Die Rückkehr von Manuel Neuer in die deutsche Nationalmannschaft für die anstehende Weltmeisterschaft und die daraus resultierende Degradierung von Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim sind seit Tagen Bestandteil der Diskussionen in Fußball-Deutschland.
Folgen nach Baumann-Degradierung? "Entscheidend ist die Reaktion"
Baumann? „Macht ihn noch stärker“
Im SPORT1-Interview spricht jetzt Andreas Schicker, Geschäftsführer Sport bei der TSG, über die Torwartentscheidung von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Es ist ein Gespräch über sportliche Hierarchien, menschliche Größe – und darüber, warum Enttäuschung in Hoffenheim nicht zum Bruch führt, sondern den Zusammenhalt auf die Probe stellt.
Neuer statt Baumann? „Man hätte es besser lösen können“
SPORT1: Herr Schicker, die Kadernominierung des DFB ist seit Donnerstag raus. Manuel Neuer ist wieder die Nummer eins, Oliver Baumann nur die Nummer zwei. Sie dürften darüber nicht begeistert sein, oder?
Andreas Schicker: Das war in den vergangenen Tagen ja schon ein Prozess, sodass es heute für viele keine große Überraschung mehr war. Am Ende ist es die Entscheidung des Bundestrainers, wen er nominiert und aufstellt. Ich möchte auch nicht, dass sich bei mir von außen jemand sportlich einmischt. Jeder hat seinen Verantwortungsbereich. Alles Weitere habe ich, glaube ich, schon gesagt.
SPORT1: Die Begründung war aber deutlich – mehr Titel, mehr Aura, Baumann nur „Weltklasse-1B“. Wie sehen Sie das?
Schicker: Sportlich muss Julian Nagelsmann diese Entscheidung treffen. Wenn er das Gefühl hat, dass Manuel Neuer die richtige Wahl ist, dann ist das so. Vom Ablauf her hätte man es besser lösen können, auch die Kommunikation war nicht glücklich gewählt.
Für mich ist Olli nicht nur ein sehr guter Torhüter, sondern auch ein herausragender Mensch. Er hat sofort gesagt, dass er sich in den Dienst der Mannschaft stellt und daraus kein großes Thema macht. Das spricht extrem für ihn. Es gibt Spieler, die in so einer Situation anders reagieren würden. Und genau das macht ihn für mich noch stärker.
„Enttäuschung gehört dazu, aber entscheidend ist die Reaktion“
SPORT1: Ehrliche Enttäuschung ist menschlich, oder?
Schicker: Natürlich. Er hätte das Turnier gerne als klare Nummer eins gespielt, das ist völlig normal – gerade nach einer starken Qualifikation. Er hat auch bei uns eine sehr gute Saison gespielt. Enttäuschung gehört dazu, aber entscheidend ist die Reaktion. Und die war absolut vorbildlich: Er stellt sich in den Dienst der Mannschaft.
SPORT1: Haben Sie in den vergangenen Tagen mit ihm gesprochen?
Schicker: Ja, wir hatten viel Kontakt und einen engen Austausch. Wichtig war für mich, dass er weiß, dass die gesamte TSG-Familie hinter ihm steht. Und ich bin überzeugt, dass er bei der WM auch seine Minuten bekommen wird.
Machtkampf in Hoffenheim: „Mir ging es nie darum, als Sieger dazustehen“
SPORT1: Blicken wir auf die Saison: Fühlen Sie sich nach Machtkampf und Verlängerungen als Sieger?
Schicker: Mir ging es nie darum, als Sieger dazustehen. Es ging immer darum, einen nachhaltigen sportlichen Weg einzuschlagen. Der Weg war sportlich sehr positiv, vieles hat sich entwickelt. Trotzdem gab es Phasen, die auch persönlich herausfordernd waren. Teilweise stand meine Abberufung im Raum. Umso wichtiger ist, dass wir diesen Weg fortsetzen konnten. Es geht nicht um Sieger oder Verlierer, sondern um die Entwicklung der TSG.
SPORT1: Hatten Sie irgendwann das Gefühl, dass Ihnen alles entgleitet?
Schicker: Nein. Ich habe immer gespürt, dass viele Menschen hier hinter mir stehen und den Weg mittragen. Mit etwas Abstand wird man erst richtig sehen, was in diesem Jahr alles passiert ist – nicht nur sportlich, sondern auch intern. Die TSG ist wieder enger zusammengerückt. Das macht mich stolz.
