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Wirkt bei Wirtz der Jürgen-Klopp-Effekt?

Wirkt bei Wirtz der Jürgen-Klopp-Effekt?

Im zweiten Jahr beim FC Liverpool scheint für Florian Wirtz die Schonfrist vorbei. Jürgen Klopp hat zuletzt nochmals Wirtz' Wert hervorgehoben. Bei der Nationalmannschaft steht der Offensivstar daher besonders im Fokus.
TV-Experte Dietmar Hamann äußert seine Zweifel an der Beziehung zwischen dem FC Liverpool und Florian Wirtz.
Im zweiten Jahr beim FC Liverpool scheint für Florian Wirtz die Schonfrist vorbei. Jürgen Klopp hat zuletzt nochmals Wirtz' Wert hervorgehoben. Bei der Nationalmannschaft steht der Offensivstar daher besonders im Fokus.

Um das momentane Dilemma des Florian Wirtz zu verstehen, muss man sich nur die Entstehung des entscheidenden Treffers zum 1:0 für den FC Liverpool am Sonntag beim AFC Bournemouth anschauen.

Cody Gakpo schlug vom rechten Flügel eine halbhohe und somit schwierig zu verwertende Flanke Richtung Fünfmeterraum. Der in die Gefahrenzone eingelaufene Wirtz versuchte, mit einem Geniestreich den anspruchsvollen Ball irgendwie per Hacke Richtung zu Tor zu lenken, aber Bournemouth-Verteidiger James Hill grätschte dazwischen – und lenkte den Ball so zu Alexander Isak, der mühelos abstaubte.

Offiziell bekam Wirtz keinen Assist zugeschrieben. Auch wenn er an der Entstehung irgendwie entscheidend beteiligt war, aber eben auch nicht direkt den Pass zum späteren Torschützen spielte. Insgesamt kommt Wirtz in dieser Saison in sechs Pflichtspielen bislang auf eine Torvorlage, auf seinen ersten eigenen Treffer wartet er noch.

Jürgen Klopp mit treffenden Worten zu Florian Wirtz

Als der neue Bundestrainer Jürgen Klopp am vergangenen Donnerstag seine Nominierungen begründete, hatte er bei seinen Ausführungen zu Wirtz in etwa eine solche Situation, wie sie nur drei Tage später im Spiel in Bournemouth eintrat, vorweggenommen.

„Man muss damit zufrieden sein, dass ein Flo Wirtz ein Spiel spielt, in dem er alles gegeben hat, aber keine Torbeteiligung hatte. Einfach dem Jungen das Gefühl geben: Das war heute mehr als in Ordnung. Das hat uns als Mannschaft geholfen. Wir haben 1:0 oder 2:0 gewonnen. Und dann sitzen alle Experten da und diskutieren, warum er immer noch nicht funktioniert hat. Es gibt genauso viele Gründe, um zu sagen: Er funktioniert tadellos“, sagte Klopp.

Experten-Kritik an Wirtz

In der Tat ist auch die Expertenriege in England gespalten. Während Liverpool-Idol Jamie Carragher hart mit dem 23-Jährigen ins Gericht ging, widersprach der frühere englische Nationalspieler Emile Heskey und nahm die Teamkollegen des Deutschen in die Pflicht.

„Das war eine der schlechtesten Leistungen, die ich je von ihm im Liverpool-Trikot gesehen habe“, urteilte Sky-Experte Carragher und nannte den Grund, warum er sich Sorgen mache: „Ich glaube nicht, dass Wirtz seit seiner Ankunft bei Liverpool außer Form ist. Ich glaube tatsächlich, dass wir das sehen, was er ist.“

Auch der ehemalige England-Legionär Dietmar Hamann zählt zu den Kritikern. „Ich sehe einen Spieler, der sehr viel Geld gekostet hat, letztes Jahr schlecht gespielt hat und dieses Jahr wieder schlecht gestartet ist“, sagte der Ex-Liverpool-Star am Dienstag beim Schiedsrichter-Gipfel des DFB auf SPORT1-Nachfrage.

Wird Wirtz sogar verkauft – und greift Bayern dann zu?

