Gewinner und Verlierer der DFB-Elf

Im letzten Lehrgang vor der WM-Nominierung ist nicht alles Gold, was glänzt. SPORT1 nennt Gewinner und Verlierer - unter ihnen prominente Härtefälle.
Der WM-Traum von Lennart Karl lebt weiter. Am Montagabend hat der Bayern-Youngster sein zweites Spiel für die A-Nationalmannschaft bestritten. Doch Bundestrainer Julian Nagelsmann weiß, dass es noch ein weiter Weg für den 18-Jährigen werden kann.
Im letzten Lehrgang vor der WM-Nominierung ist nicht alles Gold, was glänzt. SPORT1 nennt Gewinner und Verlierer - unter ihnen prominente Härtefälle.

Zwei Spiele, zwei Siege. „War schon wichtig, dass wir das noch gewonnen haben“, betonte Joshua Kimmich nach dem zweiten Erfolg im zweiten Testspiel. Die deutsche Fußballnationalmannschaft darf trotz einiger Baustellen mit einem positiven Gefühl in Richtung Weltmeisterschaft blicken.

Am 12. Mai wird Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Kader für das Großturnier bekannt geben. Doch nicht jeder dürfte sich darin wiederfinden.

SPORT1 wirft einen Blick auf die Gewinner und Verlierer des März-Lehrgangs:

Die Gewinner des März-Lehrgangs

Nathaniel Brown: Trotz körperlicher Beschwerden nahm Nagelsmann den 22-Jährigen zum Lehrgang mit. Schon vor seinem Startelfdebüt schwärmte der Bundestrainer in höchsten Tönen vom letzten verbliebenen Frankfurter im DFB-Kader. Und der Auftritt gegen Ghana zeigte, wieso: schnell, wendig, technisch versiert und extrem ball- und passsicher (97 Prozent Passquote). Seine Teamkollegen überschütteten ihn nach der Partie mit Lob – Brown ist mehr als nur eine Alternative, er ist die Zukunft auf der Außenverteidigerposition.

Lennart Karl: Er machte genau das, womit er schon in München seit Wochen und Monaten für Furore sorgt: befreit aufspielen, ohne groß nachzudenken. Mut, Spielwitz, Kreativität, Dribbelstärke – Karl überzeugte, ja begeisterte sogar auf ganzer Strecke. An ihm kommt Nagelsmann nun nicht mehr vorbei. Gerade das Zusammenspiel mit Wirtz ist eine Augenweide. Im Team genießt er die allerhöchste Wertschätzung, jeder Teamkollege sprach mit einem Lächeln auf den Lippen über den Youngster. Karl macht einfach Spaß.

Pascal Groß: Viele wunderten sich über die Nominierung des Routiniers. Doch der 34-Jährige überzeugte. Gegen Ghana war er der zentrale Taktgeber im Mittelfeld, dazu wahnsinnig spielintelligent und mit einem unfassbar guten Gespür für Ruhe und Zeit – und das auf absolut konstantem Level. Auch abseits des Platzes hat er als verlängerter Arm von Nagelsmann und als Kommunikator im Team eine immense Bedeutung. Als Backup für die verletzten Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha eine Kaderbereicherung. Er ist die kleine Überraschung des Lehrgangs. Er dürfte sein WM-Ticket so gut wie sicher in der Tasche haben.

Florian Wirtz: Zwei Tore, drei Assists – für ihn dürfte die Länderspielpause Balsam für die zum Teil geschundene Seele aus Liverpool gewesen sein. Bei der DFB-Elf spielte er wie entfesselt und sprudelte vor Spielfreude. Er unterstrich das, was im Team alle wussten: Er ist DER Unterschiedsspieler. Schön, dass das auch den englischen Fans nicht verborgen geblieben sein kann. Wirtz in Topform kann gegen jeden Gegner ein Spiel entscheiden. Auffällig: Auch in Sachen Rhetorik und Interviewführung hat er einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht.

