Das Unvorstellbare ist in Italien seit Dienstagabend Gewissheit: Die einst so große und stolze Fußballnation verpasst zum dritten Mal in Folge eine Fußball-WM – im Land des Calcio herrscht einmal mehr Schockstarre.
Italien: So erklärt Bierhoff das WM-Desaster
Bierhoff fällt hartes Italien-Urteil
Oliver Bierhoff, Ex-DFB-Teammanager und Spieler der Serie A in den 1990er-Jahren, hat jetzt gegen den italienischen Fußball ausgeteilt und erklärt, wie es aus seiner Sicht zu dieser Katastrophe kommen konnte: Die Squadra Azzurra habe „nicht mehr die Qualität von früher“, sagte Bierhoff im Interview mit Gazzetta dello Sport.
„Italien hat seit Langem Probleme, die der Erfolg bei der Europameisterschaft teilweise kaschierte“, mahnte der einstige Milan-Profi.
Italien? „Steckt in den 90er Jahren fest“
Über die Nicht-Qualifikation zeigte sich Bierhoff enttäuscht: „Manchmal denke ich, man muss ganz unten ankommen, um wieder aufzustehen“, sagte der 57-Jährige und stellte klare Forderungen an den italienischen Fußball: „Die Schlüsselfiguren im italienischen Fußball müssen zusammenkommen, egal ob Verband, Liga oder anderswo. Jeder, der Fußball liebt, muss sich vereinen, um diese Situation zu verbessern“, die sich nicht in ein paar Monaten ändern ließe.
„Was mir Sorgen bereitet, ist, dass Italien schon immer für gute Trainer und gute Spieler bekannt war, aber es scheint, als hätten wir das hohe Tempo verloren, das der Fußball braucht. Er steckt in den 90er Jahren fest“, bilanzierte Bierhoff. An die Veränderungen im Fußball habe sich der italienische Fußball nicht angepasst: „Er ist ins Hintertreffen geraten.“
Bierhoff bemängelt Kader-Qualität
Internationale Top-Qualität sieht der ehemalige DFB-Teammanager indes kaum noch beim viermaligen Weltmeister: „Wenn der Kader einer Nationalmannschaft Spieler umfasst, die von Europas Top-Teams umworben werden, wie es beispielsweise bei Spanien oder Portugal der Fall ist, ist das ein Zeichen für die Stärke (…). Doch in Italien, bei allem Respekt, fehlen diese Anforderungen.“
Bierhoff war als Teammanager federführend daran beteiligt, den DFB in den 2000er-Jahren aus einer tiefen sportlichen Jugend-Krise herauszuführen, was letztlich im WM-Titel 2014 gipfelte. In Italien sind die Strukturen in der Jugendarbeit ähnlich eingestaubt, nur wenige Talente aus den Jugendmannschaften schaffen den Sprung ins A-Nationalteam.
Wackelt die EM? Italien droht das nächste Fiasko
Auch der allgemeine Zustand des italienischen Vereinsfußballs gibt wenig Grund zur Hoffnung – in diesem Jahr steht kein einziges Team der Serie A im Champions-League-Viertelfinale, UEFA-Boss Aleksander Ceferin droht damit, Italien die EM 2032 zu entziehen, sollte der designierte Gastgeber seine Infrastruktur nicht verbessern.
Wie Bierhoff vorgehen würde? „Ich denke, wir werden mit einem neuen Trainer und etwas Enthusiasmus für die Europapokal-Qualifikation beginnen, aber die Grundlagen müssen sich ändern, um die großen Probleme zu lösen, vor denen Italien aktuell steht.“
Erste Reaktionen auf das WM-Debakel hatte es am Donnerstag bereits gegeben: Sowohl Verbandspräsident Gabriele Gravina als auch Delegationsleiter Gianluigi Buffon traten mit sofortiger Wirkung von ihren Ämtern zurück.