Sein absurdes Versprechen musste Gianni Infantino nicht einhalten. Er habe der iranischen Nationalmannschaft vor der Weltmeisterschaft versichert, erklärte der FIFA-Präsident, „dass ich nach Teheran komme und sie mit dem Bus zum Turnier fahren werde, wenn es sein muss.“
Allen Widrigkeiten zum Trotz? Irans unmögliche WM-Mission
Eine unmögliche WM-Mission
Nach zahlreichen bürokratischen Hürden, (Visa-)Problemen und viel Skepsis haben es die Iraner aber auch ohne die Hilfe Infantinos nach Nordamerika geschafft – von einem klassischen WM-Erlebnis und echter Chancengleichheit kann für das „Team Melli“ vor dem Auftakt dennoch keine Rede sein.
WM: Viel Wirbel um den Iran
Denn an das Sportliche war für die Iraner vor dem Gruppenstart in der Nacht zu Dienstag (ab 3.00 Uhr MESZ im LIVETICKER) gegen Neuseeland in Los Angeles kaum zu denken. Das Teamquartier musste kurzfristig ins mexikanische Tijuana verlegt werden, wo am Freitag in unmittelbarer Nähe zum Trainingsplatz eine Leiche im Kofferraum eines SUV gefunden wurde.
Die Einreisebedingungen für die Spieltage in den USA wurden zudem erst kurzfristig geklärt – und dann stand der Verband plötzlich ohne eigene Tickets da.
Dem Iran seien von den Vereinigten Staaten die zugeteilten Eintrittskarten für die Gruppenspiele kurzfristig entzogen worden, hieß es zuletzt vom iranischen Verband, der auch sonst eine „willkürliche und diskriminierende Behandlung des iranischen Teams“ durch die US-Behörden beklagte. 15 Personen der Delegation wurde die Visa-Erteilung laut des iranischen Staatsfernsehens verweigert. Das sei eine „politische Einmischung in den Sport in ihrer schlimmsten Form“, hieß es.
„Wir sind keine Politiker“
Amir Ghalenoei, der Nationaltrainer des zwischen die politischen Mühlen des Krieges gegen das autoritäre Mullah-Regime geratenen Teams, bemühte sich im Vorfeld darum, den Fokus so weit wie möglich auf das Sportliche zu richten, eine fast unmögliche Mission.
„Wir sind hier, um das große iranische Volk zu vertreten und konzentrieren uns ausschließlich auf den Fußball. Wir sind keine Politiker, und Fußball ist von der Politik getrennt“, sagte der 63-Jährige vor dem WM-Auftakt während einer Pressekonferenz. Auf die Hürden bei der Einreise in die USA ging Ghalenoei dennoch ein.
„Aufgrund dieser Probleme musste unser Trainingslager zweimal verlegt werden. An dieser Stelle möchte ich jedoch dem mexikanischen Volk und der mexikanischen Regierung danken. Wir Iraner machen aus Schwierigkeiten Chancen“, schilderte Ghalenoei: „Wir denken an nichts anderes als an die Freude unseres Volkes.“ Leicht ist das allerdings nicht.
Irans WM-Teilnahme stand lange in der Schwebe
Dass die Iraner überhaupt in den USA auflaufen können, daran hatte mit Kriegsausbruch zwischen den beiden Ländern Ende Februar aber wohl niemand geglaubt. Der Auftritt der Iraner auf dem Boden der USA fällt in eine politisch hochbrisante Zeit.
In den Tagen vor dem WM-Start und dem 80. Geburtstag von US-Präsident Donald Trump am Sonntag hatte der gegenseitige Beschuss wieder zugenommen, nun soll ein (vorläufiges?) Ende der Kämpfe ausgehandelt sein. Immerhin: Irans Fußballer dürfen anders als ursprünglich geplant doch in den USA übernachten.
Angesichts der Umstände ist bei den Iranern von WM-Stimmung keine Spur. „Ich war schon bei drei Weltmeisterschaften dabei, und man sagt immer, sobald man aus dem Flugzeug steigt und das Gastgeberland betritt, herrscht dort einfach eine einzigartige Atmosphäre der Freundlichkeit und der Weltoffenheit“, sagte Top-Angreifer Mehdi Taremi bei ESPN.
Doch die Realität sei diesmal eine andere: „Leider spüre ich das im Moment nicht. Bei dieser Weltmeisterschaft herrscht derzeit große Anspannung. Man spürt es in der Atmosphäre.“
WM: Iran ist in der Gruppenphase nicht chancenlos
Dabei sind die Iraner in Gruppe G keineswegs chancenlos und können sich angesichts von Hunderttausenden Kaliforniern mit iranischen Wurzeln – die meisten von ihnen Gegner des Regimes, aber Fans des Teams – wahrscheinlich dennoch auf große Unterstützung freuen.
Neuseeland, Belgien und Ägypten heißen die Gegner des dreimaligen Asienmeisters, der seine Vorrundenspiele allesamt an der Pazifikküste austrägt – und über 12.000 Flugkilometer von der Heimat entfernt endlich auch mal für sportliche Schlagzeilen sorgen will.
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)