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"Da darf ihm keiner reinreden"

„Da darf ihm keiner reinreden“

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Christian Heidel über Jürgen Klopps Qualitäten als Bundestrainer. Auch zu dessen Verhältnis zum englischen Nationaltrainer Thomas Tuchel und was im deutschen Fußball seiner Meinung nach fehlt, äußert sich der Mainz-Sportvorstand.
Christian Heidel, Vorstand für Kommunikation und Sport des 1. FSV Mainz 05, spricht darüber, welche Aufgabe Jürgen Klopp bei der deutschen Nationalmannschaft erwartet. Dabei zeigt er sich überzeugt, dass der ehemalige Mainzer der richtige Kandidat für den Posten ist.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Christian Heidel über Jürgen Klopps Qualitäten als Bundestrainer. Auch zu dessen Verhältnis zum englischen Nationaltrainer Thomas Tuchel und was im deutschen Fußball seiner Meinung nach fehlt, äußert sich der Mainz-Sportvorstand.

Es war Christian Heidel, der die Trainerkarriere von Jürgen Klopp einst ermöglichte. Vor mittlerweile mehr als 25 Jahren machte der damalige Manager von Mainz 05 im Februar 2001 den Spieler Klopp über Nacht zum Trainer.

Auch wenn sich die Wege der beiden sieben Jahre später trennten, gehört Heidel bis heute zu den wohl besten Klopp-Kennern in Deutschland.

Im SPORT1-Interview spricht der heutige Vorstand Sport & Kommunikation der Mainzer über Klopps Qualitäten als Bundestrainer und dessen Verhältnis zum englischen Nationaltrainer Thomas Tuchel, der ebenfalls unter Heidel sein Trainer-Debüt im Profifußball feierte. Außerdem adressiert er die Probleme im deutschen Fußball und erklärt sein Gespür für erfolgreiche Trainerwechsel.

SPORT1: Bundestrainer Jürgen Klopp, Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel. Sind Sie auch ein bisschen stolz, dass beide erst bei Ihnen zu Trainern geworden sind?

Christian Heidel: Das hat mit Stolz überhaupt nichts zu tun. Zum einen maße ich mir nicht an, dass ich dafür verantwortlich bin, dass das zwei Welttrainer geworden sind. Zum Zweiten glaube ich, dass sie das auch ohne mich geworden wären. Aber ich freue mich für beide. Wenn man sieht, dass der deutsche und der englische Nationaltrainer ihre Profikarriere in Mainz begonnen haben, ist das für Mainz eine Auszeichnung. Das hat weniger was mit mir persönlich zu tun.

Klopp-Zitat zu Nagelsmann? „Er hat schon geschicktere Interviews gegeben“

SPORT1: Was haben Sie über das „Noch“-Zitat von Klopp während der WM bezüglich des damaligen Bundestrainers Julian Nagelmann gedacht?

Heidel: Ich habe genauso darüber gedacht wie Kloppo selber. Er hat schon geschicktere Interviews gegeben, deswegen hat er sich ja auch dafür entschuldigt. Ich glaube, dass die Entscheidung an sich damit aber überhaupt nichts zu tun hat. Es war klar, wenn die WM schlecht ausgeht und Deutschland einen Bundestrainer sucht oder braucht, dass er Kandidat Nummer eins ist und das auch völlig zu Recht.

SPORT1: Kann Jürgen Klopp die Probleme des deutschen Fußballs lösen?

Heidel: Ich glaube, man darf ihm jetzt nicht alle Probleme des deutschen Fußballs aufbürden, die kann er nicht lösen. Aber die Probleme der deutschen Nationalmannschaft, da bin ich sehr optimistisch. Nicht, dass er sie lösen kann, sondern dass es wesentlich besser wird.

SPORT1: Glauben Sie, er hat hier eine Aufgabe, die größer ist als alles Bisherige?

