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Julian Nagelsmann ist in der Normalität gelandet

Ein normaler Bundestrainer

Kurz vor der offiziellen Nominierung für die WM steht Julian Nagelsmann im Kreuzfeuer der Kritik. Dass der Bundestrainer einen gewissen Bonus verloren hat, hat gute Gründe. Sie waren vorhersehbar.
Im SPORT1 Doppelpass spricht Torhüterlegende Oliver Kahn über das mögliche DFB-Comeback von Manuel Neuer. Der "Titan" versteht den Zeitpunkt der wohl bevorstehenden Entscheidung um die Rückkehr Neuers nicht.
Kurz vor der offiziellen Nominierung für die WM steht Julian Nagelsmann im Kreuzfeuer der Kritik. Dass der Bundestrainer einen gewissen Bonus verloren hat, hat gute Gründe. Sie waren vorhersehbar.

Es sind keine leichten Tage für Julian Nagelsmann. Kurz bevor er am Donnerstag offiziell seinen Kader für die anstehende Weltmeisterschaft präsentiert, informiert er die Spieler. „Ich suche immer zunächst das Gespräch mit den Spielern. Ich werde alle Spieler anrufen, die in meiner Ära mal eine tragende Rolle hatten. Das sind so ungefähr 62 Spieler“, erklärte der Bundestrainer jüngst.

Die Rechnung ist leicht: Angesichts von lediglich 26 Plätzen im WM-Zug wird Nagelsmann deutlich mehr Spieler enttäuschen als erfreuen. In diesem Punkt ist der 38-Jährige in der Normalität gelandet.

Vor der EM vor zwei Jahren war er quasi der Newcomer, der vor allem streng nach dem Leistungsprinzip und dem sogenannten „Momentum“ entscheiden konnte. Wer gerade gut drauf war, durfte mit – so einfach schien das damals.

Nagelsmann hat es jetzt schwerer

Das brachte dem Bundestrainer Respekt ein und sorgte in der Öffentlichkeit für ein gewisses Maß an Euphorie. Viele Fans sehen im Leistungsprinzip den wichtigsten Punkt einer jeden Kadernominierung und wollten nach der bleiernen Ära des als Bundestrainer glücklosen Hansi Flick endlich reinen Tisch.

Selbst die Tatsache, dass er den beliebten Leon Goretzka 2024 nicht berücksichtigte, taugte nicht zum Skandal. Die Maßnahme sorgte eher für Achselzucken, schließlich war das Vertrauen in Nagelsmann nach den Siegen über Frankreich und die Niederlande enorm.

Jetzt hat er es schwerer. Denn mit fast jedem der 62 Spieler im Dunstkreis der DFB-Elf verbindet ihn eine Geschichte. Es sind Verpflichtungen entstanden und so mancher Star will seine Pfründe verteidigen.

Einige haben dabei mitgeholfen, dass sich Deutschland überhaupt für die WM qualifiziert hat. Bestes Beispiel: Oliver Baumann. Dem 35-Jährigen unterliefen keine katastrophalen Fehler, trotzdem wird er während des Turniers nur die Nummer 2 hinter Manuel Neuer sein.

Kommunikation in der Kritik

Es ist der wohl größte Härtefall in der jüngeren Geschichte der Nationalmannschaft und wird deswegen natürlich besonders emotional durch Medien und Fans begleitet. Obendrein gelang es dem Bundestrainer bislang nicht, dieses Spannungsfeld zwischen Leistungsprinzip und Loyalität sauber zu moderieren. Egal, für welchen Torhüter sich Experten, Fans und Medien aussprechen: Nagelsmanns Kommunikation bemängelt fast jeder.

Dabei war die bislang eigentlich seine große Stärke. Der 38-Jährige fand während seiner Amtszeit größtenteils die richtigen Worte und erklärte geduldig eher zu viel statt zu wenig – bis er dann am Samstag im ZDF eigentlich gar nichts mehr sagte.

Zusätzlich befindet er sich in einer paradoxen Situation: Die DFB-Elf gewann alle letzten sieben Spiele, trotzdem ist keinerlei WM-Euphorie vorhanden. Das mag unter anderem am Umgang des Bundestrainers mit Fan-Liebling Deniz Undav im März liegen, hat aber auch Gründe, die zu erwarten waren. Es fehlen der Schub eines Heimturniers und der Newcomer-Bonus des Coaches.

Die Rolle des „Aufräumers“ kann Nagelsmann diesmal nicht einnehmen, schließlich ist er seit über zweieinhalb Jahren im Amt und damit mittlerweile ein normaler Bundestrainer. Das macht es nicht leichter.