Kai Havertz: Seine schwere Knieverletzung ließ große Zweifel darüber aufkommen, ob er überhaupt rechtzeitig fit werden würde. Ja, es ist noch Luft nach oben – gerade was die Performance und Frische über 90 Minuten betrifft. Aber er stellte in vielen Szenen unter Beweis, wieso er einer von Nagelsmanns Lieblingen ist: Er ist neben Florian Wirtz derjenige, der für kreative Ideen in der Offensive sorgt. Darüber hinaus ist er wahnsinnig variabel: Offensiv kann er eigentlich alles spielen. Gegen die Schweiz als Spitze, gegen Ghana auf Rechtsaußen – in beiden Spielen war er einer der Besten. Und aus elf Metern ist der Esel-Liebhaber eine absolute Tor-Garantie.

Die Verlierer des März-Lehrgangs

Antonio Rüdiger: Der Real-Star ist einer der größten Härtefälle im Team von Julian Nagelsmann. Klar ist: In der Innenverteidigung will der Bundestrainer möglichst wenig rotieren. Und da Nagelsmann bei der Viererkette bleibt, bedeutet das, dass das Stamm-Duo Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck heißt. Da konnten auch die beiden Patzer des BVB-Stars gegen die Schweiz nichts daran rütteln. Nagelsmann ist ein Fan der mutigen, wenn auch oft riskanten Spielweise von Schlotterbeck. Und dennoch: Rüdiger hat trotz seiner kleineren Skandälchen in letzter Zeit ein extrem gutes Standing beim Bundestrainer und im Team – allerdings nur als Ergänzungsspieler.

Angelo Stiller: Auf ihn waren vor diesem Lehrgang viele Augen gerichtet. Nutzt er durch die Verletzungen von Pavlović und Nmecha seine unverhoffte Chance auf ein WM-Ticket? Jein. Er spielte zwar in beiden Partien von Beginn an, hatte aber gerade zu Beginn ab und an Schwierigkeiten. Immer wieder unterliefen dem Stuttgarter kleinere Fehler, beim ersten Schweizer Treffer war er nicht entschlossen genug in der Zweikampfführung. Seinen Stempel konnte er dem DFB-Spiel nicht ansatzweise so aufdrücken wie in Stuttgart. Im Hinblick auf die WM könnte das einen fußballfreien Sommer bedeuten – denn als Kader- und Einwechselspieler sieht der Bundestrainer Stiller auch weiterhin nicht.

Deniz Undav: Der formstärkste deutsche Stürmer durfte nur eine Halbzeit gegen Ghana ran. Die Stuttgarter Fans feierten ihn immer wieder mit Sprechchören und forderten seine Einwechslung. Dass er dann ausgerechnet den Siegtreffer erzielt, ist eine schöne Geschichte, dürfte aber seine Chancen auf mehr Spielzeit nicht erhöhen. Bis zu seinem Tor in der 88. Minute lief das Spiel an ihm vorbei. Sollten Kai Havertz und Nick Woltemade einigermaßen in Form sein, dürfte er zwar als einziger „Brecher“ im Kader ein WM-Ticket sicher haben, doch für Spielzeit von Beginn an dürfte es schwer werden – auch wenn er und viele Fußballfans seine Rolle nicht wirklich wahrhaben wollen. Genau diese Einstellung dürfte seine Gunst bei Nagelsmann übrigens auch nicht steigern.

Kevin Schade: Er streitet sich mit den beiden Dortmundern Maximilian Beier und Karim Adeyemi um einen Platz im Kader. Alle drei stuft Nagelsmann in die Kategorie „Konterspieler“ ein. Mehr als einer dürfte es somit nicht werden. Schade wollte er unbedingt noch einmal sehen. Dass er in beiden Spielen nicht zum Einsatz kam, deutet darauf hin, dass er auch im Training nicht so richtig auf sich aufmerksam machen konnte. Dass ihm ein Spieler wie Lennart Karl vorgezogen wurde, unterstreicht das. Für ihn geht es weiterhin darum, im Verein zu überzeugen und in England einen besseren Eindruck zu hinterlassen als Adeyemi und Beier in Dortmund.

Anton Stach/Josha Vagnoman: Beide bekamen in jeweils einem Spiel ihre Einsatzminuten. Richtig überzeugend waren die Auftritte allerdings nicht. Vagnoman patzte beim Gegentor gegen Ghana. Sollten die verletzten Spieler zurückkehren, dürfte es das mit ihrem Kaderplatz gewesen sein. Trotzdem schön, dass Nagelsmann ihre guten Leistungen im Verein mit einer Nominierung für den März-Lehrgang belohnte. Für mehr reicht es derzeit allerdings nicht.