Man könnte glauben, dass der bemerkenswerte Werdegang von Mesut Özil bis ins letzte Detail besprochen wurde. Die Geschichte ist zu Ende, der Ex-Nationalspieler hat sich aus der deutschen Öffentlichkeit verabschiedet. Fertig, aus. Trotzdem bleiben Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Und wer ist dieser Mann eigentlich wirklich?
Özil-Doku: Was nicht gelingt - SPORT1
Özil-Doku: Was nicht gelingt
Vorab: So mancher Zuschauer wird auch nach den drei Teilen der neuen ZDF-Doku nicht klüger sein. Özil bleibt der große, berühmte Unbekannte – ein Weltstar, den keiner kennt. Trotzdem ist sie sehenswert.
Die Dokumentation geht den gleichen Weg wie der fast gleichnamige Podcast der Produktionsfirma „Undone“ – sie ist auch in der TV-Version mit an Bord. Vermutlich auch deswegen kommen teilweise dieselben Zeitzeugen zu Wort: Özils Vater, Özils Lehrer, Özils Berater und viele mehr. Dazu Joachim Löw und Oliver Bierhoff, die beiden DFB-Macher jener Zeit.
Özil schweigt seit Jahren: „Keiner kennt ihn“
Die ersten beiden Folgen sind dabei manchmal nur etwas für Fans von Fußball- und Fernseharchiven: Gastarbeiterfamilie, Streit auf Schalke, Aufstieg zum Star, Weltmeister. Fast alles ist bekannt und mehrmals erzählt und diskutiert worden – bis zur Erschöpfung.
Allerdings bekommt man dankenswerterweise wieder in Erinnerung gerufen, wie schwer sein Karrierestart war, wie groß die Anfeindungen von vielen Deutsch-Türken ausfielen, die Skepsis der „Bio-Deutschen“ und wie gut dieser Mesut Özil eigentlich Fußball spielte. Auf dem Platz war er über jeden Zweifel erhaben.
Aber der Mensch? „Was kannst du über Mesut Özil sagen? Du hast keine Informationen“, sagt Özils ehemaliger Teamkollege Hamit Altintop und kommt zum Schluss: „Er ist ein Freund von mir, aber keiner kennt ihn!“
Altintop trifft damit den Kern. Interviews waren noch nie Özils Sache, meistens wurde über ihn gesprochen, nie mit ihm. So auch jetzt: Wenn man tiefergehende Aussagen des Weltmeisters hört, stammen sie aus einem fast zehn Jahre alten Interview. Anlass war damals Özils Biografie. Mittlerweile schweigt er seit Jahren.
In der dritten Folge nimmt die Doku fahrt auf
Lange ist es eine klassische Fußball-Doku, die chronologisch den Aufstieg eines Sportlers erzählt. Raus aus Gelsenkirchen, hin zum Symbol für Integration – immer an seiner Seite: sein Vater Mustafa. Mit dicker Zigarre stellt dieser sich den Fragen und gibt glaubwürdig den Hüter seines Sohnes. Doch immer wieder blitzt auf, dass eben auch das Geld eine wichtige Rolle spielte: auf Schalke, bei Real Madrid.
In der dritten Episode nimmt die Dokureihe dann Fahrt auf. Hauptthemen: Das verhängnisvolle Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2018 und die Folgen. Vor allem die Anfeindungen und der Rücktritt aus der Nationalmannschaft – inklusive dreiteiliger Anklageschrift, die der heute 37-Jährige nach der WM in Russland auf X (damals Twitter) postete. Auf Englisch – auch das irritierte damals viele deutsche Beobachter.
Im Fall Erdogan findet Deniz Yücel die deutlichsten Worte. Der WELT-Journalist saß für fast ein Jahr in türkischer Haft – wegen angeblicher „Terrorpropaganda“. Er sagt: „Das musste man auch als Mesut Özil wissen, was für ein Typ Tayyip Erdogan ist. Hauptberuflich ist Erdogan Gangster […] und hobbymäßig ist er Islamist.“ Und über Özils dreiteilige Erklärung: „Denkfaul!“ Klarer geht’s nicht.
Özil-Doku: Sogar Grindel kommt zu Wort
Gut: In der Migrationsdebatte macht sich die Doku die Mühe, das Thema von allen Seiten zu betrachten. Wenn Özils Berater Erkut Sögüt sagt, „Der Deutsch-Türke ist einfach kein vollständig gleichwertiger Mensch in Deutschland“, dann lassen die Autoren den Journalisten Volkan Agar antworten: „Es ist total wichtig, nicht nur über den deutschen Blick auf Deutsch-Türken zu sprechen, sondern auch über den türkischen Blick. Weil das auch ein Blick ist, der seine Probleme hat.“
Das ist ausgewogen und verdeutlicht gleichzeitig noch mehr die Zwickmühle, in der sich Özil lange Zeit befand – und vielleicht noch immer befindet. Zu beneiden ist er nicht.
Bemerkenswert ist, dass sich Reinhard Grindel, damals DFB-Präsident und CDU-Politiker, den Fragen der Filmemacher stellt. Er musste die härtesten Vorwürfe durch Özil einstecken und galt bereits zuvor als konservativer Hardliner mit migrationskritischer Haltung („Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel. Es ist eine Lebenslüge“).
Er hätte guten Grund gehabt, sich bei diesem Thema nicht wieder in die Öffentlichkeit zu begeben, tut es aber trotzdem. Seine Botschaft: Das Management des Nationalspielers habe eine „bedenkliche Rolle“ gespielt – was immer dieses Geraune bedeuten mag. Grindel kommt insgesamt nicht gut weg – auch weil seine Wortwahl so manche Stichelei bereithält. Und: Souverän war sein Umgang mit dem Fall Özil sicherlich nicht. Einsicht? Fehlanzeige.
Skandal um DFB-Star: Löw mit erstaunlichem Geständnis
Eine dicke Überraschung hat die Serie dann in Person von Löw parat. Der Ex-Bundestrainer gibt unumwunden zu: „Die ganze Presseerklärung und die Gründe habe ich nie gelesen. Weil erstens war mir das zu lang und zweitens war ich in dem Moment enttäuscht.“ Rückblickend bemerkenswert, schließlich wäre es seine Aufgabe gewesen, seinen Schützling besser zu verstehen. Doch Löws Neugier war offenbar nicht groß genug – zumal Özil sich versteckte und kein persönliches Gespräch wollte.
Es ist eben dieser dritte Teil, in dem die Doku ihre ganze Kraft entfaltet und wirklich Erkenntnisse liefert. Zum Beispiel diese: Wirklich weiter als 2018 ist Deutschland beim Thema Migration noch immer nicht. Und den wahren Mesut Özil kennt niemand.
Die dreiteilige Doku „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ ist ab Freitag, 20. März in der ZDF-Mediathek zu sehen.