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Kevin Kuranyi: Nagelsmanns Entschuldigung bei Undav zeigt Größe

Undav? „Genau das ist seine Stärke“

Kevin Kurányi spricht Klartext! Im exklusiven SPORT1-Interview bezieht der ehemalige Nationalstürmer Stellung zur Angreifer-Debatte um Deniz Undav, hinterfragt Entscheidungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann – und blickt auf seine eigene DFB-Vergangenheit zurück.
Kevin Kuranyi spricht im exklusiven SPORT1-Interview über den Stand von Deniz Undav in der deutschen Nationalmannschaft. Der einstige Mittelstürmer nimmt auch Bundestrainer Julian Nagelsmann in Schutz.
Kevin Kurányi spricht Klartext! Im exklusiven SPORT1-Interview bezieht der ehemalige Nationalstürmer Stellung zur Angreifer-Debatte um Deniz Undav, hinterfragt Entscheidungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann – und blickt auf seine eigene DFB-Vergangenheit zurück.

Kevin Kurányi lächelt, wirkt entspannt – doch beim Thema Nationalmannschaft wird der frühere Top-Stürmer deutlich. Interviews gibt der inzwischen 44-Jährige selten, für SPORT1 macht er eine Ausnahme und empfängt exklusiv in seiner Agentur in Stuttgart.

Schnell geht es zur Sache: Warum spielt Deniz Undav trotz starker Form keine größere Rolle? Und was steckt hinter den Entscheidungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann – inklusive dessen jüngster Entschuldigung? Kuranyi hat dazu eine klare Haltung. Es geht auch um seine Ex-Klubs VfB Stuttgart und Schalke 04.

SPORT1: Herr Kurányi, wir treffen uns hier in Ihrer Agentur „22 Sports Management“. Sie waren Nationalspieler, heute beraten Sie Talente. Was ist schwerer: Tore schießen oder Karrieren richtig steuern?

Kevin Kurányi: Nach meiner Fußballkarriere habe ich mir bewusst Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Ich wollte im Fußball bleiben und etwas zurückgeben. So ist die Idee entstanden, ins Sportmanagement zu gehen. Ich habe eine Agentur aufgebaut und arbeite viel mit jungen Spielern. Ich versuche, Talente früh zu entdecken und sie nicht nur sportlich, sondern auch menschlich in den Profibereich zu begleiten. Das macht mir sehr viel Spaß.

Sportlicher Erfolg: Zwischen Talent und Beratung

SPORT1: Nehmen wir Matheus Cunha als Beispiel. Wie viel Anteil hat wirklich der Berater am Erfolg eines Spielers – und wie viel ist einfach Talent? 

Kurányi: In Leipzig war es für ihn schwierig, Matheus hat wenig gespielt. Wir haben ihn nach Berlin geholt, heute spielt er bei Manchester United und ist brasilianischer Nationalspieler.

Das zeigt: Talent ist wichtig, aber entscheidend ist, dass man es richtig entwickelt und den passenden Verein findet. Viele junge Spieler kenne ich auch aus dem Umfeld meines Sohnes. Manche waren bei mir und sind später zu größeren Beratern gewechselt – das gehört zum Geschäft. Trotzdem macht mir die Arbeit extrem viel Spaß.

SPORT1: Ihr Sohn spielt auch Fußball – beraten Sie ihn?

Kurányi: Ja, er spielt in der Regionalliga. Sie machen dort gute Arbeit, vielleicht geht es Richtung 3. Liga. Ich halte viel von ihm und unterstütze ihn, aber er muss seinen eigenen Weg gehen.

SPORT1: Kommen wir zur Nationalmannschaft: Wie bewerten Sie die Situation um Deniz Undav und Bundestrainer Julian Nagelsmann?

Kurányi: Ich kenne beide gut. Deniz ist ein unglaublich guter Junge, ein starker Charakter und eine starke Persönlichkeit – aber vor allem ein sehr guter Mensch.

Ich finde, da ist insgesamt einiges nicht optimal gelaufen. Er hat konstant Leistung gebracht, Tore geschossen und war extrem wichtig für seinen Klub. Er hat sich die Nationalmannschaft absolut verdient. Der Bundestrainer konnte ihn sportlich eigentlich nicht ignorieren – in der Nationalmannschaft müssen die Besten spielen.

„Da hat sich Julian Nagelsmann keinen Gefallen getan“

SPORT1: Wenn das so ist – wie erklären Sie sich dann, dass es trotzdem immer wieder solche Diskussionen um Spieler wie Undav gibt?

Kurányi: Da kamen Interviews von beiden Seiten, die unglücklich waren. Deniz ist sehr direkt, das gehört zu ihm. Auf der anderen Seite gab es Aussagen, die nicht ganz zu seinen Leistungen gepasst haben. Da hat sich Julian Nagelsmann keinen Gefallen getan. Dass er sich später entschuldigt hat, zeigt Größe. Wichtig ist, dass man so etwas klärt. Am Ende wollen beide das Beste für den DFB.

SPORT1: Sie sagen „die Besten müssen spielen“. Ist es dann ein Fehler von Nagelsmann gewesen, Undav so lange außen vor zu lassen?

Kurányi: Man hatte schon das Gefühl, dass er nicht die klare erste Wahl ist. Vielleicht hatte der Bundestrainer eine andere Idee oder vertraute anderen Spielern mehr, auch wenn diese nicht in Topform waren. Ich kenne diese Gedanken nicht. 

Aber wenn ein Spieler trifft und trotzdem nicht regelmäßig berücksichtigt wird, sorgt das natürlich immer für Diskussionen – bei Fans genauso wie im Umfeld. Es war bitter für Deniz, aber jetzt ist man auf einem besseren Weg. Wichtig ist, dass er zur WM mitgenommen wird und Spielzeit bekommt – dann wird er auch treffen.

