In einer Wohnzimmer-Ecke stapeln sich neben Politikerbiografien und Frankreich-Lektüre Bücher von Miroslav Klose, Hansi Flick und anderen Wegbegleitern großer Fußballjahre. Ein paar Schritte weiter, im Arbeitszimmer, hängen Bilder aus vergangenen Tagen: Jubelszenen, Pressekonferenzen, Momente, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben.
"Was mit Mesut passiert ist, stimmt mich fassungslos"
„Das stimmt mich fassungslos“
Wer Harald Stenger in seinem Zuhause in der Nähe von Friedberg bei Frankfurt besucht, taucht sofort ein in mehr als ein Jahrzehnt Nationalmannschaft - hautnah und hinter den Kulissen. Von 2001 bis 2010 war Stenger Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bundes und bis 2012 Sprecher der Nationalmannschaft.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 75-Jährige über die aktuelle Lage beim DFB, Präsident Bernd Neuendorf, die WM im Sommer und die Herausforderungen rund um die Nationalelf - aus der Perspektive eines Mannes, der die Mechanismen, Machtspiele und magischen Momente des deutschen Fußballs so gut kennt wie kaum ein anderer.
Ex-DFB-Pressechef: „Mehr als nur ein Job“
SPORT1: Herr Stenger, Sie waren über ein Jahrzehnt lang als DFB-Mediendirektor und Nationalmannschafts-Pressechef ein gefragter Mann. Was war die prägendste Erfahrung?
Harald Stenger: Die Jahre mit der Nationalmannschaft waren ein Geschenk. Die vielen Länderspiele, die Turniere - und natürlich die WM 2006 als absoluter Höhepunkt. Dass ich bis heute einen guten Draht zu Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Hansi Flick oder Oliver Bierhoff habe und mit vielen Spielern noch regelmäßig Kontakt pflege, zeigt mir: Das war mehr als nur ein Job. Es war eine wunderschöne Zeit.
SPORT1: Würden Sie heute etwas anders machen?
Stenger: Fehler gibt es immer. Aber die grobe Linie würde ich genauso fahren wie damals. Wir haben die Spieler zu offensiver Medienarbeit ermutigt. Journalisten waren für mich keine Gegner, sondern Partner. Wenn es Konflikte gab, wurde gesprochen, oft auch sehr hart - aber danach war es erledigt. Heute beobachte ich oft das Gegenteil: Abschottung, übertriebene und ängstliche Kontrolle von Interviews, starke Einflussnahme auf Journalisten durch machtbewusste und tricksende Verantwortliche und Berater. Dabei bin ich überzeugt: Ehrlichkeit und Offenheit sind im menschlichen Umgang das Wichtigste. Alles andere produziert Ärger und Querelen, Hektik und Misstrauen.
Stenger: „Man darf Spieler nie instrumentalisieren“
SPORT1: Wo zeigt sich das konkret?
Stenger: Vor allem bei Interviews. Ich bin für Autorisierung - sie macht Sinn. Aber Autorisierung ist keine Zensur. Wenn Pressesprecher Aussagen streichen und sich der Spieler anschließend beim Journalisten beschwert, weil sein wichtigster Punkt fehlt, läuft etwas grundsätzlich falsch. Und Spieler im Alltag komplett abzuschirmen, ist ebenfalls ein Fehler. Wenn jemand in die Kritik geriet, habe ich gesagt: „Sprich mit dem Kollegen. Lass ihn dich kennenlernen.“ Das hat fast immer geholfen - nicht, weil Kritik verschwand, sondern weil sie sachlicher und differenzierter wurde.
SPORT1: Heute entschuldigen sich Spieler oft auf Instagram, weil der Verein es verlangt. Werden sie instrumentalisiert?
Stenger: Wenn jemand etwas verbockt hat, sollte er sich äußern. Aber man darf Spieler nie instrumentalisieren. Ich habe niemandem vorgeschrieben, was er sagen soll. Ich habe die Lage erklärt - gesprochen haben sie mit ihren eigenen Worten. Das war glaubwürdig. Gerade 2006 hat sich das ausgezahlt: Wir haben Medienarbeit mit Freude gemacht, nicht mit Angst.