Wirtz sei geholt worden um „im letzten Drittel den Unterschied zu machen. Das macht er viel zu selten. Vielleicht eine Handvoll Mal letzte Saison, dieses Jahr noch gar nicht.“ Für Hamann gilt auch das Argument nicht, Wirtz brauche mehr Zeit. „Er hat schon ein Jahr Zeit gehabt. Er ist bis hierher noch nicht besser geworden und deswegen fehlt mir ein bisschen die Fantasie, warum das jetzt nach 14 oder 15 Monaten besser werden sollte. Über die 15 Monate war es einfach zu wenig“.

Hamann kann sich sogar vorstellen, dass die Tage von Wirtz bei den Reds gezählt sein könnten. „In Liverpool werden die Stimmen jetzt lauter: Dass wenn es so weitergeht, dass man eine Lösung finden muss. Und ja, die Bayern wollten ihn ja schon mal haben“, meinte der TV-Experte vielsagend und fügte mit Blick auf den Rekordmeister an: „Wenn sie das Geld haben und wenn sie noch wollen, dann wer weiß …“

Matthäus glaubt noch an Wirtz

Rückendeckung bekommt Wirtz von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. Auch wenn Wirtz offensichtlich in den letzten 15 Monaten „nicht so performt“ habe wie in Leverkusen, stellte Matthäus klar: „Wir wissen, was Florian Wirtz kann.“

Gleichzeit betont auch er: Es ist an der Zeit. „Er muss das Potenzial ausschöpfen“, fordert Matthäus, auch wenn er Wirtz zugutehält: „Er hat in Liverpool nicht mehr dieses Umfeld und diese Mitspieler, die ihm jeden Ball zuspielen und ihn unterstützen. Er muss sich jetzt freischwimmen. Wenn er sich freischwimmt, wird er auch wieder die Leistungen bringen und der Unterschiedsspieler sein, der er bei Bayer Leverkusen war.“

Auch Heskey verteidigt Wirtz bei Wettbasis.com: „Es war sehr schwierig für ihn, aus Deutschland zu kommen. Ich habe es schon oft erlebt, dass Spieler dort fantastisch waren und dann in die Premier League wechselten. Jeder denkt, deutscher und englischer Fußball seien ähnlich, aber die Premier League ist etwas anders.“ Wirtz erkenne Situationen früher als viele Mitspieler, meint Heskey: „Aber die Spieler sind nicht auf derselben Wellenlänge wie er.“

Unter Andoni Iraola, der im Sommer nach dem Aus von Arne Slot das Ruder bei den Reds übernahm, rückte Wirtz nominell im 4-2-3-1 auf die Zehn. Die Heatmap seiner bisherigen Ligaspiele in dieser Saison aber weist seinen hauptsächlichen Aktionsradius weiterhin eher auf der linken Seite aus.

Wirtz kommt nicht an seine Werte aus Bundesliga-Zeiten heran

Auffällig ist ein Vergleich von ESPN anhand von Opta-Daten seiner Zeit in der Premier League gegenüber seinen beiden letzten Spielzeiten in der Bundesliga. Die Zahl seiner durchschnittlichen Ballaktionen pro 90 Minuten ist von rund 90 zu Bundesliga-Zeiten auf 70,7 in der Premier League gesunken.

Auch fast alle übrigen Werte sind geringer, auch wenn der Abstand relativ gering ausfällt. So gab er beispielsweise fast einen Schuss weniger pro Spiel (2,74 zu 2,02) ab, ähnlich verhält es sich etwa bei kreierten Chancen oder Ballaktionen im Strafraum. Einzig seine Passquote hat sich um etwa einen Prozentpunkt auf 84,3 Prozent verbessert, wobei man das auch darauf zurückführen kann, dass Wirtz im Zweifel eher einen Sicherheitspass wählt.

In seinem zweiten Jahr auf der Insel scheint für Liverpools zweitteuersten Einkauf der Klubhistorie (125 Millionen Euro) die Schonfrist vorbei. Daher dürfte man auch von England aus ganz genau beobachten, wie sich Wirtz nun bei der Nationalmannschaft präsentiert.

