Zwei Newcomer, sechs Rückkehrer. Der Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann für die kommenden zwei Länderspiele gegen Ghana und die Schweiz hält einige Überraschungen bereit.
Schonungslose DFB-Analyse: "So ein Typ fehlt"
Rüdiger? „Das bezweifle ich“
Thomas Helmer, Europameister von 1996, verrät SPORT1, über welchen Spieler er sich am meisten gewundert hat und welche Spieler für ihn außer Frage stehen.
Außerdem spricht der 60-Jährige über die beiden Neulinge Lennart Karl und Jonas Urbig, dem er mehr als bloß die Nummer drei zutraut. Am interessantesten findet er den Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung.
Bayern-Talent? „Nur logisch, dass er nominiert wurde“
SPORT1: Herr Helmer, fangen wir im Tor und bei einem Newcomer an: Jonas Urbig ist erstmals im Kreise der deutschen Nationalmannschaft dabei. Überraschend?
Helmer: Für mich ist das keine Überraschung. Er ist super stabil geworden, spielt für die Bayern in der Champions League. Und das auch noch sehr gut. Da ist es eigentlich nur logisch, dass er nominiert wurde.
SPORT1: Als Nummer drei?
Helmer: Das würde ich so nicht sagen. Ich finde schon, dass er mit Alexander Nübel um die Nummer zwei konkurrieren kann. Oli Baumann ist für mich die klare Nummer eins. Er hat seine Klasse nicht nur im Verein, sondern auch bei den letzten Lehrgängen und Länderspielen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dahinter ist das Rennen für mich völlig offen. Es ist nicht mehr so klar wie zuvor.
SPORT1: Wer ist für Sie die größte Überraschung im deutschen Kader?
Helmer: Josha Vagnoman. Ehrlicherweise hatte ich ihn gar nicht mehr so richtig auf dem Schirm. Er hat sein bislang einziges Länderspiel vor fast drei Jahren absolviert. Aber seine Nominierung zeigt auch: In der Breite sind wir auf gewissen Positionen – wie z.B. auf Außenverteidigerposition – nicht super stark besetzt. Da haben wir Kimmich und Raum, dahinter haben wir nicht so viele Optionen.
Helmer: Dieser Spielertyp fehlt Deutschland
SPORT1: Auch Pascal Groß ist wieder dabei. Nagelsmann erklärt seine Nominierung damit, dass er Mitspieler besser macht. Vor allem misst er ihm aber abseits des Platzes und für das Mannschaftsgefüge eine unheimliche Bedeutung zu – auch wenn er wohl nicht immer 90 Minuten und von Beginn an spielt. Wie wichtig ist so ein verlängerter Arm des Trainers?
Helmer: Bei uns konnte das nur immer einer sein, der dann auch gespielt hat und auf dem Platz mit Leistung vorausgegangen ist. Für mich gehört Groß definitiv nicht zur ersten Elf. Deshalb verstehe ich das nicht zu 100 Prozent, aber irgendwas wird sich der Bundestrainer dabei schon denken.
SPORT1: Mit Vagnoman, Jamie Leweling, Deniz Undav und Alexander Nübel stehen vier Stuttgarter im Aufgebot. Zuletzt waren es nur zwei …
Helmer: Undav ist für mich absolut unstrittig. Die Diskussion um ihn habe ich sowieso nie verstanden. Die Quote spricht aktuell ganz klar für ihn. Ich bin trotzdem gespannt, wie die Offensive dann aussehen wird. Für ganz vorne hast du eigentlich nur Woltemade als Zielspieler. Undav ist ja auch eher einer, der außen rum und hinter einer Neun spielt. Genauso wie Havertz. Für ganz vorne fehlt eigentlich einer.
SPORT1: Einer wie Füllkrug?
Helmer: Ich weiß nicht, ob das aktuell die Lösung wäre. Er erlebt derzeit keine optimale Zeit in seiner Karriere. Kleindienst wäre auch so ein Typ, auch er durfte sich schon beweisen. Dass ich diese Namen nenne, zeigt aber auch: So ein Typ fehlt. Den haben andere Nationen, wir derzeit aber eher nicht.
Rüdiger? „Ein Typ, der polarisiert“
SPORT1: Lennart Karl ist dabei, Said El Mala nicht. Nachvollziehbar?
Helmer: Absolut. Ich finde, einen von beiden kannst und musst du die Gelegenheit geben, sich zu zeigen. El Mala durfte letztes Mal vorspielen, jetzt ist es Karl. Und an Karl ist er einfach nicht mehr vorbeigekommen. Der Druck ist zu groß geworden, da hatte er keine Chance mehr (lacht).
SPORT1: Wenn Sie sich den Kader angucken: Ist das für Sie auch der Kader für die WM?
Helmer: Musiala gehört auf jeden Fall noch dazu. Das steht außer Frage. Selbst wenn er vielleicht zum Turnierstart nur bei 90 Prozent ist. Bei 26 Leuten kannst du das Risiko eingehen und die Geduld mitbringen. Du kannst eigentlich nicht auf ihn verzichten. Dafür ist er zu gut.
SPORT1: Antonio Rüdiger stand zuletzt wieder in den Schlagzeilen. Wie sehen Sie seine Nominierung und vor allem die Konkurrenz-Situation in der Innenverteidigung?
Helmer: Rüdiger ist einfach ein Typ, der wahnsinnig polarisiert. Menschlich will ich das gar nicht bewerten. Aber sportlich ist dieser Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung der interessanteste. Rüdiger, Tah oder Schlotterbeck – einen musst du wohl draußen lassen. Nagelsmann ist ein Fan von Schlotterbeck, hat ihn zuletzt ja auch sehr gelobt. Und Tah hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Deshalb bin ich mal sehr gespannt, wie oft oder ob Rüdiger überhaupt einen Stammplatz hat. Ich bezweifle das.
Helmer lobt FC Bayern: „Sensationell“
SPORT1: Sieben Bayern-Spieler sind nominiert. Dazu Jamal Musiala, der im Sommer mit Sicherheit wieder eine Rolle spielen wird. Wie wichtig ist es, so eine Stammachse aus einem Verein auch beim DFB-Team zu haben?
Helmer: Es schadet auf jeden Fall nicht. Und wenn man sich die Bayern aktuell anguckt, ist das schon beeindruckend. Die gewinnen gegen Atalanta im Hinspiel 6:1 und hängen sich im Rückspiel trotzdem noch mal rein und wollen unbedingt gewinnen. Diese Mentalität ist sensationell. Kompany ist für mich dabei einer der Schlüsselfaktoren. Er macht das überragend. Der will jedes Spiel gewinnen, egal ob Freundschaftsspiel oder in der Königsklasse. Das hat er verinnerlicht. Und genau das hilft dann wiederum auch der Nationalmannschaft.
SPORT1: Wie sehen Sie die deutsche Mannschaft im weltweiten Vergleich?
Helmer: Ich glaube, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben. Ich kenne jetzt nicht alle Nationen in- und auswendig, aber natürlich gibt es schon einige, die noch besser aufgestellt sind als wir. Vor allem qualitativ in der Breite: Manche Nationalmannschaften können auf jeder Position wechseln, ohne einen Qualitätsverlusten zu erleiden. Das sehe ich bei uns auf einigen Positionen nicht.