„Was mich am DFB am meisten nervt, ist der Präsident“
SPORT1: Hat sich die Medienarbeit verändert?
Stenger: Total. Früher gab es kein TikTok. Heute dominieren oft Marketing-Strategien viele Medienabteilungen. Kommunikation darf aber keine reine Klickmaschine sein. Medienarbeit ist in erster Linie Service für Journalisten und Öffentlichkeit, bei der natürlich auch der Standpunkt von Trainern und Spielern, Verbänden und Vereinen eingebracht wird.
SPORT1: Was nervt Sie am DFB heute?
Stenger: Was mich am DFB am meisten nervt, ist der Präsident. Bernd Neuendorf hat zwar Ruhe reingebracht. Aber er ist ein Mann der leisen Töne - und wirkt profillos. Das merkt man auch international. Gerade bei Themen wie Saudi-Arabien oder der Nähe der FIFA zu Donald Trump erwarte ich mehr Haltung. Da braucht es Courage, eine kritische Meinung zu äußern, selbst wenn dadurch die Eskapaden und Entscheidungen von Gianni Infantino nicht zu stoppen sind.
SPORT1: Wie bewerten Sie die Nationalmannschaft unter Julian Nagelsmann?
Stenger: Vor Turnieren wurde schon oft Skepsis verbreitet. 2002, 2006 - und am Ende entstand Begeisterung durch sportliche Leistung. Nach fast zehn Jahren ohne großen Erfolg muss man vor dieser WM realistisch sein: Wir sind noch immer eine große Fußball-Nation, aber keiner der Topfavoriten. Das Viertelfinale ist das Minimalziel bei normalem Verlauf. Danach kommt viel auf die Tagesform an.
So bewertet der Ex-Pressechef das Nagelsmann-Interview
SPORT1: Ist Julian Nagelsmann ein würdiger Nachfolger von Joachim Löw?
Stenger: Die Antwort auf die Frage und den Vergleich kann nur lauten: Würdig ist man erst, wenn man Titel holt. Junge Trainer neigen manchmal zu vielen Experimenten und kessen Sprüchen. Nagelsmann ist gut beraten, etwas mehr Wert auf Konstanz und Bescheidenheit zu legen. Aber er ist ein guter Bundestrainer und verdient Vertrauen.
SPORT1: Wie beurteilen Sie kommunikativ das aktuell viel diskutierte kicker-Interview von Nagelsmann? Hätten Sie ihm dazu geraten oder abgeraten?
Stenger: Ich finde das Interview absolut okay. Die negativen Kommentare, die im Netz zu lesen sind, verstehe ich nicht. Es ist eine Tour d`Horizon und Fachsimpelei des Bundestrainers über die aktuelle Situation des Kaders. Ob Verletzungsprobleme oder die Chance von Talenten - das ist aus meiner Sicht interessant für die Fans, zumal von Nagelsmann in diesem WM-Jahr bisher medial nichts zu hören war. Er war gut beraten, sich endlich mal wieder ausführlich zu äußern.
SPORT1: Fährt Nagelsmann zu viele Schlangenlinien, wenn es um seine personelle Philosophie geht?
Stenger: Die Zeit liegt schon hinter ihm. Es ist nicht möglich, zu Beginn des WM-Jahres zu viele Festlegungen zu treffen. Aber er hat bei seinem Überblick schon einige klare Aussagen getroffen, personell und taktisch. Gespannt bin ich auf die weitere Medienpolitik von ihm und einer ihm nahestehenden Agentur. Die Position der DFB-Medienabteilung ist dadurch stark geschwächt, zumal auch die Spieler-Berater zumindest bei Interview-Autorisierungen stark in die alltäglichen Nationalmannschafts-Abläufe eingreifen.
„Am Ende stand der DFB als Verlierer da“
SPORT1: Sport und Politik sind heute enger verknüpft denn je. Wie haben Sie das erlebt?
Stenger: 2010 in Südafrika war sicherheitspolitisch sensibel. Wir haben das offensiv aufgegriffen, etwa indem wir den Pressesprecher der deutschen Botschaft zu einem Medienworkshop eingeladen haben. Transparenz war der Schlüssel.
SPORT1: Und Katar?