Heidel: Er hat nun mal die Mannschaft in Deutschland und das heißt, er hat da eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Aber dessen ist er sich doch bewusst. Er hat seine Mannschaft zusammen. Ich glaube, dass auch die Leute beim DFB ihn arbeiten lassen werden. Ich kenne ihn ja recht gut, er ist nicht immer einfach. Da darf ihm keiner reinreden. Zum Glück ist Aki Watzke da, der ihn ja auch aus seiner Zeit in Dortmund gut kennt. Der hat seine ganzen Co-Trainer dabei. Besser aufstellen kann man sich nicht.

Heidel: „Kloppo ist ein sehr dominanter Trainer“

SPORT1: Ist Klopp noch jemand, der auch mal Rückfragen hat?

Heidel: Kloppo ist ein sehr dominanter Trainer, das muss er auch sein. Aber er ist ein großer Teamplayer. Das wird immer vergessen. Er geht zu seinen Co-Trainern und fragt nach deren Meinung. Er geht zu seinem Torwarttrainer und fragt nach dessen Meinung. Einer muss entscheiden, und aus der Verantwortung zieht er sich nicht raus. Im Endeffekt, wenn’s schiefgeht, ist er schuld, nie die Co-Trainer oder sein Team. Das macht er jetzt 20 Jahre oder über 20 Jahre, damit hat er kein Problem.

SPORT1: Wird er zu oft auf den großen Motivator reduziert?

Heidel: Die Leute, die das sagen, haben einfach keine Ahnung. Du wirst ja nicht Meister in Deutschland und in England, gewinnst nicht die Champions League, und du wirst nicht Welttrainer, wenn du nur ein guter Motivator bist. Das ist Basic für jemanden, der diese Titel holt. Er ist einfach das Komplettpaket, und das Komplettpaket ist jetzt für die Nationalmannschaft zuständig. Was Besseres kann uns nicht passieren. Es gibt keine Garantie, aber es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit.

SPORT1: War das eigentlich ein Scherz, als Sie gesagt haben: EM-Finale in zwei Jahren, Tuchel gegen Klopp?

Heidel: Was kann es denn Schöneres geben für einen Mainzer, als wenn England gegen Deutschland spielt und an der Außenlinie zwei Mainzer Trainer sind? Das habe ich schon ernst gemeint. Da würde ich mich riesig freuen. Ich freue mich auch über jeden Erfolg, den Thomas Tuchel erzielt. Die haben alle hier in Mainz angefangen, da hat man natürlich schon eine besondere Verbindung.

Heidel: „England ist bei der EM im eigenen Land der Top-Favorit“

SPORT1: Haben Sie gedacht, es ist ungerecht, als die englische Presse ihn förmlich auseinandergenommen hat?

Heidel: Ja klar, ich habe aber nichts anderes erwartet. Das ist in England eben so. Die sind jetzt Dritter bei der Weltmeisterschaft geworden und auch völlig zu Recht Dritter geworden. Sie haben ein schlechtes Spiel gemacht, das wurde ihm dann angelastet, das ist völlig normal. Aber ich glaube auch, dass England bei der EM im eigenen Land der Top-Favorit ist.

SPORT1: Es gab bei der WM sehr herzliche Bilder zwischen Tuchel und Klopp. Glauben Sie, das war ernst gemeint?

Heidel: Ich würde jetzt mal sagen, die sind nicht die dicksten Freunde, das muss man auch nicht sein. Aber ich glaube, das Verhältnis ist geprägt von allerhöchster Wertschätzung beiderseits. Dann ist das auch nicht gespielt, wenn man sich trifft.

SPORT1: Im deutschen Fußball sind das Kämpfen und die Leidenschaft etwas verloren gegangen. Kann ein Trainer allein das lösen?

Heidel: Ich bin da immer ein bisschen zurückhaltend. Wenn heute eine Mannschaft nicht gewinnt, ist es immer erstmal ein Mentalitätsproblem. Das hat viel mit Motivation, mit Ansprache zu tun. Das hat bei der WM nicht so ganz funktioniert. Aber ich glaube, wenn einer da alles rauskitzeln kann, dann ist es einfach Jürgen Klopp. Es gibt keine Garantien. Aber ich glaube, es gibt einfach eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, weil er einfach von seiner Art, wie er ist, ein sehr, sehr perfekter Bundestrainer sein kann und ich glaube auch sein wird.