SPORT1: Undav hat ruhig reagiert und mit Leistung geantwortet.

Kurányi: Genau das ist seine Stärke. Jeder Spieler wäre enttäuscht in so einer Situation. Klar gab es auch Zwischentöne, aber das ist menschlich. Er ist direkt, sagt seine Meinung und bleibt trotzdem bei sich. Lieber ehrlich als hintenrum – das mag ich an ihm.

SPORT1: Kann man ihn mit dem jungen Kuranyi vergleichen?

Kurányi: In gewisser Weise schon. Ich war auch jemand, der seine Meinung gesagt hat. Das bringt manchmal Probleme, gehört aber dazu. Wenn man direkt und ehrlich ist, eckt man eben auch an – nicht nur beim Trainer, sondern auch im Umfeld. Andererseits fordern viele immer den mündigen Profi. 

Emotionalität mündete in Stadionflucht und „Ballack-Streit“

SPORT1: Sie sprechen heute sehr klar über Leistung und Disziplin – haben Sie selbst in Ihrer Nationalmannschaftszeit manchmal zu emotional reagiert?

Kurányi: Oh ja, zum Beispiel bei meiner Stadionflucht unter Jogi Löw. Oder unter Jürgen Klinsmann nach einem Streit mit Michael Ballack. Da ging es richtig zur Sache. Ich habe meine Meinung klar vertreten, und das hat natürlich Wellen geschlagen. Wichtig ist: Solche Dinge musst du schnell klären, sonst werden sie größer, als sie sind.

SPORT1: Ist der DFB in solchen Situationen wirklich konsequent leistungsorientiert – oder spielen Namen und Hierarchie am Ende doch eine größere Rolle?

Kurányi: Grundsätzlich ja. Aber besonders vor Turnieren spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Die Hierarchie natürlich, aber auch, welche Personalie mehr oder weniger Ruhe bringt, wenn man eine solch lange Zeit miteinander verbringt wie während eines Turniers.  Trotzdem gilt: Am Ende müssen die spielen, die Leistung bringen.

SPORT1: Was würden Sie Deniz Undav als Berater sagen?

Kurányi: Ich müsste ihm gar nichts sagen. Deniz macht alles richtig. Er lässt sich nicht verunsichern, bleibt bei sich und bringt seine Leistung.

Undav bester Stürmer? „Im Moment ganz klar: ja“

SPORT1: Ist er aktuell Deutschlands bester Stürmer?

Kurányi: Im Moment ganz klar: ja.

SPORT1: Sie haben zuletzt von einer Stürmerkrise gesprochen – woran liegt das?

Kurányi: In der Jugend wurden über Jahre zu wenig klassische Stürmer gefördert. Die Phase mit der „falschen Neun“ hat dazu geführt, dass der klassische Mittelstürmer etwas verloren gegangen ist. Das hat Entwicklung gekostet. Jetzt muss man wieder gezielt in diese Richtung arbeiten.

SPORT1: Gibt es trotzdem genug Qualität?

Kurányi: Ja. Wir haben wieder gute Stürmer: Woltemade, Havertz und Undav – alle mit unterschiedlichen Qualitäten. Das ist keine Krise mehr, eher eine Umstellung.

SPORT1: Wenn Sie den WM-Sturm der Nationalmannschaft zusammenstellen müssten – wie würde er aussehen?

Kurányi: Alle drei müssen spielen. Undav, Woltemade und Havertz. Das ist ein sehr starkes Trio.

SPORT1: Kann Deutschland Weltmeister werden?

Kurányi: Wir sind eine Turniermannschaft. Es gibt starke Gegner wie Frankreich, Spanien und England. Aber wenn die Mannschaft sich findet, haben wir unsere Chancen.

Diese Traditionsklubs liebt Kuranyi nach wie vor

SPORT1: Schalke steht vor dem Aufstieg – reicht das für die Bundesliga?

Kurányi: Schalke hatte schwierige Jahre, sportlich und finanziell. Aber der Weg stimmt jetzt. Ich glaube, dass der Aufstieg klappt. Danach müssen wir uns verstärken, um in der Bundesliga zu bestehen.

SPORT1: Sie sagen „wir“?

Kurányi: (lacht) Ja, das sage ich bei den drei Klubs, in denen ich lange, intensive und schöne Zeiten hatte: Dinamo, VfB und Schalke. Sie sind ein Teil von mir und ich liebe sie. Dabei war es am Anfang nicht leicht auf Schalke.

SPORT1: Warum ist es dem Klub nach Ihrer Zeit nie gelungen, stabil auf diesem Niveau zu bleiben?

Kurányi: Wie viel Zeit haben Sie? Ich glaube, das hatte so viele verschiedene Gründe, das würde jetzt den Rahmen hier sprengen. Wichtig ist, dass Schalke in die Bundesliga zurückkehrt. 

SPORT1: Der VfB Stuttgart war Ihr erster großer Klub.

Kurányi: Ich bin sehr stolz darauf. Acht Jahre beim VfB Stuttgart – vier in der Jugend und vier als Profi. Das prägt einen als Spieler und als Mensch. Das war meine erste große Station im Profifußball, und ich habe dort viel gelernt. Diese Zeit hat mich sehr stark geformt. Und ich freue mich, dass es dort wieder so gut läuft. Sebastian Hoeneß macht einen sehr guten Job. Er hat den Verein stabilisiert und entwickelt ihn konsequent weiter. Man merkt, dass wieder viel Ruhe und Struktur drin ist.