Der Hype um Jürgen Klopp hat in den vergangenen Tagen neue Ausmaße genommen. Um nicht zu sagen: nie dagewesene Ausmaße. Denn bei der Verkündung seines XXL-Kaders schürte der Bundestrainer offensichtlich nicht nur sportliche Vorfreude. Die Reaktionen legten vielmehr nahe: Klopp rüttelte ganz Deutschland auf.
Jürgen Klopp und Nationalstolz: Im Doppelpass gibt es Gegenwind
Jürgen Klopp und Nationalstolz: Im Doppelpass gibt es Gegenwind
Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis die rund 70-minütige Pressekonferenz der kriselnden Bundesregierung um Kanzler Friedrich Merz als Lehrbeispiel in Sachen Kommunikation medial vorgesetzt wurde. Die vielleicht einprägsamste Schlagzeile lieferte die Bild-Zeitung: „Klopp als Bundespräsident – Warum eigentlich nicht?“
Klopp-Aussagen? „Das wird langsam etwas kauzig“
Klopp, „The Normal One“, als Präsident oder gar Kanzler? Ideen, die womöglich nicht zuletzt unter Fußballbegeisterten tatsächlich auf Anklang stoßen könnten. Doch komplett einstimmig werden die Loblieder nicht gesungen, wie auch eine Wortmeldung im FIROCKX Doppelpass von SPORT1 gerade zeigte.
„Wenn unser Bundeskanzler Friedrich Merz solche Sätze sagen würde, würde man die ihm eher um die Ohren hauen, als ihn dafür fast heiligzusprechen?“, fragte der Journalist und Autor Nikolaus Blome.
Dem „Ressortleiter Politik und Gesellschaft“ von RTL ging es um „ein paar unfreiwillig komische Sätze“, die er bei Klopps Vorträgen ausgemacht hatte. Konkret ging es ihm um eine Aussage, bei der so mancher Zuhörer gezuckt haben dürfte.
„Der Satz, man könne doch stolz sein, Deutscher zu sein und trotzdem vielfältig, nett und offen. Also kurz gefasst: Man könne durchaus ein stolzer Deutscher sein – und ein Mensch bleiben. Das wird es dann langsam etwas kauzig, finde ich“, urteilte Blome.
Er habe nichts gegen den Bundestrainer Klopp, „aber als Bundeskanzler sehe ich ihn nicht. Und der Hype, der sich daraufhin dann entwickelt hat, ist lächerlich – und wird auch dem Ernst der Lage nicht gerecht.“
„Die Nationalmannschaft sollte nicht gegen die AfD spielen“
Klopp hatte gesagt: „Ich möchte den Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen. Positiver Patriotismus – gern! Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein, und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich? Kann man Mitgefühl haben? Kann man all diese Dinge haben? Ich bin hundertprozentig sicher, ja.“
Worauf Klopp damit in Tagen beunruhigender Landtagswahlen abzielte, dürfte klar sein. Blome aber wollte das nicht stehen lassen, denn Bundeskanzler Merz wären diese Sätze seiner Meinung nach nicht einfach verziehen worden.
„Also mindestens einmal für den letzten, den ich zitiert habe. Also: Sie können beruhigt ein stolzer Deutscher sein – oder stolz sein darauf, Deutscher zu sein – und trotzdem bleiben Sie ein Mensch, keine Sorge. Ja, dafür wäre er zerschnitten worden – in kleine Teilen. Und auch zu Recht“, erklärte der Journalist im Doppelpass.
Wo das Problem liege, wurde Blome gefragt. Die Antwort: „So kann man nicht mehr kommunizieren. Das setzt etwas voraus, dass ein Stück weit überwunden ist – bei aller Schwierigkeit und bei aller Polarisierung, die das Land erlebt. Ich bin der Meinung, die Nationalmannschaft sollte nicht gegen die AfD spielen. Das ist nicht ihre Aufgabe.“
Klopps Forderung nach der Fahne unpassend?
Dass Klopp sich „gern die Fahne zurückholen“ wolle, ist für den 63-Jährigen ebenfalls ein unpassender Ansatz: „Die Frage ist ja, ob es eine Ansprache ist, die zur Zeit und zur Lage passt. Haben die Leute im Stadion wirklich ein Problem damit, im Stadion bei einem Länderspiel eine schwarz-rot-goldene Fahne zu schwenken? Wenn ich mir die Länderspiele seit 2006 anschaue, dann sage ich: Nein, haben sie nicht.“
Durch Klopp werde ihnen aber „nochmal eines suggeriert – um nicht zu sagen untergeschoben – indem man sagt, dass man die Fahne zurückholen möchte. Was ja bedeutet: Sie ist weg. […] Und ich erkenne das nicht.“
Zuletzt hatte auch Dietmar Hamann davor gewarnt, um Klopp einen unkritischen Hype entstehen zu lassen. „Stell dir mal vor, der Nagelsmann hätte das gemacht (einen XXL-Kader zu nominieren; Anm. d. Red.). Ich will nur mal ein warnendes Wort aussprechen. Wenn der Nagelsmann das gemacht hätte, dann hätten sie ihn zerrissen“, hatte der Ex-Profi bei Sky angemerkt.