SPORT1: Was sagen Sie zur These, dass junge Talente nicht wirklich an die Leistungsgrenze gehen müssen, wie in England oder in Frankreich, wo viele Spieler aus sozialen Umfeldern mit Problemen kommen?

Heidel: Ich bin mir nicht sicher, ob das da anders gehandhabt wird. Das ist eben heutzutage im Fußball so, dass den Jungs viel abgenommen wird. Ich bin auch der Meinung, dass man einen Personalausweis selber verlängern kann und nicht irgendeiner vom Klub angerannt kommen muss. Aber ich glaube nicht, dass das unser Problem ist. Wir müssen viel mehr Wert auf Ausbildung legen. Nach meinem Dafürhalten wird viel zu viel gelaufen und gekämpft. Wir müssen den Jungs in jungen Jahren den Ball geben: Fußball spielen, Fußball spielen, Fußball spielen. Das andere kannst du später machen.

Heidel: „Die anderen sind uns auch fußballerisch übelegen“

SPORT1: Haben uns Nationen wie Argentinien oder auch Paraguay in Sachen Kampf überholt?

Heidel: Nein. Ich glaube nicht, dass unsere Probleme in einer falschen Mentalität liegen, sondern dass die anderen uns inzwischen auch fußballerisch überlegen sind. Das Fußballspielen, das musst du in ganz jungen Jahren lernen. Das andere, das sind Dinge, die machst du dann im fortgeschrittenen Alter. Wir dürfen auch nicht alles schlechtreden, was hier in Deutschland gemacht wird. Die Bundesliga ist eine überragende Liga in Europa. Mit der Nationalmannschaft hat es nicht so funktioniert, deswegen gibt es jetzt Veränderungen. Aber alles in Schutt und Asche reden, das ist Quatsch in meinen Augen.

SPORT1: Legt man auch in Mainz ein besonderes Augenmerk auf die deutschen Problemzonen Außenverteidiger oder Mittelstürmer?

Heidel: Wir maßen uns nicht an, dass wir die Rechtsverteidiger-Problematik des deutschen Fußballs hier in Mainz lösen werden. Da schauen wir schon auf uns. Aber dass solche Positionen nicht mit internationaler Klasse besetzt werden können, ist sicherlich ein Problem. Aber das ist jetzt nicht die einzelne Aufgabe der Klubs, sondern da geht’s um Selektion. Wir müssen die Besten besser ausbilden. Wir müssen mal über den Tellerrand hinaus ins Ausland schauen. In Deutschland glauben wir immer noch, wir sind die Allerbesten. Deswegen sind wir ja auch irgendwie als Favorit zur WM gefahren. Ich habe mich damals schon gewundert, woher das kommen kann. Bodenständigkeit würde uns wieder mal gut zu Gesicht stehen, aber wir haben das Potenzial, das hier zu lösen. Da bin ich 100-prozentig sicher.

SPORT1: Abschließend noch zu Ihrem Trainer. In schwierigen Phasen haben Sie Bo Svensson, Bo Henriksen und jetzt Urs Fischer geholt und alle haben funktioniert. Wie machen Sie das?

Heidel: Das hört sich natürlich blöd an, wenn man so über sich selber redet. Ich glaube, ich habe ein Gespür dafür, in welcher Situation welcher Trainer uns helfen könnte, weil das ja alles unterschiedliche Figuren gewesen sind. Und da haben wir einfach Glück gehabt, dass es eigentlich immer gepasst hat, wenn wir mal in einer schwierigen Situation waren. Mir wäre es aber lieber, dass die Situation nicht so häufig kommt. Aber das gehört eben zum Fußball dazu. Die Fluktuation bei Trainern ist ja nicht nur in Mainz so.