Bis zuletzt stand hinter Adam Whartons Einsatz noch ein Fragezeichen, doch die Sehnsucht nach einem Titel war größer als die Schmerzen im Knöchel.
"Tuchels größter Fehler?" Dieses WM-Aus löst Debatte aus
„Tuchels größter Fehler?“
„Ich habe meinen Fuß in den letzten Tagen quasi in einer Eisbox gehabt, nur um die Schwellung zu lindern“, sagte der Mittelfeldspieler von Crystal Palace nach dem 1:0-Sieg im Finale der Conference League gegen Rayo Vallecano.
„Ein paar Schmerzmittel, und schon war das Problem gelöst“, ergänzte Wharton. „Ehrlich gesagt konnte ich nicht richtig schießen. Es war nicht gerade angenehm, aber ich werde mir wegen eines leicht geschwollenen Knöchels doch kein Finale entgehen lassen.“
Wharton „von Thomas Tuchel übersehen“
Und die Mannschaft des scheidenden Trainers Oliver Glasner hätte andererseits wohl nur ungern auf ihren wichtigen Strippenzieher im Zentrum verzichtet. Wharton war der Dreh- und Angelpunkt der Eagles im Endspiel in Leipzig. Und auch wenn er nach eigener Aussage nicht so gut schießen konnte, hatte er entscheidenden Anteil am goldenen Treffer.
Seinen Distanzschuss konnte Rayo-Keeper Augusto Batalla nur nach vorne abklatschen lassen, der Ex-Mainzer Jean-Philippe (51.) staubte ab. Von der UEFA wurde Wharton anschließend zum Spieler des Spiels gekürt. Dabei wurde der 22-Jährige „von Thomas Tuchel für seinen 26-Mann-Kader übersehen“, wie die Sun schrieb.
Wharton selbst reagierte bemerkenswert gelassen auf sein WM-Aus. „Das gehört zum Fußball dazu. Es war nie sicher, dass ich dabei sein würde, das war mir klar“, sagte er unmittelbar nach Abpfiff.
Tuchel sagt Wharton ab: „Er meinte, es sei knapp gewesen“
„Als er mich anrief, sagte er mir einfach, dass ich nicht dabei sei“, berichtete Wharton vom Anruf des englischen Nationaltrainers. „Er meinte, es sei knapp gewesen, aber wie gesagt, so ist das eben im Fußball.“
Statt Trübsal zu blasen, konzentrierte sich Wharton auf den ersten Europapokaltriumph mit dem englischen Traditionsklub aus dem Süden Londons. „Ich werde nicht hier sitzen und darüber jammern“, betonte Wharton.
„Ich grüble nicht allzu sehr über solche Dinge nach, davon geht die Welt nicht unter. Ich bin noch jung, hoffentlich gibt es in Zukunft noch andere Turniere und Weltmeisterschaften, an denen ich teilnehmen kann.“
Ist diese Entscheidung „Tuchels größter Fehler?“
Doch dass er nun die Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko nur als Zuschauer von daheim aus verfolgen wird, hat auf der Insel hohe Wellen geschlagen. „Tuchels größter Fehler?“, titelte die BBC nach Whartons Glanzleistung im Europapokalfinale.
Dass der 35 Jahre alte Routinier Jordan Henderson dem 22 Jahre jungen Wharton vorgezogen wurde, sei „vielleicht die auffälligste und überraschendste Wahl“, schrieb die britische Rundfunkanstalt weiter.
Wharton wechselte im Winter 2024 für rund 21 Millionen Euro von Zweitligist Blackburn Rovers zu Palace und bekam von Trainer Glasner früh das Vertrauen geschenkt. Der Lohn: Nur ein halbes Jahr später debütierte Wharton als 20-Jähriger für die Three Lions unter Gareth Southgate, der ihn auch zur EM mitnahm. Dabei blieb Wharton allerdings ohne Einsatzminute.
Nachdem er zwischenzeitlich für Englands U21 zum Einsatz kam, berief ihn Tuchel für die letzten WM-Qualifikationsspiele im November 2025 wieder für die Three Lions. Auch im März war Wharton dabei und bestritt im Test gegen Uruguay sein viertes Länderspiel.
TV-Experte zeigt sich „etwas überrascht“ von Whartons WM-Aus
Doch im WM-Kader war nun kein Platz für Wharton. Das hat auch unter den Experten für Verwunderung gesorgt. Ex-Nationalspieler Glenn Hoddle zeigte sich bei TNT Sports „etwas überrascht“ von Whartons Nichtberücksichtigung.
Der 68-Jährige schwärmte schon im Vorfeld des Endspiels von den Fähigkeiten des Mittelfeldstrategen. „Ich liebe es, wie sein Blick und seine Pässe nach vorne gerichtet sind. Er kann tödliche Pässe spielen, Bälle, die die gesamte Abwehr aushebeln.“
Hoddle sei sich nicht sicher, „ob wir so viele Spieler haben, die das aus einer tiefen Position heraus konstant leisten können. Daher war ich verwundert, als ich sah, dass er nicht dabei war.“
Neben dem gesetzten Declan Rice hat Tuchel zum Beispiel auch den wiedererstarkten Kobbie Mainoo nominiert. Die weiteren Optionen im Mittelfeldzentrum sind Elliot Anderson, Jude Bellingham – und eben Routinier Henderson.
Kurioser Vorschlag: Henderson als Spielertrainer
Der frühere Liverpool-Star und jetzige Brentford-Profi sei ein geborener Siegertyp, sagte Tuchel im März. „Was er in jede Mannschaft einbringt, sind Führungsqualitäten, Charakter, Persönlichkeit und Energie.“ Er sorge dafür, „dass sich alle an die Standards halten und mit dieser Eigenschaft verkörpert er alles, was wir aufbauen wollen.“
Experte Hoddle hat seine eigene Meinung zu der Personalie. „Ich verstehe, warum der Trainer Henderson mitgenommen hat, aber wenn er schon so eine Rolle übernimmt, sollte man ihn meiner Meinung nach als Trainer mitnehmen.“
Man könne Henderson „ja auch als Spielertrainer einsetzen, wenn man will“, fügte Hoddle süffisant an, „aber ich glaube, da wäre noch ein Platz für Wharton gewesen“.
Macht Wharton den nächsten Schritt?
Ob Wharton weiterhin für Crystal Palace auflaufen wird, ist trotz eines bis 2029 laufenden Vertrags nicht klar. Im Januar berichtete die spanische AS von einem angeblichen 70-Millionen-Angebot von Real Madrid. In England wurde sein Name auch schon bei den Schwergewichten Manchester United und FC Liverpool gehandelt.
Hinzu kommt, dass sein Förderer Glasner Palace nun verlässt. Die Fans träumen derweil von einem langfristigen Verbleib ihres Mittelfeldregisseurs.
Im Vorfeld des Endspiels gingen Handyvideos viral, in denen die Anhänger „zehn weitere Jahre“ mit Wharton herbeisangen – und Whartons Mutter stimmte mit ein.