Es dürfte ein ambivalenter Tag für Julian Nagelsmann werden. Der Sonntag, wenn es für die DFB-Elf gegen Curcacao geht, wird für ihn voller Emotionen stecken. Der Bundestrainer ist dafür bekannt, dass er seinen Job als besondere Auszeichnung sieht, auf die man stolz sein kann. Auch bekannte er bereits, in gewisser Weise ein Patriot zu sein. Die Hymne mit voller Energie mitzusingen, ist für den 38-Jährigen selbstverständlich.
Bundestrainer Nagelsmann kämpft mit einem Manko
Das ist sein Manko
Doch sein Posten bringt auch enorme Verantwortung mit sich – und Druck. Nagelsmann steht in diesen Tagen und Wochen besonders im Fokus. Manchen Beobachtern ist er zu extrovertiert, zu präsent in den Medien. Und so richtig erfolgreich war er in den Augen seiner Kritiker auch nicht. Mit dem FC Bayern schaffe das schließlich (fast) jeder und die Meisterschaft 2022 sei weitgehend von Corona geprägt gewesen. Aus Sicht der Spötter ist jener Titel daher weniger wertvoll.
Es mag unfair sein, doch Fakt ist: Der Bundestrainer verfügt über keine große Lobby in der Branche, das ist sein Manko. Kaum ein namhafter TV-Experte steht bedingungslos hinter ihm. Beim FC Bayern hört man obendrein immer noch kritische Stimmen von oberster Stelle – vor und hinter den Kulissen –, das prägt die Stimmung in der gesamten Fußball-Blase.
„Schattentrainer“ Jürgen Klopp im Mittelpunkt
Und: Er ist kein Volkstribun wie seine Vorgänger Franz Beckenbauer oder Rudi Völler. Beide konnten mit ihrer natürlichen Autorität die Fans hinter sich bringen, Nagelsmanns Zustimmungswerte dagegen sind spätestens seit der umstrittenen Kadernominierung gesunken. Überraschend, schließlich gewann die DFB-Elf zuletzt satte neun Partien hintereinander.
Trotzdem herrscht noch kaum Begeisterung im Land und mit dem prominenten Expertenteam von Magenta TV erhöht sich der Druck sogar weiter. Bereits seit Wochen sieht Fußball-Deutschland Jürgen Klopp als „Schattentrainer“, quasi als natürlichen Nachfolger des aktuellen Chefs. Da ist es besonders pikant, wie sich der ehemalige Coach des FC Liverpool und Expertenkollege Thomas Müller jüngst vor der Kamera äußerten und folgenden Dialog lieferten:
„Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf … noch … noch“, sagte Klopp und Müller antwortete: „Kloppo, es ist erst Juni! Du bist schon im September.“ Bemerkenswerte Worte vor dem Hintergrund, dass Klopp seine Ambitionen auf den Job des Bundestrainers nie komplett zurückgewiesen hat.
Rückendeckung von Völler
„Es ist besser, die Leute denken, unter Umständen, irgendwann in der Zukunft könnte das Jürgen Klopp machen, als wenn alle denken: Der Letzte, der das machen sollte, ist Jürgen Klopp“, sagte der 58-Jährige Mitte März auf Nachfrage von SPORT1. Nagelsmann hilft das eher weniger – der Bundestrainer hat mittlerweile ein Problem in Magenta-Pink.
Dass er Respekt vor der veröffentlichten Meinung hat, offenbarte er bereits Ende März in Stuttgart: „Das Expertenthema ist riesengroß in Deutschland und derzeit gefühlt einer der erstrebenswertesten Berufe, die man machen kann“, sagte er auf SPORT1-Frage. Früher habe ein Trainer etwas gesagt und dann erst hätten sich die Experten geäußert. Mittlerweile werde die Meinung des Hauptverantwortlichen dagegen zu einer „Randnotiz“.
Gut für den 38-Jährigen: Sportdirektor Völler steht zu ihm, die Mannschaft ebenfalls. Immer wieder ist die Rede davon, dass teamintern aktuell die Stimmung so gut sei wie lange nicht. Das sind keine öffentlichen Lippenbekenntnisse an den Mikrofonen, sondern auch hinter den Kulissen die einhellige Meinung.
Beste Voraussetzungen also, es bei der WM allen Kritikern zu zeigen und erneut eine Euphorie zu entfachen wie bei der Heim-EM. Zur Erinnerung: Auch ein Joachim Löw war nicht sofort der Liebling der Massen. Erst der WM-Titel 2014 machte ihn dazu. Es könnte Nagelsmann besonders motivieren.