Hinter dem Fußball der Frauen liegt ein spannendes Saisonfinale – und vor ihm eine Zeit, um ganz entscheidende Weichen zu stellen. In der Frauen-Bundesliga spielen ab der kommenden Saison nur noch Teams, die zu einem Lizenzverein der Männer gehören – davon 13 Bundesligisten und mit dem 1. FC Nürnberg ein Zweitligist.
Zäsur in der Frauen-Bundesliga: "Das finde ich unendlich traurig"
„Das finde ich unendlich traurig“
Mit der SGS Essen steigt nach 22 Jahren Erstligazugehörigkeit der letzte traditionelle Verein des Frauenfußballs in die 2. Liga ab – nur drei Jahre nach der für die Branchenentwicklung wegweisenden Verankerung der Förderung des Frauenfußballs in den DFL-Lizenzbestimmungen.
Zuvor hatte es in der vergangenen Saison den 1. FFC Turbine Potsdam getroffen. Die ebenfalls abgestiegenen Frauen des FC Carl Zeiss Jena spielten zwar Klassen höher als die Männer im Verein, trotzdem sind diese das Profiteam. Eine Entwicklung, die in der Szene für gemischte Gefühle sorgt.
Zäsur in Frauen-Bundesliga: „Auch das ist Markt“
„Ich war immer Fan der Tatsache, dass wir ein gemischtes Teilnehmerinnenfeld hatten. Insofern hätte mich mir gewünscht, dass wir auch reine Frauen-Fußballvereine haben, die das stemmen können“, sagt Heike Ullrich, DFB-Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball zu SPORT1. Sie habe „unheimliche Hochachtung dafür, was Essen gestemmt hat als Ausbildungsverein“. Aber: „Auch das ist Markt – und eine Entwicklung sehenden Auges.“
Kathrin Längert, ehemalige DFB-Nationalspielerin und Torhüterin unter anderem beim FCR 2001 Duisburg und Bayern München, analysiert zur SGS Essen: „Es lässt sich natürlich nicht von der Hand weisen, dass sportlich und strategisch Fehlentscheidungen getroffen wurden. Wahr ist aber auch, dass nun fast 30 Jahre kaum relevante Ablösesummen und Ausbildungsentschädigungen gezahlt wurden.“
Die ehemalige Nachwuchstrainerin der SGS übt deswegen auch Kritik am Verband: „In einer Liga, die – organisiert vom DFB – funktioniert hat wie der ‚Wilde Westen‘, konnte kein Verein nur durch gute Leistung und Ausbildung langfristig überleben. Von Schulterklopfen lässt sich eben kein Stadion unterhalten, lassen sich keine Kunstrasenplätze bauen – und auch keine Spielerinnengehälter zahlen.“
Aufstiegsrennen endet mit pikanter Note
Mit dem VfB Stuttgart und dem 1. FSV Mainz 05 steigen nun ausgerechnet die Teams auf, deren Vereine sich seinerzeit als Vorletzte und Letzte dem Fußball der Frauen zugewendet haben. Stuttgart hatte den Aufstieg als Ziel ausgerufen, in Mainz kam der Wille dafür vor allem aus einem Team heraus, das sich auch in schwierigen Phasen nie aufgegeben hat. In der letzten Saisonphase überholten die 05erinnen mit dem SC Sand einen Verein mit langer Geschichte im Fußball der Frauen, der strukturell nicht mehr mithalten kann.
Indes hat die im vergangenen Jahr neu gegründete Frauen-Bundesliga FBL e.V. im Februar entschieden, kein Joint Venture mit dem DFB zu gründen, sondern ähnlich der DFL einen Grundlagenvertrag mit dem Verband anzustreben. Am Rande des DFB-Pokalfinales wies Holger Blask, DFB-Generalsekretär und weiterhin Vorsitzender der Geschäftsführung der DFB GmbH & Co. KG darauf hin, dass dafür ein außerordentlicher Bundestag notwendig ist.
Beim regulären Bundestag im Herbst waren noch die Voraussetzung für ein Joint Venture zwischen Ligaverband und DFB geschaffen worden. FBL-Präsidentin Katharina Kiel sprach zuletzt von 700 bis 800 Millionen Euro Investitionen der Vereine in die Liga über die nächsten acht Jahre. Die Neulinge müssen dafür noch inhaltlich an Bord gebracht werden.
Der DFB hatte seinerseits ursprünglich 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt, aktuelle Äußerungen lassen vermuten, dass der Verband die unter den neuen Voraussetzungen jedoch nicht in die Liga, sondern die Nachwuchsarbeit investiert. Der Fußball der Frauen muss so oder so weiter an Finanzierungsmodellen arbeiten, auch unterhalb der 1. Liga.
„Der Verlust wiegt unglaublich schwer“
Katja Kraus, eine der Köpfe der Diversitäts-Initiative „Fußball kann mehr“ und beim HSV einst erste Frau im Vorstand eines Bundesligisten, stellt bei SPORT1 fest: „Für die Attraktivität der Frauen-Bundesliga ist es wichtig, dass die Tabelle kein Abbild der Wirtschaftskraft der Männerklubs ist.“ Die ehemalige Nationaltorhüterin findet mit Blick auf die 2. Liga: „Projekte wie FC Viktoria Berlin bereichern den Wettbewerb ungemein. Ich würde mir weitere solcher Initiativen wünschen, auch wenn die Finanzierung ungleich schwerer ist. Voraussetzung ist eine aufsehenerregende Erzählung und die Offenheit für Investoren, die an das Potenzial des Frauenfußballs glauben.“
Zugleich hat Essen in all den Jahren durchaus eine Geschichte erzählt – die nämlich des Vereins, der Nationalspielerinnen am laufenden Band hervorgebracht hat, darunter Nicole Anyomi, Lea Schüller und Lena Oberdorf.
Auch deshalb gibt Kathrin Längert mit Blick auf die Absteigerinnen zu bedenken: „Wenn jetzt 700 bis 800 Millionen Euro Investitionen durch die FBL in die Bundesliga fließen, werden ausgerechnet die Klubs außen vor sein, die so viele Stars unseres Sports erst großgemacht haben. Das finde ich unendlich traurig.“
Längert bedauert: „Der Verlust der so genannten reinen Frauenvereine wiegt unglaublich schwer. Denn mit ihnen verlassen nach und nach auch die Historie, die Tradition und das Alleinstellungsmerkmal unseres Sports die erste Liga.“