Selten wurde Julian Nagelsmann so deutlich! Vor der Partie gegen die Schweiz ließ er keine Zweifel an seinem Wunsch-Duo in der Innenverteidigung: Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck. Die Marschroute für die nächsten Wochen und Monate war klar: Solange sie fit sind, spielen sie – zu stark waren zuletzt die Leistungen der beiden.
Wie viel Risiko ist erlaubt? Schlotterbeck weckt böse Erinnerungen
Eine Frage drängt sich auf
Umso bitterer, dass der BVB-Verteidiger beim 4:3-Sieg in Basel einen rabenschwarzen Abend erlebte (SPORT1-Note: 5) – und dabei böse Erinnerungen weckte. Denkt Nagelsmann nun doch wieder um? Oder muss Schlotterbeck lediglich seine Spielidee justieren?
Schlotterbeck patzt doppelt
Dabei begann alles vielversprechend: Schlotterbeck präsentierte sich zunächst sattelfest, gewann früh wichtige Zweikämpfe und überzeugte mit öffnenden Pässen sowie präzisen Seitenwechseln. Doch dann kam der Bruch.
In der 17. Minute leistete er sich einen folgenschweren Fehler im Aufbauspiel, 24 Minuten später verlor er erneut den Ball – zwei Tore für die Schweiz resultierten daraus. Danach war ihm die Verunsicherung deutlich anzumerken, insbesondere im Spielaufbau lief kaum noch etwas zusammen. Geht er womöglich zu viel Risiko ein?
„Mit Ball war er ein bisschen unsicher“
Selbst Nagelsmann konnte die Wackler nicht kleinreden: „Mit Ball war er ein bisschen unsicher, bisschen unkonzentriert in der ein oder anderen Situation.“
Dennoch hob der Bundestrainer vor allem den Umgang mit den Rückschlägen hervor: „Ich finde, er hat sich im Spiel gefangen, das ist für mich das wichtige Zeichen. Er hat in der zweiten Halbzeit super verteidigt, in vielen Situationen sehr hart verteidigt.“
DFB-Teamkollegen mit Rückendeckung für Schlotterbeck
Klare Rückendeckung erhielt der 26-Jährige auch aus dem Team. „Fußball ist ein Fehlersport, jeder macht Fehler. Es war auch noch genug Zeit, um den Fehler auszubügeln. Nico ist einer, der mit den besten Spielaufbau von den Innenverteidigern in Europa hat. Deswegen sind wir sehr froh, dass wir ihn haben und er geile Bälle nach vorne gibt“, lobte Matchwinner Florian Wirtz.
Auch Pascal Groß ließ nichts auf seinen Ex-BVB-Mitspieler kommen und ermutigte Schlotterbeck, seinem Stil treu zu bleiben: „Ich glaube, dass es sein Spiel ist. Das ist seine Stärke. Damit löst er ganz viele Probleme, wenn der Gegner uns anläuft. Natürlich waren heute ein, zwei unglückliche Aktionen dabei. Aber Nico ist stabil. Er spielt eine gute Saison. Er ist ein Verteidiger auf absolutem Topniveau Das wirft ihn nicht aus der Bahn. Das sind seine Stärken. Die sollten wir ihm auf keinen Fall nehmen.“
Geht er zu viel Risiko ein?
Doch bleibt die Frage: Geht Schlotterbeck zu viel Risiko ein? Ein Hauch weniger davon könnte ihm guttun.
Allerdings ist genau das der Ansatz, den Nagelsmann fordert: „Ich will, dass sie Dinge probieren, dass sie mutig sind“, verteidigte der Bundestrainer seinen Verteidiger auf der PK, schob aber hinterher: „Klar, wenn es dann Richtung K.-o.-Spiel geht, muss man solche Dinge abstellen. Das ist selbstredend. Aber er bekommt jetzt keinen Riesen-Rüffel.“
Es wirkt, als wolle Schlotterbeck manchmal zu viel. Einerseits spricht das für seine Spielidee und seinen Anspruch, doch andererseits verlangt nicht jeder Moment den spektakulären Pass. Manchmal ist weniger mehr.
Schlotterbeck und DFB-Elf: Bislang noch keine Erfolgsgeschichte
Auch im Verein ist Schlotterbeck für sein mutiges Aufbauspiel bekannt und geschätzt. Kein Wunder, dass der BVB ihm ein neues Arbeitspapier mit einer Verdopplung seines Gehalts (rund 14 Millionen Euro jährlich) in Aussicht stellt und ihn perspektivisch zum Kapitän machen will. Doch Schlotterbeck und die DFB-Elf – das ist bislang noch keine echte Erfolgsgeschichte.
Sein wohl größter sportlicher Rückschlag, der folgenschwere Patzer beim WM-Gruppenspiel gegen Japan 2022, mag intern und auch bei ihm aufgearbeitet sein, doch bei vielen Fans bleibt er präsent.
Die konstant starken Leistungen, die er beim BVB zeigt, konnte er in der Nationalmannschaft bislang noch nicht in gleicher Form über einen längeren Zeitraum bestätigen und sich ein vergleichbares Standing erarbeiten.
Nagelsmann vertraut auf Schlotterbeck
Für Nagelsmann waren und sind die beiden Fehler dennoch kein Anlass zum Umdenken oder gar zu einem Wechsel – weder im Spiel selbst noch mit Blick auf die nächste Partie gegen Ghana. „Mit Ball waren ein paar Wackler dabei, aber das ist eine seiner größten Stärken. Da findet er am Montag schon wieder zurück“, so der Bundestrainer völlig gelassen.
Damit unterstreicht er: Das Vertrauen in Schlotterbeck bleibt ungebrochen. Konkurrenten wie Waldemar Anton oder auch Real-Star Antonio Rüdiger müssen sich vorerst hinten anstellen. Um diese Position zu festigen und leise Zweifel im Keim zu ersticken, wird Schlotterbeck allerdings spätestens am Montag ein anderes Gesicht zeigen müssen.