Presse: „Liverpool wird auf den Klopp-Effekt hoffen“

„Liverpool wird hoffen, dass der Klopp-Effekt während dieser Länderspielpause auf Florian Wirtz abfärbt“, schrieb The Athletic und erwähnte die besondere Gabe des früheren Liverpool-Coaches, „im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden, um anderen Zuversicht zu vermitteln“.

Auch Klopps Nach-Nachfolger Iraola probierte sich nach dem Spiel am Sonntag als ähnlicher Motivator. „Florian hat uns dabei geholfen, uns zu verbessern. In der zweiten Hälfte hat er viel besser gespielt, er hat bessere Positionen gefunden, um den Ball anzunehmen und sich zu drehen“, sagte der Spanier.

„Doch Wirtz’ Trainer können ihn nicht ewig in Schutz nehmen“, hielt der Mirror aber zugleich fest: „Er muss Leistung zeigen – sonst könnte Iraolas Geduld zu Ende gehen.“

Wirtz und Liverpool? „Sieht aus, als wäre es ein großes Missverständnis“

Jetzt will erstmal Klopp Wirtz helfen. „Der Austausch war sehr angenehm. Wir schreiben hier und da. Man muss davon wegkommen, dass man besondere Szenen von ihm sehen will. Er soll uns als Mannschaft helfen. Wir müssen dafür sorgen, dass Flo sich bei uns wohlfühlt“, sagte der neue DFB-Coach. „Bei uns darf er dann hoffentlich einfach Flo sein.“

Das ist auch aus Sicht von Dietmar Hamann bitter nötig. Auch er setzt auf den Klopp-Faktor bei Wirtz. Der Bundestrainer stärke „den Teamgedanken, das Kollektiv“, sagte Hamann am Dienstag und betonte, Wirtz sei auch „der Spieler, bei dem ich am meisten interessiert bin“, betonte Hamann.

„Da sind mittlerweile auch die Engländer draufgekommen, dass das aussieht, als wäre es ein großes Missverständnis, was da passiert ist zwischen Liverpool und Wirtz“, berichtete der ehemalige Liverpool-Star: „Es wird interessant sein, wie er sich verkauft. Denn wenn es in Liverpool so weiter geht, könnte ich mir vorstellen, dass irgendwann die Reißleine gezogen wird.“

Matthäus betont: „Für Wirtz ist es eine Herausforderung, dem Problem, das er vielleicht noch hat, in England zu stellen und sich durchzubeißen. Dann wächst er auch. Stärke zeigen, Härte zeigen und den Kritikern zeigen, dass er noch das kann.“

Darum sieht Matthäus gerade jetzt in den Länderspielen unter Klopp eine große Chance für Wirtz:. „Am besten fängt er bei den Länderspielen damit an, den deutschen Fans und allen zu zeigen, dass er nach wie vor die Fähigkeiten hat, die wir an ihm so toll gefunden haben.“

So sieht der Klopp-Plan mit Wirtz aus

Eingeplant ist der Offensivstar allerdings erst für den zweiten Teil der Länderspielperiode mit den Nations-League-Spielen gegen Serbien (1. Oktober) und Griechenland (4. Oktober).

Er unterscheide nicht in „A- oder B-Mannschaft“, betonte Klopp bei der Präsentation seines XXL-Kaders. Die Bayern etwa, erläuterte er, spielten ja freitags und seien bei seinem Debüt am Donnerstag in Amsterdam gegen die Niederlande (20.45 Uhr im LIVETICKER) ausgeruhter als jene Profis, die erst am Sonntag auflaufen – wie etwa Wirtz.

Und doch bleibt die Frage nach dem Platz für den Offensivkünstler, der an guten Tagen den Unterschied ausmachen kann. Klopp sieht ihn auf der Zehn, wo auch der nun wieder aufstrebende Jamal Musiala für gewöhnlich seine Kreise zieht. Das bei der EM vor zwei Jahren noch gefeierte Zauber-Duo „Wusiala“ wollte bei der WM nicht so recht funktionieren.

Musiala kann sich nun als Teil des ersten DFB-Kaders als Erster zeigen, danach sind dann alle Augen auf Wirtz gerichtet.