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"Frauen sollten nicht als Bedrohung wahrgenommen werden"

„Keiner nimmt irgendwem was weg“

Die ehemalige Nationalspielerin Julia Simic spricht exklusiv mit SPORT1 über ihre neue Rolle als Co-Trainerin – und erklärt, warum es trotz Fortschritten im Frauenfußball noch immer große Differenzen gibt. Dabei richtet sie den Blick auf die Wahrnehmung der Männer.
Christian Wück gibt in der Pressekonferenz ein Statement zum Outing von Christian Dobrick und sagt, die Männer könnten von den Frauen noch lernen und hofft es wird in der Zukunft normal.
Die ehemalige Nationalspielerin Julia Simic spricht exklusiv mit SPORT1 über ihre neue Rolle als Co-Trainerin – und erklärt, warum es trotz Fortschritten im Frauenfußball noch immer große Differenzen gibt. Dabei richtet sie den Blick auf die Wahrnehmung der Männer.

Julia Simic gehört zu den prägenden Gesichtern des deutschen Frauenfußballs – früher als Nationalspielerin, heute als Co-Trainerin der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft und TV-Expertin. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht die 36-Jährige unter anderem über die Entwicklung des Frauenfußballs und die Ernennung von Marie-Louise Eta zur ersten Trainerin in der Bundesliga bei Union Berlin.

Weiter adressiert Simic bestehende Ungleichheiten – und warum es ein Umdenken braucht. Dabei richtet sie den Blick vor allem auf strukturelle Themen: mehr Gleichberechtigung, ein stärkeres Miteinander und die gemeinsame Nutzung bestehender Ressourcen. Sie betont, dass Frauen niemandem etwas wegnehmen und illustriert die bestehenden Unterschiede mit einem Beispiel aus dem Alltag: Einem männlichen Nachwuchsspieler, der Cornflakes isst.

SPORT1: Frau Simic, mit drei Siegen und einem Unentschieden haben Sie mit der Schweiz einen erfolgreichen Auftakt in die WM-Qualifikation hingelegt. Wie waren die ersten Lehrgänge als Co-Trainerin der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft für Sie?

Julia Simic: Es war gut, durch die ungewohnte Umgebung aber auch neu und aufregend. Ich kenne zwar dieses Nationalmannschaft-Setup aus meiner Zeit beim DFB als U-17-Trainerin, allerdings musste man sich durch die verschiedenen Sprachen und das internationale Trainerteam erstmal einfinden. Aber es hat großen Spaß gemacht.

„Sie ist die bekannteste Fußballerin der Welt“

SPORT1: Die Heim-EM im vergangenen Sommer hat in der Schweiz einen Hype ausgelöst – ist davon noch was zu spüren?

Simic: Etwas Größeres als ein Turnier im eigenen Land zu spielen, kann man sich nicht vorstellen. Der Großteil des aktuellen Kaders war auch dabei und schwimmt weiterhin auf dieser Euphorie-Welle. Es ist außergewöhnlich, was da entstanden ist. Die Mädels haben mittlerweile viele Fans in den Stadien. Alisha Lehmann ist einer der Superstars der Schweiz, weil sie die bekannteste Fußballerin der Welt ist. Es gibt aber auch andere Spielerinnen wie Sydney Schertenleib, Lia Wälti oder Géraldine Reuteler, die mittlerweile einen ähnlichen medialen Stellenwert haben. Jetzt geht es darum, diese Euphorie weiterzutragen und in Infrastruktur umzuwandeln.

SPORT1: Zuletzt waren Sie bei der U20 von Eintracht-Jugend als Cheftrainerin tätig. Wie haben Sie sich nun in der Rolle der Co-Trainerin eingefunden?

Simic: Der Rollenwechsel fiel mir relativ leicht, so habe ich es auch erwartet. Ich finde, dass der Co-Trainerinnen-Beruf sehr spannend ist, weil ich mir in erster Linie Gedanken über den Fußball machen kann. In meiner Position habe ich die Möglichkeit, mit den Spielerinnen im engen Austausch zu stehen. Diese Kapazitäten stehen der Cheftrainerin oft gar nicht zur Verfügung. Da ist es gar nicht so leicht, sich um das eigentliche Spielfeld – und zwar die Mannschaft, die Spielidee und den Trainingsplan – zu kümmern. Man muss auf viele andere Themen achten und ständig Entscheidungen treffen. Das ist Fluch und Segen zugleich. 

