Es war etwa 14.23 Uhr Ortszeit in Mexiko-Stadt. Von Mittagsruhe war am Donnerstagnachmittag aber nur wenig zu spüren. Raúl Jiménez hatte die Führung der mexikanischen Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel der WM gerade auf 2:0 erhöht.
"Ein Wunder für mich": Die WM hat ihre erste Heldengeschichte
Das erste „Wunder“ der WM
Es war die 66. Minute, das Spiel erlebte gerade eine seiner langatmigeren Phasen, als Roberto Alvarado aus dem rechten Halbfeld flankte. Jiménez tauchte von allen Gegenspielern verlassen am zweiten Pfosten auf und ließ das Aztekenstadion beben.
Genauso gewaltig wie die Wucht der Fans war auch der Jubel des Angreifers selbst. Erst schrie er mit geballten Fäusten all seine Emotionen heraus, ehe er unter Tränen die Hände zum Himmel hob. Weitere Emotionen blieben den Kameras verborgen, nachdem seine Mitspieler ihn in einer Jubeltraube begruben.
Not-OP: Der Fußball hätte ihn fast das Leben gekostet
„Ich bin sehr glücklich und freue mich, diesen Traum leben und hier stehen zu dürfen“, sagte Jiménez nach der Partie voller Demut. Dass der Mexikaner bei der WM dabei ist, ist alles andere als selbstverständlich. Denn vor einigen Jahren hätte der Angreifer beinahe sein Leben verloren.
Im November 2020 traf er in der Premier League mit den Wolverhampton Wanderers auf den FC Arsenal. Bereits nach fünf Minuten rauschte er nach einer Ecke mit dem Brasilianer David Luiz zusammen und blieb liegen. Während Luiz‘ Platzwunde mit einem Turban verarztet wurde, ging es für den benommenen Jiménez nach zehn Minuten Behandlung nur per Trage vom Feld.
Der bewusstlose Mexikaner wurde auf direktem Wege ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Schädelbruch und Verletzungen am Gehirn. Eine Not-OP war nötig. „Sie (die Schädelfraktur, Anm. d. Red.) drückte mein Gehirn nach innen und daher musste die Operation schnell gehen. Die Ärzte haben wirklich gute Arbeit geleistet und ich bin wieder hier. Es ist ein Wunder für mich! Die Ärzte und Chirurgen haben mir gesagt, dass ich jetzt mein Leben wie früher leben kann.“
Comeback nach nur neun Monaten: Jiménez kämpfte sich zurück
„Raúl Jiménez’ Karriere stand 2020 kurz vor dem Aus – ebenso wie sein Leben“, titelte die spanische El País einmal.
Aufgeben wollte der damals 29-Jährige allerdings nicht. Nach gerade einmal neun Monaten stand er für die Wolves bereits wieder auf dem Platz. Von seiner Verletzung zeugt heute nur noch ein Stirnband, das er bei den Spielen trägt. Über dem Ohr ein kleines Polster, um seine Narbe zu schützen.
Natürlich, möchte man sagen, erzielte er den Treffer am Donnerstag dann auch noch per Kopf. Es war bereits Länderspieltor Nummer 46 für den 35-Jährigen. Die 52 Treffer des ewigen Rekordtorschützen Chicharito scheinen greifbar.
Mit 129 Einsätzen steht er außerdem auf Platz neun der Rangliste der Mexikaner mit den meisten Länderspielen. Die WM in diesem Jahr ist bereits seine vierte Teilnahme am größten Turnier der Fußballwelt.
„Ich habe ein Interview gelesen, in dem er sagte, diese solle seine WM werden“, sagte Mexiko-Trainer Javier Aguirre. Dass er ausgerechnet beim Eröffnungsspiel im eigenen Land sein erstes WM-Tor erzielt, macht die kitschige Geschichte perfekt.