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Torwartnation Deutschland? Das gab es lange nicht mehr

Das gab es lange nicht mehr

Alexander Nübel bekommt am Montag gegen Ghana den Vorzug vor Oliver Baumann. Dennoch liegt der TSG-Torhüter bei Bundestrainer Julian Nagelsmann klar vorn. Trotz starker Leistungen bleibt Baumann nicht frei von Kritik. Die zentrale Frage: Reicht das für Weltmeister-Format?
Alexander Nübel, der aktuell an Stuttgart verliehen ist, hat einen bis 2030 gültigen Vertrag beim FC Bayern - wie hoch stehen die Chancen, ihn bald wieder in München zu sehen?
Alexander Nübel bekommt am Montag gegen Ghana den Vorzug vor Oliver Baumann. Dennoch liegt der TSG-Torhüter bei Bundestrainer Julian Nagelsmann klar vorn. Trotz starker Leistungen bleibt Baumann nicht frei von Kritik. Die zentrale Frage: Reicht das für Weltmeister-Format?

Na, was denn nun? Die Torwart-Rotation von Julian Nagelsmann überrascht. Schließlich hatte der Bundestrainer betont, dass sich die Mannschaft in diesem Lehrgang „einspielen“ solle – das müsste doch auch für die Nummer eins gelten.

Doch für den 38-Jährigen ist der Startelfeinsatz von Alexander Nübel vor allem eine Belohnung für dessen starke Leistungen in den vergangenen Wochen und Monaten. Das Heimspiel in seinem Wohnzimmer in Stuttgart dürfte in seinem dritten Länderspiel zu etwas Besonderem werden.

Grundsätzlich nimmt Nagelsmann die Torhüter-Position von seinem Einspiel-Plan aus. Er vertritt die Meinung: Spielpraxis sei hier nicht so entscheidend, wichtige Abläufe im Team sind vom Torhüter ausgenommen. Ob das richtig ist, bleibt Ansichtssache. Ebenso wie die zugespitzte Frage: Hat Oliver Baumann überhaupt Weltmeister-Format?

Baumann überzeugt in Hoffenheim und bei der DFB-Elf

Zunächst: Die Entscheidung für Baumann ist keineswegs falsch. Alternativen sind rar. Der wohl beste deutsche Torhüter ist zurückgetreten, der potenziell zweitbeste verletzt und wird aller Voraussicht nach nicht rechtzeitig fit. Bestform zu erreichen, dürfte so gut wie ausgeschlossen sein. Und zwingend bessere Optionen gibt es derzeit nicht.

Fakt ist: Baumanns Form stimmt. Mehr noch: Die wiederkehrenden Zweifel wirken fast unfair. Mit der TSG 1899 Hoffenheim spielt er eine überragende Saison. Der 35-Jährige ist ein entscheidender Faktor für die überragende Saison der TSG.

Auch seine Bilanz im DFB-Team kann sich sehen lassen: elf Einsätze, sechsmal zu Null, nur eine Niederlage – das bittere 0:2 gegen die Slowakei im September. Dazu kommt: Patzer sind bei Baumann selten.

Das war bei seinen prominenten Vorgängern nicht immer so. Weder Manuel Neuer noch Marc-André ter Stegen waren in der Vergangenheit frei von teils haarstäubenden Fehlern – auch wenn beide insgesamt wohl ein höheres Niveau haben und eher das Unmögliche möglich machen. Baumann hingegen steht für absolute Konstanz.

Braucht es beim DFB-Team einen Weltklasse-Torhüter?

Doch wie wichtig ist ein Weltklasse-Torhüter für den Erfolg der Nationalmannschaft?

SPORT1-Experte Stefan Effenberg vertritt dazu eine klare Meinung: „Du brauchst absolute Weltklasse im Tor. Warum wurde Argentinien Weltmeister? Nicht wegen (Lionel) Messi, sondern wegen (Emiliano) Martinez. Du brauchst diese Ausstrahlung im Tor. Ich wünsche ihm (Baumann) das, dass er das kann.“

Doch braucht es das wirklich? Andere Nationen beneideten uns über Jahrzehnte: Deutschland galt als Torwartnation – und das gilt eigentlich bis heute. Doch das war nicht immer so. Torhüter wie Bodo Illgner und Andreas Köpke – immerhin Welt- (1990) und Europameister (1996) – zählten zum Zeitpunkt des Turniers historisch nicht zwingend zu den Allerbesten – wuchsen aber im Turnier über sich hinaus und wurden zu Titelgaranten.

Köpke wurde anschließend sogar zum Welttorhüter gewählt – nicht zuletzt wegen seiner überragenden Leistung im Halbfinale gegen England. Kein Wunder also, dass Köpke auch von Baumann überzeugt ist: „Oliver Baumann hat es sehr gut gemacht. Das Vertrauen in ihn ist gerechtfertigt“, sagte der Ex-Torhüter im Interview mit der dpa.

Denn umgekehrt gilt ebenso: Ein Weltklasse-Torhüter garantiert keinen Titel – das haben die letzten Turniere gezeigt.

Deutsches Torwart-Team untypisch unterstützend

Bemerkenswert ist die Stimmung im Torwart-Team. Nübel, Baumann und Finn Dahmen verstehen sich hervorragend. Beim Aufwärmen wird viel gelacht, herumgealbert – und trotz Konkurrenzkampf gönnt man sich den Erfolg. So ein Miteinander gab es lange nicht.

Frühere Duelle wie Jens Lehmann gegen Oliver Kahn waren von Rivalität geprägt. Auch zwischen ter Stegen und Neuer blieb das Verhältnis kühl – ebenso zwischen Neuer und Nübel. Möglich, dass auch genau das die jeweiligen Keeper zu Höchstleistungen angetrieben hat.

Auf seine WM-Ambitionen angesprochen, stellte Nübel auf der Pressekonferenz klar: „Ich kenne meine Rolle.“ Die ist aktuell die des Stellvertreters von Baumann.

Das Torwart-Trio – zuvor auch mit Jonas Urbig – steht beispielhaft für mannschaftliche Geschlossenheit. Es pusht sich gegenseitig und stärkt sich mental. Ein Faktor, der in einem Turnierverlauf entscheidend werden kann.