Frauen-Quote? „Eigentlich wehre ich mich dagegen“

SPORT1: Was steht für Sie in der neuen Rolle im Fokus?

Simic: Ich habe mich ganz bewusst für diese Aufgabe entschieden. Von außen betrachtet mag es vielleicht so wirken, als wäre es ein Schritt zurück. Für mich ist es aber eine Möglichkeit, durch neue Impulse noch einmal dazuzulernen und mit erwachsenen Spielerinnen zu arbeiten. Zunächst einmal ist es das Wichtigste, den Trainer besser kennenzulernen. Rafel Navarro war sieben Jahre bei Barcelona. Er hat tolle Ansätze für die Spielidee und ich möchte schnell verstehen, wie er das an die Mannschaft vermittelt, um bestmöglich zu helfen.

SPORT1: Klingt nach einer guten Ergänzung.

Simic: Das hoffe ich doch (lacht). Es ist normal, dass wir uns zunächst noch einspielen müssen. Wir kommen aus unterschiedlichen Fußballkulturen und da gilt es, die perfekte Mischung hinzubekommen. Davon kann ich mir viel abschauen, da er bei der besten Vereinsmannschaft der Welt gearbeitet hat (FC Barcelona; Anm. d. Red.).

SPORT1: Eine neue FIFA-Regelung legt nun fest, dass sich mindestens eine weibliche Person im Trainerstab einer Frauen-Nationalmannschaft befinden muss. Wie stehen Sie zu diesem „Quoten-Zwang“?

Simic: Eigentlich wehre ich mich dagegen, Frauen aufgrund von Zahlen oder Regelungen in bestimmte Positionen zu bringen. Es ist hoffentlich das Ideal von uns allen, dass es am Ende um Leistung geht und dass die Person den Job bekommt, die ihn am besten macht. In einer männerdominierten Welt wie dem Fußball braucht es diese Zwänge offenbar aktuell noch. Der Vorteil dieser Regelung ist, dass man es schafft, ins Tun und Handeln zu kommen. Vor allem der Effekt in der Trainerinnenausbildung ist entscheidend, denn somit werden die Verbände gezwungen, den Fokus auf die Ausbildung zu legen. 

SPORT1: Wie weit ist man denn im Frauen-Fußball mit der Umsetzung dieser Quote?

Simic: In Deutschland haben wir im Vergleich mit anderen Nationen wahrscheinlich eine hohe Zahl an guten Trainerinnen, und dementsprechend auch die Möglichkeit, passende Trainerinnen für die Nationalmannschaft zu finden. Viele andere nationale Verbände haben eine deutlich geringere Anzahl lizenzierter Trainerinnen und werden durch diese Quote gezwungen, den Fokus mehr auf die Ausbildung der Trainerinnen zu legen. So kommen wir irgendwann an den Punkt, an dem wir sein wollen: Aus den besten Trainern wählen, egal ob Frau oder Mann. Das sieht man auch an dem Beispiel der neuen Cheftrainerin von Union Berlin. Marie-Louise Eta ist die erste Frau, die eine Männermannschaft in einer der europäischen Top-5-Ligen trainiert. 

SPORT1: Wenn Sie auf Ihre aktive Profi-Karriere blicken: Was hat sich seitdem grundlegend verändert?

Simic: In erster Linie haben sich die Aufmerksamkeit und die Qualität des Spiels verbessert. Die Spielerinnen, die jetzt oben ankommen, sind noch einmal deutlich besser ausgebildet als die, die am Ende ihrer Karriere stehen – zumindest was die breite Masse angeht. Und insgesamt haben sich die Infrastruktur, die Möglichkeiten in der Nachwuchs-Ausbildung und auch die Akzeptanz für den Mädchenfußball und die Sichtbarkeit der Spiele verbessert. Jedes Frauen-Bundesligaspiel ist mittlerweile im Fernsehen sichtbar, da war zu meiner aktiven Zeit nicht dran zu denken. Viele Menschen haben mittlerweile eine modernere Denkweise entwickelt und entfernen sich davon, dass der Frauenfußball kein Sport sei und die Mädchen lieber was anderes machen sollen. Es wird wahrgenommen, wie viel Qualität der Frauenfußball mit sich bringt und somit steigt die Bereitschaft, diesen mehr zu fördern. 

SPORT1: Das klingt doch hoffnungsvoll …

Simic: Natürlich, aber gleichzeitig zeigt der aktuelle Stand, dass noch sehr viel zu tun ist. Es sollte gerade im Nachwuchsfußball weniger zwischen Jungen- und Mädchenmannschaften differenziert werden, was die Priorisierung angeht. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten.

