Der Vortrag von DFB-Sportdirektor Rudi Völler dauerte nicht lange, reichte aber aus, um Julian Nagelsmann aus der Schusslinie zu nehmen. Die Leidtragenden waren Jürgen Klopp und Thomas Müller. Ihnen wurde von höchster Stelle attestiert, mit ihren Sprüchen über den Bundestrainer zu weit gegangen zu sein.
Für Thomas Müller dürfte das schmerzlich sein
Kulturschock für Müller
Obendrein seien die beiden TV-Experten „mehr für die Komik“ zuständig – für zwei Männer, die mit ihrer Fußball-Kompetenz Geld verdienen, eine Klatsche.
Vor allem für Thomas Müller dürfte es ein schmerzlicher Moment gewesen sein. Als Weltmeister von 2014 steht er eigentlich auf Augenhöhe mit Völler, Weltmeister von 1990. Und trotzdem musste er sich von „Rudi nationale“ schulmeistern lassen. „Thomas, du könntest einen kleinen Trainerschein machen, um ein wenig mehr zu verstehen. Wir haben ja alle das Gefühl, wir wissen alles“, erklärte der DFB-Sportdirektor und sagte weiter: „Ich glaube, wenn man nochmal einen Trainerschein macht, hilft das, egal, was du später noch machst.“
Es ist eine Andeutung, die Müller fast wie einen Lehrling aussehen lässt. Völlers kaum versteckte Botschaft: Probiere dich jetzt mal als Experte aus. Später solltest du aber einen echten Job in der Branche ergreifen – am besten mit der Grundlage eines Trainerscheins. Eine Stichelei, die ankam und gegen die in diesem Moment kein Kraut gewachsen war. Auch Müllers diplomatische Worte verpufften.
Die Szene ist deswegen so bemerkenswert, weil es der Ex-Nationalspieler überhaupt nicht gewohnt ist, kritisiert zu werden oder Ratschläge erteilt zu bekommen. Ein Kulturschock, schließlich stand er gerade in der Schlussphase seiner Zeit bei den Bayern über den Dingen und war „Everybody’s Darling“.
Thomas Müller: ein Freund des offenen Visiers
Allein Klub-Patron Uli Hoeneß traute sich, Müller zu attackieren. Der sei irgendwann nur noch der „Pressesprecher“ der Münchner gewesen, sagte er bei DAZN. Obendrein belehrte er bereits Anfang des Jahres die lebende Legende und empfahl Müller, seine Karriere komplett zu beenden.
Bekanntlich folgte der mittlerweile 36-Jährige diesem Ratschlag nicht, sondern kickt in der nordamerikanischen MLS für die Vancouver Whitecaps. Interessant dürfte sein, ob er sich irgendwann zu Völlers Ratschlag äußern wird.
Über Hoeneß‘ Worte sagte er später: „Dass Uli Hoeneß dann versucht hat, ‚mir eine Brücke zu bauen‘, und sich öffentlich zu meiner Vertragssituation auf der Kino-Premiere meiner Doku geäußert hat, fand ich ehrlicherweise nicht sehr glücklich“, erklärte er im August in der Sport-Bild. Er sei ein Freund des „offenen Visiers“. Das, immerhin, hat Völler ihm gegeben. Er bekam, was er wollte.