SPORT1: Was war Ihr größter Fehler in dieser Saison?
Schicker: Wenn man Entscheidungen trifft, sind nicht alle zu hundert Prozent richtig. Aber ich sehe keine Entscheidung, die gravierend falsch war. Natürlich gibt es Dinge, die man im Nachhinein besser machen kann. Aber ich habe immer nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne des Vereins gehandelt.
Keine Champions League? „Am Ende überwiegt bei mir die Freude“
SPORT1: Was hat am Ende zur Champions League gefehlt?
Schicker: In einer langen Saison gibt es immer Momente, in denen Punkte liegen bleiben. Es bringt nichts, einzelne Spiele herauszugreifen. Wichtig ist, dass wir die Saison analysieren und daraus lernen. Wir wollen mit dem gleichen Hunger und der entsprechenden Demut in die nächste Saison gehen. Am Ende überwiegt bei mir die Freude: 61 Punkte, die zweitbeste Saison der Vereinsgeschichte – und die Europa League ist ein sehr spannender Wettbewerb für uns.
SPORT1: Also keine verpasste Chance?
Schicker: Definitiv nicht.
SPORT1: Wie läuft Ihre Kaderanalyse konkret ab?
Schicker: Das ist ein laufender Prozess. Christian Ilzer, Paul Pajduch, das Scouting Team und ich sprechen praktisch täglich über den Kader – über Profile, Ideen und mögliche Entwicklungen. Es gibt nicht die eine große Sitzung, sondern einen ständigen Austausch.
SPORT1: Oliver Baumann bleibt in Hoffenheim…
Schicker: Ja. Er hat im vergangenen Sommer seinen Vertrag verlängert und bleibt bei uns. Wir sind sehr froh, dass wir Olli weiter an Bord haben, als absoluten Führungsspieler und als Mannschaftskapitän.
Prömel? „Habe versucht, ihn umzustimmen“
SPORT1: Grischa Prömel ist weg – war das unvermeidbar?
Schicker: Wir hatten einen sehr guten Austausch. Irgendwann hat er gesagt, dass er noch einmal eine neue Herausforderung annehmen möchte. Ich habe versucht, ihn umzustimmen, aber das gehört im Fußball dazu. Wichtig war, dass er die Saison professionell zu Ende bringt – und das hat er getan. Die Art und Weise spricht auch klar für ihn als Mensch.
SPORT1: Wie wichtig ist Stabilität im Sommer?
Schicker: Sehr wichtig. Die vielen Verlängerungen zeigen unsere Richtung. Trotzdem wird es Veränderungen geben – aber gezielt. Vergangenes Jahr haben wir viele neue Spieler gleichzeitig geholt. Jetzt wollen wir mehr Stabilität und gezielte punktuelle Veränderungen. So führen wir den Weg fort, den wir begonnen haben.
SPORT1: Wohin kann sich die TSG entwickeln?
Schicker: Die kommende Saison wird mit Bundesliga, Pokal und Europa League extrem spannend. Es geht nicht nur um Tabellenplätze. Entscheidend ist, wie wir die Belastung und Entwicklung steuern. Generell kann jeder einstellige Tabellenplatz für eine sehr gute Saison stehen, wenn wir in Europa weit kommen und uns stabil entwickeln.
SPORT1: Was wollen Sie in der neuen Saison anders machen?
Schicker: Ich will gar nicht viel anders machen. Es soll genauso weitergehen.
Wichtig sind die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt auf und neben dem Platz – zwischen e.V., Gesellschafterseite, Dietmar Hopp und der Geschäftsführung. Er hat unglaublich viel für den Verein und die Region getan – und es ist schön, wenn er diesen Zusammenhalt jetzt so erlebt.
SPORT1: Zum Abschluss: Wünschen Sie sich ein Bild wie 2006 mit Oliver Kahn und Jens Lehmann diesmal mit Neuer und Baumann?
Schicker: Olli und Manu kennen sich schon sehr lange. Von Olli wird die Unterstützung zu hundert Prozent da sein, davon bin ich überzeugt. Und ich glaube, das gilt umgekehrt genauso. Am Ende wollen beide nur den Erfolg der Mannschaft.