Simic: „Es ist wichtig, die Infrastruktur zu verbessern“

SPORT1: Für welche Meilensteine sollte im Frauenfußball an erster Stelle gekämpft werden?

Simic: Es ist nach wie vor wichtig, die Infrastruktur zu verbessern. Deutschland ist ein Fußballland, wir haben im männlichen Bereich großartige Infrastrukturen. Ich würde mir wünschen, dass die Türen weiter geöffnet werden, um das Vorhandene beidseitig nutzen zu können und zu dürfen. Sowohl die Profi-Mannschaften als auch die Nachwuchs-Teams der Frauen sollten in der Rangordnung steigen.

SPORT1: Wie könnte das konkret aussehen?

Simic: Wir müssen es schaffen, unsere Nationalspielerinnen auch in der Bundesliga zu halten, damit sie nicht zwangsweise nach England oder zu anderen Topvereinen in Europa wechseln müssen, wo sie bessere Strukturen vorfinden. Finanziell wird es natürlich auf lange Sicht eine immer größere Lücke geben zwischen der deutschen und der englischen Liga. Die lässt sich nicht so leicht schließen, aber trotzdem ist es von großer Bedeutung, in allen 14 Bundesligavereinen ein Profi-Setup zu gewährleisten, um eine gute Grundlage für die sportliche Entwicklung zu bieten. 

SPORT1: Was ist dabei besonders relevant?

Simic: Das Wichtigste ist es, Türen zu öffnen. Keiner nimmt irgendwem was weg. Die Frauen sollten nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Es sollte sich nicht nach Konkurrenzkampf anfühlen, sondern einen größeren Zusammenhalt zwischen Frauen- und Männerabteilungen geben, ohne großartig zu differenzieren. 

Simic erzählt kuriose Cornflakes-Anekdote

SPORT1: Ist diese Differenzierung auch nach wie vor innerhalb der Vereine verankert?

Simic: Ich habe schon einige kuriose Fälle erlebt, die diese Unausgeglichenheit sinnbildlich verdeutlichen. Beispielsweise kam es oft vor, dass ein männlicher Spieler noch alleine im Besprechungsraum saß und seine Cornflakes gegessen hat, sodass wir als Frauenteam unsere Besprechung nicht starten konnten. Er belegte den großen Raum, um seine fünf Löffel Cornflakes in Ruhe aufzuessen. Das ist eben auch Teil der Wahrheit, dass vieles nicht gleichgestellt ist. Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen. 

SPORT1: Können Sie sich vorstellen, eines Tages eine Männermannschaft zu trainieren, um die Gleichstellung von Mann und Frau noch intensiver zu stärken?

Simic:  Ich bin da pragmatisch. Ich traue mir zu, eine Fußballmannschaft zu trainieren – egal ob es Männer oder Frauen sind. Sabrina Wittmann gilt als Vorreiterin, die als erste Frau eine Männer-Profi-Mannschaft (FC Ingolstadt in der 3. Liga; Anm. d. Red.) trainiert. Und nun ist Marie-Louise Eta die erste Frau, die eine Erstliga-Mannschaft übernommen hat. Sie machen es sicherlich nicht aus dem Grund, um zu beweisen, dass es als Frau möglich ist, sondern weil sie sich wohlfühlen. Für sie ist es das Normalste auf der Welt. Für mich persönlich ist es absolut denkbar und auch möglich, auch wenn es nicht mein primäres Hauptziel, warum ich mich Tag für Tag als Trainerin weiterentwickeln möchte. 

SPORT1: Was ist denn Ihr Ziel?

Simic: Am wichtigsten ist es für mich, den Spielern und Spielerinnen die Möglichkeit zu geben, sich zu verbessern und die Trainerin zu sein und zu werden, die ich selbst so gern gehabt hätte. Welche Mannschaft es dann am Ende ist – ob im Verein oder Nationalmannschaft, ob im Männer- oder Frauenbereich, das ist eher zweitrangig. Teil der Wahrheit ist aber natürlich schon, dass man als Frau im Männerfußball eine völlige Ausnahme ist, egal in welcher Rolle. Nach wie vor ist es einfach Fakt, dass quasi ausschließlich Männer im Profifußball arbeiten. Ob in den Positionen der Vorstände, Sportdirektoren oder Trainer. Es gibt keine Frauen und wenn, dann kannst du sie an einer Hand abzählen. 

