„Ich kann mir vorstellen, dass sie aktuell in Jena wutentbrannt vor dem Fernseher stehen“, meinte MDR-Kommentator Alexander Küpper angesichts der Szenen in der Regionalliga Nordost. Im Volksstadion schob sich der gastgebende Greifswalder FC seit mehreren Minuten den Ball nur in den eigenen Reihen zu, die Gäste von Lok Leipzig machten keinerlei Anstalten, dies zu verhindern.
Ärger in der Regionalliga Nordost: "Bin enttäuscht von beiden Vereinen"
„Enttäuscht von beiden Vereinen“
Seit der 85. Minute lief der Nichtangriffspakt, der Spielstand von 1:1 half beiden Mannschaften: Durch den Punktgewinn sollte Greifswald als Tabellen-15. bei drei Punkten Vorsprung und einem deutlich besseren Torverhältnis so gut wie sicher die Klasse halten.
Lok dagegen konnte so wieder an Carl Zeiss Jena vorbeiziehen und die Tabellenspitze bei Punktgleichheit dank des besseren Torverhältnisses zurückerobern – und damit im Meisterschaftskampf in der Pole-Position in den entscheidenden letzten Spieltag gehen.
Kommentator wird deutlich: „Das ist peinlich“
Entsprechend deutlich wurde Küpper: „Das ist peinlich, was hier gerade passiert. Das ist nicht gut für die Regionalliga Nordost. Das hat mit Sportsgeist ehrlich gesagt wenig zu tun“, stellte der Sohn von Hansi und Bruder von Cornelius Küpper klar. Bis zum Abpfiff geschah bis auf einen einzigen langen Ball der Greifswalder nichts mehr. Pfiffe vieler Fans kommentierten das Geschehen auf dem Platz.
Ein Ausschnitt der letzten Minuten mitsamt des Kommentars von Küpper warf in den sozialen Medien ebenfalls heftige Kritik hervor. Von Wettbewerbsverzerrung und Sanktionen, die es für beide Teams geben solle, war dort die Rede.
„Greifswald hatte den Ballbesitz. Dass wir da nicht raufrennen und sich noch Lücken bei uns auftun, dass wir nicht mehr so ins Risiko gehen, sollte auch jedem klar sein“, erklärte Lok-Trainer Jochen Seitz das Verhalten seiner Mannschaft am MDR-Mikrofon.
„Wenn du nicht gewinnen kannst, dann darfst du nicht verlieren. Das war heute auch unser Motto. So ist dann der Fußball“, sagte sein Gegenüber Björn Lipfert.
Regionalliga: Verband kritisiert Aktion scharf
Während die Trainer kein Fehlverhalten erkannten, fand der Nordostdeutsche Fußballverband deutliche Worte und verurteilte die Aktionen scharf. „Ich bin enttäuscht von beiden Vereinen, das entspricht nicht dem Niveau unserer sonst so attraktiven Regionalliga Nordost. Das ist unsportliches, unfaires Verhalten“, stellte NOFV-Präsident Hermann Winkler auf kicker-Nachfrage klar.
Geschäftsführer Till Dahlitz ergänzte: „Die Aktion ist klar unsportlich und widerspricht dem grundlegenden Gedanken des Fair Play. Solche Vorkommnisse sind bedauerlich und passen nicht zum Anspruch einer attraktiven Regionalliga Nordost.“
WM 1982: Die Schande von Gijón
Bei diesen Bildern dürften sich viele Fußballfans an die Schande von Gijón erinnert haben. Bei der WM 1982 hatte die deutsche Nationalmannschaft gegen Österreich früh mit 1:0 geführt – ein Ergebnis, das beiden Mannschaften zum Weiterkommen reichen sollte.
So stellten beide das Fußballspielen ein, das Spiel endete schließlich auch mit 1:0. Der Leidtragende damals: Algeriens Nationalmannschaft.
Die Fans der Algerier wedelten mit Geldscheinen. ARD-Reporter Eberhard Stanjek weigerte sich, weiterzukommentieren, und schwieg. ORF-Reporter Robert Seeger forderte die TV-Zuschauer zum Ausschalten der Fernsehgeräte auf. Deutschland und Österreich zogen schließlich in die K.o.-Runde ein.
Knapp 44 Jahre später sind der ZFC Meuselwitz im Abstiegskampf und der FC Carl Zeiss Jena im Rennen um die Meisterschaft die Leidtragenden.
Lok und Jena haben jeweils 69 Punkte auf dem Konto, die Leipziger weisen allerdings das um vier Tore bessere Torverhältnis vor. Im Titelkampf am Sonntag um 14 Uhr hat es der Vorjahres-Meister gegen die Zweitvertretung des 1. FC Magdeburg also in der eigenen Hand. Jena trifft auf Rot-Weiß Erfurt.