Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien ihren dritten Stern. Mittendrin: Pierre Littbarski. Die Fußball-Legende erinnert sich im SPORT1-Podcast Deep Dive an das Turnier zurück und erzählt Anekdoten über den damaligen Bundestrainer Franz Beckenbauer.
Beckenbauer? "Der ist Amok gelaufen und hat jeden beschimpft"
Als Beckenbauer „Amok“ lief
Der „Kaiser“ war sowohl als Spieler als auch als Coach ein Perfektionist. Das ließ er auch seine Mannschaft spüren. „Franz war fast nie zufrieden. Er hat zwar dann zwischendurch auch mal das Lächeln aufgesetzt, aber wenn du einen Perfektionisten als Trainer hast, ist es extrem schwer“, schilderte Littbarski.
Littbarskis zwiespältiges Verhältnis zu Beckenbauer
Der frühere Profi meinte aber, dass die Mannschaft Beckenbauers Ansprüchen gerecht werden wollte und deswegen alle immer hochkonzentriert gewesen seien. Als Beispiel nannte der heute 66-Jährige das dritte WM-Gruppenspiel 1990 gegen Kolumbien: „Ich saß auf der Bank und schon beim Warmlaufen in der Halbzeit war ich sofort angeschaltet, ich war von null auf 180 in drei Sekunden. Das ist das Entscheidende. Um in der Mannschaft zu bestehen, musstest du so sein, und das war auch ganz wichtig.“
Grundsätzlich bezeichnete Littbarski sein Verhältnis zu Beckenbauer als „zwiespältig“, denn „Franz hat mich sehr kritisch gesehen“. Die Legende berichtete: „Selbst als ich mit 30 Kapitän war und Verantwortung übernommen hab, hat er immer wieder drauf gepocht: Abschlüsse haben, Tore machen, nicht nur der Zauberer sein.“
Spieler wollten Beckenbauer „nicht enttäuschen“
Littbarski empfand, dass Beckenbauer generell ein spezielles Verhältnis zu seinen Spielern gehabt habe. Grund dafür war seine legendäre Spielerkarriere: „Wenn du einen Trainer hast, der als Spieler außergewöhnlich war, willst du den nicht enttäuschen. Du musst einfach abliefern und das war die beste Motivation.“
Aus diesem Grund sei damals jeder Spieler bei jedem Pass hochkonzentriert gewesen und dies hätte laut dem 66-Jährigen den Unterschied zwischen den „sehr guten Spielern und den Granaten“ ausgemacht.
Littbarski gibt sich selbstkritisch
Hierbei nannte der Weltmeister von 1990 beispielsweise seinen Teamkollegen Andreas Brehme und stellte klar: „So jemand hat im Spiel maximal einen Fehler gemacht – das haben wir heute nicht mehr.“ Er meinte, dass dieser Anspruch immer da sein müsse „und so war es mit Franz. Die Egos haben sich hinten angestellt. Du wolltest einfach keinen Fehler machen.“
Natürlich wisse er auch, dass es schwierig sei, sich über 90 Minuten zu konzentrieren, und immer Fehler passieren könnten. Aber: „Es gab fast kein Spiel, in dem ich richtig zufrieden war – weder in Köln noch in der Nationalmannschaft“, gestand Littbarski.
„Wir haben gespielt wie die letzten Osterhasen“
Im Viertelfinale traf Deutschland bei der WM in Italien auf die Tschechoslowakei. Das DFB-Team ging als klarer Favorit ins Spiel, doch gewann letztlich durch den Treffer von Lothar Matthäus in Überzahl nur mit 1:0.
Littbarski musste schmunzeln, als er über die Partie sprach: „Wir haben gespielt wie die letzten Osterhasen. Dann kriegen die auch noch eine Rote Karte, wir spielen 11 gegen 10. Haben alle Granaten auf dem Platz und wir spielen so schlecht, dass der Kaiser auf einmal sich von Dr. Jekyll in Mr. Hyde verwandelt. Der ist Amok gelaufen und hat jeden beschimpft.“
Der 66-Jährige führte weiter aus: „Ich weiß nicht, wen er ausgewechselt hätte, wahrscheinlich den Klinsi, weil den hat er komplett auf der Rolle gehabt. Das wusste er auch. Er hat zweimal mit der Hacke gespielt, was nicht funktionierte, und dann hat der Franz gesagt: ‚Spiel bloß nicht mehr den Klinsi an, bei dem ist immer der Ball weg.‘ Das hat er ihm aber auch nicht übelgenommen.“
Gleichzeitig war Littbarski froh, auf der gegenüberliegenden Seite gespielt zu haben, „sonst hätte dir der Franz richtig Saures gegeben. Das war ein Erlebnis. Wir haben das Spiel heruntergegurkt, 1:0 gewonnen und sind ins Halbfinale eingezogen, aber das bleibt auch in Erinnerung.“