SPORT1: Sie sind beim Bundesliga-Topspiel bei Sky Sport als TV-Expertin tätig. Wie nehmen Sie diese Position zwischen all den Männern wahr?

Simic: Mir ist in meiner Rolle bewusst, dass ich in der Unterzahl bin und wahrscheinlich zu circa 95 Prozent nur auf Männer treffe – seien es die Trainer, die Spieler, die Sportjournalisten oder selbst die Kamerateams. Für mich fühlt es sich normal an, irgendwie Exotin zu sein. Die Arbeit, unter anderem mit Lothar Matthäus, macht mir aber natürlich großen Spaß und ich empfinde es als Privileg, Woche für Woche in vollen Stadien unterwegs zu sein.

Simic: Abschätzige Kommentare immer noch präsent

SPORT1: Was für eine konkrete Rolle ist es, die Sie ansprechen?

Simic: Man nimmt automatisch eine spezielle Rolle ein, aus dem einfachen Grund, dass ich halt kein Mann bin. Daher ist die Position, die ich habe, sicherlich immer noch besonders. Ich interpretiere sie als große Wertschätzung, weiß aber auch um die Wichtigkeit. Die Aufgabe, die ich erfüllen darf, ist irgendwie auch, für Normalität und sicher auch für Akzeptanz zu sorgen. Ich glaube, der Zuschauer gewöhnt sich mehr und mehr an weibliche Expertinnen. Ich bin der Meinung, je öfter man etwas hört und sieht, desto normaler wird es auch. Ich will aber in erster Linie mit qualitativ guten Analysen und Meinungen überzeugen und nicht einfach nur „da“ sein. 

SPORT1: Bekommen Sie häufige Resonanz oder Kritik?

Simic: Oft wird mir gesagt: „Du machst das gar nicht so schlecht – für eine Frau.“ Ich weiß, dass es tatsächlich nett gemeinte Komplimente sind, die aber natürlich nicht so formuliert werden sollten. Vielmehr sollte es heißen: „Du machst es gut. Punkt.“ Die Kritik sollte konstruktiv sein und nicht, weil ich blonde Haare, eine weibliche Stimme habe oder einfach eine Frau bin. Der Schwerpunkt sollte auf dem inhaltlichen und nicht den Äußerlichkeiten liegen, kann ich mit der Meinung mitgehen oder analysiere ich die Situation anders. Und weniger, ob die Stimmfarbe passt. Es gibt mittlerweile an vielen Expertentischen Frauen, die es richtig gut machen. Das hilft natürlich für die Akzeptanz und Wahrnehmung. 

SPORT1: Um zuversichtlich in die Zukunft blicken zu können: Welche Meilensteine im Frauenfußball möchten Sie in 10 Jahren feiern?

Simic: Dass wir Frauen in leitenden Rollen, sowohl im Frauen- als auch im Männerfußball haben und dass es nicht wie jetzt aktuell der Fall bei Marie Louise Eta eine absolute Besonderheit mehr ist.  Dass wir weniger darüber sprechen müssen, ob Frauen die Qualität haben, Führungspositionen einzunehmen und Klubs zu leiten. Ebenso, dass dem weiblichen Nachwuchs eine höhere Wertigkeit zugeschrieben wird, indem in den Vereinsstrukturen weiter die Türen geöffnet werden, um bestehende Infrastrukturen beidseits nutzen zu können. Irgendwann sollte es dann bis zum Schulhausmeister überschwappen, der die Trainingsplätze auch an die weiblichen Mannschaften vergibt, und nicht nur an die Jungen. Wir alle müssen Geduld mitbringen und das erfordert unheimlich viele Alltagskämpfe.

SPORT1: Wie bewahren Sie sich diese Geduld?

Simic: Es ist wichtig, dass Teilerfolge gefeiert werden. Wenn wir in den Rückspiegel schauen und uns vor Augen führen, aus welchen Strukturen wir kommen, glaube ich, sind viele gute Schritte eingeleitet worden.  Insgesamt sind wir auf einem guten Weg, der innere Druck nimmt zu, sodass Türen immer weiter aufgestoßen werden. Klar, für viele kann es nicht schnell genug gehen, da nehme ich mich auch nicht raus. Aber man darf auch stolz sein und wahrnehmen, wie viele Kämpfe wir schon gewonnen haben – es ist ja nicht alles schlecht. Wir dürfen bloß nicht aufhören oder auf der Stelle stehen bleiben. 

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