Fast ein wenig schüchtern reihte sich Lennart Karl ganz hinten ein. Kapitän Joshua Kimmich schritt mit zwei geballten Jubelfäusten auf die mitgereisten deutschen Fans zu, die ihre Mannschaft nach dem 4:3-Torspektakel in der Schweiz mit viel Applaus bedachten.
DFB-Team: Karl hinterlässt bleibenden Eindruck
Womit Karl direkt überzeugt
Und während nach und nach alle Spieler Kimmichs Beispiel folgten und den Beifall von den Rängen erwiderten, stellte sich der 22. Debütant unter Bundestrainer Julian Nagelsmann in die letzte Reihe und klatschte mit. So unscheinbar Karl hinterher auch wirkte, so sehr hat er in seinen ersten Minuten als A-Nationalspieler vieles von dem aufblitzen lassen, was ihn beim FC Bayern auszeichnet.
„Absoluter Mehrwert“: Karl feiert überzeugendes Debüt für DFB-Team
Die Momentaufnahme nach dem Spiel widersprach jedenfalls dem Eindruck, den Karl im Kreis der Nationalmannschaft hinterlassen hat. „Er versteckt sich nicht“, betonte Routinier Pascal Groß. „Als er heute reinkam, hat er frischen Wind reingebracht, hatte Aktionen, war immer irgendwie gefährlich.“ Sein klares Fazit: „Absoluter Mehrwert in meinen Augen.“
In der 63. Minute stand Karl für seine Einwechslung bereit – doch die Tafel des 4. Offiziellen wollte nicht so recht mitspielen. Nach kurzer Verzögerung leuchtete schließlich die Nummer 25 auf, und der 18-Jährige betrat anstelle des glücklosen Leroy Sané den Rasen des St. Jakob-Park in Basel.
Nur sechs Nationalspieler waren bei ihrem ersten Länderspiel noch jünger – darunter auch der in dieser Länderspielperiode wegen Sprunggelenksproblemen fehlende Jamal Musiala.
Wirtz gerät bei Karl ins Schwärmen
Dessen kongenialer Partner im DFB-Dress, Florian Wirtz, hatte just vor Karls Einwechslung mit einem Geniestreich zum zwischenzeitlichen 3:2 für die deutsche Mannschaft getroffen – und war hinterher sichtlich angetan vom Neuling.
„Ich habe ihn jetzt diese Woche das erste Mal im Training gesehen“, sagte Wirtz – und sofort huschte ein Lächeln über seine Lippen. Strahlend geriet er anschließend ins Schwärmen: „Er ist ein Topspieler, es macht sehr viel Spaß, mit ihm zusammenzuspielen.“
Dass da zwei Ausnahmekönner fußballerisch auf einer Wellenlänge funken, war auf dem Rasen schnell zu erkennen. Auch Wirtz hat Karls Stärken schnell erkannt, schickte ihn im Zusammenspiel ein ums andere Mal mit einem öffnenden Pass auf dem rechten Flügel auf die Reise.
Kurz vor Schluss revanchierte sich Karl, als er mit einem Tempodribbling Wirz‘ genialen Schlusspunkt zum 4:3-Endstand einleitete. Über Anton Stach, erneut Karl und Groß landete der Ball wieder beim überragenden Wirtz, der überlegt in den Winkel vollstreckte.
Karls „überragende Mischung“ beeindruckt
„Er hat sehr, sehr gut trainiert“, lobte auch Groß Youngster Karl. „Er hat einen sehr guten Abschluss. Er hat Spielwitz. Er hat eine überragende Mischung aus Bescheidenheit, Demut, aber auch ein Selbstvertrauen und Selbstverständnis schon in den Aktionen.“
Dieser Mix hat Karl beim FC Bayern zum Durchbruch verholfen. Sein Senkrechtstart zu Saisonbeginn hat einen regelrechten Hype ausgelöst.
Wie beim Rekordmeister ist man auch beim DFB darauf bedacht, dass Karl der ganze Rummel um seine Person nicht zu Kopf steigt. An den Mikrofonen der Reporter ging Karl daher am späten Freitagabend in der Interviewzone des St. Jakob-Park vorbei. Das Reden übernahmen andere.
„Wir wollen ihm nicht zu viel Druck machen“, sagte Wirtz. Er weiß, wovon er spricht. Schließlich galt auch er einst als Wunderkind, war bei seinem Bundesligadebüt mit 17 Jahren und 15 Tagen zu dem Zeitpunkt der viertjüngste Profi der Ligahistorie.
„Er wird uns in den nächsten Jahren so viel Spaß bringen – so ein guter Fußballer. Deswegen einfach nur genießen, dass er Deutscher ist und uns helfen kann“, beendete Wirtz seine Lobeshymne auf Karl.
Nagelsmann nennt „entscheidenden Faktor“ bei Karl
Schon vor dem Spiel hatte sich auch Nagelsmann angetan gezeigt. „Für einen Spieler in dem Alter ist es die größte Krux, dass er – so positiv gemeint wie es irgendwie geht – ganz normal bleibt und auch normal mit dem Hype umgeht. Das ist der entscheidende Faktor.“
Mit Blick auf die WM hatte der Bundestrainer auf der Pressekonferenz angefügt: „Wenn du den jungen Spieler mitnimmst zu einem Turnier, dann, weil er eben genau das Freche, Unbekümmerte verkörpert und einfach, wenn er reinkommt, immer Vollgas gibt und Spiele auch entscheiden kann und entscheiden will.“
Worte, die Karl selbst bei seinem Debüt in Taten umsetzte. Es war ein erster vielversprechender Schritt als Nationalspieler, dem noch viele weitere folgen dürften. Seine WM-Chancen dürften jedenfalls nicht kleiner geworden sein.