Stenger: Die Diskussion um die Kapitänsbinde hätte es nie geben dürfen. In jedem WM-Workshop werden die FIFA-Regeln in allen offiziellen Infos allen teilnehmenden Mannschaften mitgeteilt. Wer dann glaubt, kurz vor dem Turnier symbolpolitisch Druck aufbauen zu können, darf sich über die viel diskutierte Infantino-Reaktion nicht wundern. Am Ende stand der DFB als Verlierer da.
SPORT1: War Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm im Umgang mit der Öffentlichkeit mutiger als der heutige DFB-Spielführer Joshua Kimmich?
Stenger: Das ist keine Kritik an Kimmich. Ich kann verstehen, dass die Mannschaft nach Katar keine politischen Debatten mehr führen will. Aber Philipp Lahm war 2012 vor der EM in einem Interview mit der Zeit zur damaligen Situation in der Ukraine durchaus klar in seiner Haltung. Er war etwas mutiger als Kimmich. Und ich fand das damals richtig – auch wenn es nicht überall auf Begeisterung stieß. Ein Pressechef oder Funktionäre dürfen sich nicht als alleinige Taktgeber verstehen. Meinungsfreiheit für Sportler gehört dazu.
SPORT1: Können Sie die Ängste der Fans verstehen im Vorfeld des Turniers, die sagen: „Ich habe ein flaues Gefühl im Bauch, soll ich da hin bei den Zuständen?“
Stenger: Selbstverständlich kann ich diese Ängste verstehen. Und ich würde mir sehr genau überlegen, dorthin zu fahren.
SPORT1: Warum?
Stenger: Ich habe vor wenigen Wochen eine eigene Erfahrung mit dem US-System gemacht. Ich hatte einem Freund zum Geburtstag eine sehr kritische Mail in Sachen Trump geschickt. Wenige Sekunden später kam sie automatisch - sicher über KI kontrolliert - als „unerwünscht“ zurück. Ich habe sie dann entschärft und noch einmal gesendet – und sie kam im Gegensatz zum ersten Versuch problemlos bei dem Freund an. Wenn man so etwas erlebt, stellt man sich schon die Frage, wie sensibel Systeme reagieren können, wenn politische Kritik geäußert wird.
Özil eine „der unfassbarsten Entwicklungen“
SPORT1: Wie bewerten Sie die WM vor diesem politischen Hintergrund?
Stenger: Diskussionen rund um Donald Trump sind nachvollziehbar. Nach Katar will sich die Mannschaft heraushalten - verständlich. Aber wenn Exzentriker wie Trump und FIFA-Präsident Infantino ihre eigene Show aus dem Turnier machen, muss man sich dagegen wehren. Da muss man aufpassen, dass die WM keinen Schaden nimmt.
SPORT1: Ein Thema, das bei der WM vier Jahre vor Katar der Streitpunkt schlechthin war, war Mesut Özil. Wie sehen Sie seine anschließende Entfremdung von Deutschland?
Stenger: Es ist für mich nicht nur eine der traurigsten, sondern eine der unfassbarsten Entwicklungen. Bis zu seiner Hochzeit hatte ich einen guten Draht zu Mesut, habe ihn freundschaftlich begleitet und konnte ihm auch manches Kritische sagen, obwohl er es nicht hören wollte - da war ich schon nicht mehr im Amt. Dann hat er seine Nummer gewechselt. Seitdem habe ich ihn nicht mehr erreicht. Was mit Mesut passiert ist, stimmt mich fassungslos. Solange er bei uns war, haben wir der Öffentlichkeit nichts vorgeflunkert - Stichwort Integration. Wer in Südafrika dabei war und gesehen hat, wie Mesut dort im übertragenen Sinne die deutsche Fahne hochgehalten hat, kann sich nicht erklären, dass es dann zu so einem Bruch kam. Eine unfassbar traurige Entwicklung.
SPORT1: Gibt es eigentlich etwas Interessantes aus Ihrer DFB-Zeit, das nie bekannt wurde?
Stenger: Ich war abends oft in der Sauna im Mannschaftshotel. Der Kreis der Spieler in dieser Runde wurde immer größer, wir sprachen über Gott und die Welt - und nichts davon drang nach außen. Dieses gegenseitige Vertrauen war sensationell. Heute wäre das wahrscheinlich undenkbar.