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Eine Ex-Putzkraft soll das Chaos-Team der WM retten

Ex-Putzkraft soll Chaos-Team retten

Hervé Renard soll Tunesien bei der WM retten. Der Trainer mit dem bewegten Lebenslauf ist schon immer ein Mann für die ungewöhnlichen Missionen gewesen.
Schweden feiert mit einem fulminanten 5:1 gegen Tunesien einen perfekten WM-Auftakt. Der 22-jährige Yasin Ayari eröffnete das Offensivfestival mit einem sehenswerten Treffer.
Hervé Renard soll Tunesien bei der WM retten. Der Trainer mit dem bewegten Lebenslauf ist schon immer ein Mann für die ungewöhnlichen Missionen gewesen.

Spätestens bei seiner Ankunft am Flughafen von Monterrey dürfte Hervé Renard bewusst geworden sein, auf welches Abenteuer er sich eingelassen hatte. Nach seiner Landung in Mexiko bekam der Franzose die volle Wucht der Erwartungen ab – und die traditionelle rote Kopfbedeckung Chechia verpasst.

Renard soll zum Retter werden, nachdem sein Landsmann Sabri Lamouchi nach dem 1:5 zum WM-Start Tunesiens gegen Schweden unehrenhaft entlassen worden war.

„Als man mich kontaktierte, habe ich keine Sekunde gezögert“, sagte der 57-Jährige und fügte mit viel Pathos hinzu: „Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.“

Jetzt WM-Trainer: Als Putzkraft stand er um 2:30 Uhr auf

Renard gilt spätestens jetzt als internationaler Feuerwehrmann, er hat schließlich schon so manche ungewöhnliche Mission angenommen. Geradlinig war sein Weg ohnehin nie.

Als Spieler blieb ihm der ganz große Durchbruch verwehrt, in die erste Liga Frankreichs schaffte er es letztlich nie. Zwischenzeitlich arbeitete Renard als Putzkraft, um sich über Wasser zu halten – und seinen großen Traum zu realisieren.

Nach seiner Spielerkarriere, die er mit 29 Jahren beendete, wollte er eigentlich Trainer werden. Sein letzter Klub, der SC Draguignan, gab ihm eine Chance. Vor dem Trainingsalltag am Nachmittag arbeitete er in einem Häuserblock, wo er Putz- und Aufräumarbeiten übernahm.

„Ich bin um 2:30 Uhr morgens aufgewacht, war gegen Mittag fertig und bin dann um 17 Uhr zum Training nach Draguignan gefahren“, erzählte er einst: „Wir haben trainiert, und ich kam gegen 21 Uhr zurück, um zu essen, und ging dann um 23 Uhr ins Bett. Das war acht Jahre lang mein Lebensrhythmus.“

WM 2026: Der ewige Retter soll neues Märchen schreiben

Wer ein solches Leben führt, zerbricht entweder daran – oder kämpft sich bis ganz nach oben. Beim Afrika-Cup 2012 folgte die große Belohnung für all die Mühen, als Renard die Auswahl Sambias überraschend zum Titel führte. Drei Jahre später wiederholte er den Triumph mit der Elfenbeinküste.

Und nun schaffte er es zu dieser WM-Endrunde. Obwohl er bei Turnierbeginn noch gar kein Thema war. „Wenn jemand Tunesien retten kann, dann der ewige Retter Renard“, schrieb ESPN.

Klar ist: Den Hoffnungsträger erwartet die nächste schwierige Aufgabe, die nach nur wenigen Tagen beim verunsicherten Team Tunesiens mit der Partie am Sonntag (6.00 Uhr) gegen Japan beginnt.

Der Ex-Profi, der auch als Trainer mehr gesehen hat als die meisten anderen seiner Kollegen, kehrt unverhofft auf die WM-Bühne zurück. Auf der dirigierte er schon Marokko (2018), Saudi-Arabien (2022) und die französischen Frauen (2023). Auch mit dem XXL-Turnier in Amerika hatte er lange geplant, war aber bei der saudischen Mannschaft in der WM-Vorbereitung entlassen worden.

Renard leidet mit Vorgänger

Das Schicksal von Lamouchi, der schon als zweiter tunesischer Trainer während einer laufenden WM abgesägt worden war, lässt Renard daher nicht kalt. Er kenne seinen Vorgänger persönlich. „Und wenn so etwas einem Trainer passiert, versetze ich mich immer in seine Lage.“ Schließlich habe Renard das in seiner Karriere „selbst erlebt. Und es tut sehr weh.“

Diese Gefühle schiebt der Retter in der Not nun beiseite. Gegen Japan muss Tunesien Renards Ideen umsetzen, damit der Traum von der K.o.-Runde nicht in unerreichbare Ferne rückt. Renard setzt dabei auf Emotionen.

„Es gibt Leute, die extra hierhergekommen sind. Wisst ihr, wie viel sie ausgegeben haben, um euch zu unterstützen?“, sagte er in seiner ersten Ansprache an die Mannschaft und kündigte mit einem festen Schlag auf den Tisch Taten an: „Jetzt bringen wir die Dinge wieder ins Lot!“

Tunesien, die chaotischste Mannschaft der Fußball-WM

Ein treffendes Ziel, präsentierte sich Tunesien bisher doch als das chaotischste Team der Weltmeisterschaft. Renards Vorgänger wurde schließlich nicht einfach nur so entlassen. Diversen Medienberichten wurde die Trennung zunächst verkündet und dann doch wieder zurückgezogen. Von gelöschten Posts ist die Rede. Hinter den Kulissen sollen Funktionäre im schwer durchschaubaren Verbandsdickicht mit Rücktritt gedroht haben.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass daher auch von Problemen innerhalb der Mannschaft berichtet wurde. Diese immerhin wurden zurückgewiesen: „Wir haben keine Probleme innerhalb der Gruppe. Jeder weiß, dass Fehler gemacht wurden, und jeder übernimmt seinen Teil der Verantwortung“, erklärte Offensivspieler Hazem Mastouri.

Dass mit den Japanern, die in ihrem ersten Spiel gegen die Niederlande zu einem 2:2 kamen, die laut Renard „beste Mannschaft Asiens“ auf das angeschlagene Tunesien trifft, macht die Aufgabe aber nicht gerade leichter. „Wir müssen wieder in Schwung kommen“, sagte Renard deshalb in aller Deutlichkeit, an der „Hürde“ Japan dürfen die Nordafrikaner nicht die nächste Bruchlandung hinlegen.

Die Rollenverteilung ist klar. Doch da trifft es sich gut, dass sich Renard mit solchen Szenarien bestens auskennt: Vor vier Jahren in Katar ging er mit Saudi-Arabien als großer Underdog in das Duell mit Argentinien – und fügte dem späteren Weltmeister die einzige Niederlage in der Wüste zu.

mit Sport-Informations-Dienst