informationen, als wenn sie nach dem Training ist. Aber nach dem Training habe ich keine Lust auf eine PK, da habe ich viele Gespräche zu führen.“
Es ist wohl das Reizthema, das Nagelsmann am leichtesten abräumen dürfte – schließlich liegt ihm die Kommunikation durchaus.