Eigentlich sollte in Ghana die Freude über die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko dominieren. Erst zum fünften Mal in der Geschichte des Landes hat es die Nationalmannschaft um Superstar Antoine Semenyo von Manchester City zu einer WM-Endrunde geschafft. Doch zum WM-Start trübt die Causa Thomas Partey die Vorfreude – und wird durch die Entscheidung der kanadischen Behörden noch brisanter.
Verweigern Englands Spieler ihm den Handschlag?
Keine WM-Teilnahme ist umstrittener
Der Vize-Kapitän der Black Stars wird von der britischen Staatsanwaltschaft wegen insgesamt sieben Fällen der Vergewaltigung und eines Falls von sexueller Nötigung angeklagt. Die mutmaßlichen Straftaten gegen drei Frauen sollen sich zwischen 2021 und 2022 ereignet haben und werden von Partey selbst zurückgewiesen. Der Prozess soll Anfang des Jahres 2027 stattfinden. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt offiziell die Unschuldsvermutung.
Dementsprechend sah Ghanas Nationaltrainer Carlos Queiroz auch keinen Grund, auf den langjährigen Weltklasse-Mittelfeldspieler zu verzichten. „Worüber reden wir hier eigentlich? Es steht weder mir noch dir zu, darüber zu urteilen. Lass die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen“, forderte der frühere Trainer von Real Madrid (2003/04), als er auf Parteys Nominierung angesprochen wurde.
WM 2026: Kanada verweigert Partey Einreise
Doch so einfach ist die Angelegenheit nicht. Zum einen wegen der öffentlichen Wahrnehmung – und zum anderen aufgrund der Tatsache, dass Partey seinem Team bei den in Kanada ausgetragenen WM-Spielen überhaupt nicht helfen kann: Die kanadischen Behörden verweigern ihm aufgrund der Vorwürfe die Einreise.
„Die FIFA kann bestätigen, dass der Spieler Thomas Partey nicht vom Base Camp der ghanaischen Nationalmannschaft in Boston (USA) nach Kanada reisen kann, um dort am Mittwoch, dem 17. Juni, am ersten Spiel gegen Panama teilzunehmen, da sein Visumantrag von der kanadischen Regierung abgelehnt wurde“, bestätigte der Weltverband.
„Die FIFA ist nicht in die Einwanderungsverfahren der Gastgeberländer involviert, einschließlich der Entscheidung über Visa. Wie bei früheren FIFA-Veranstaltungen entscheidet letztendlich die Regierung des Gastgeberlandes, wer ein Visum erhält und in das Land einreisen darf“, hieß es ergänzend.
Partey kann bei nächsten Gruppenspielen teilnehmen
Ghana versuchte anschließend sogar eine einstweilige Verfügung zu erzwingen – wie der kanadische öffentlich-rechtliche Sender CBC berichtet, wies das Bundesgericht in der Hauptstadt Ottawa jedoch einen Einspruch gegen das Einreiseverbot am Dienstag ab.
Während des Panama-Spiels wird Partey nun im Teamquartier der Afrikaner auf US-Boden in Rhode Island weilen. Da die anderen beiden Gruppenspiele in den USA stattfinden, kann er dort auflaufen.
Schon in der K.o.-Phase könnte jedoch wieder ein Spiel in Kanada warten, sollte Ghana als einer der besten Gruppendritten weiterkommen.
Partey von Zuschauern gnadenlos ausgepfiffen
Cheftrainer Queiroz verteidigte die Entscheidung pro Partey äußerst selbstbewusst. Dass die Meinung der Fans – zumindest in Großbritannien – aber anders ausfällt, wurde zuletzt beim Testspiel zwischen Wales und Ghana in Cardiff deutlich.
Bei jedem einzelnen Ballkontakt wurde der 32-Jährige von den Zuschauern ausgepfiffen. Im Sommer 2025 war Partey – nachdem die Vorwürfe bekannt wurden – nach Ablauf seines Vertrags bei Arsenal zu Villarreal nach Spanien gewechselt.
Doch nicht nur in Europa wird Partey (57 Länderspiele, 15 Tore) kritisch gesehen. Auch in seiner Heimat sorgt seine WM-Nominierung für Diskussionen.
„Sollte Thomas Partey Ghana bei der Weltmeisterschaft vertreten, obwohl gegen ihn ein Verfahren wegen Vergewaltigung läuft?“, lautete die Überschrift eines Artikels des Online-Portals Sports World Ghana, in dem für beide Seiten Argumente angeführt werden.
„Jedes Spiel könnte von Fragen zu den Vorwürfen überschattet werden“
Auf der einen Seite dürfe niemand vorverurteilt werden, auf der anderen Seite sorgt man sich in Ghana darum, dass die sportlichen Leistungen der Black Stars in den Hintergrund rücken könnten, weil die Causa Partey für viele wichtiger ist: „Jedes Spiel, jede Pressekonferenz und jeder Medienauftritt könnte eher von Fragen zu den Vorwürfen als von Diskussionen über den Fußball überschattet werden.“
Vor allem die Vorverurteilung der Fans sorgt bei Queiroz derweil für Unverständnis. „Heute – und das betrifft nicht nur Thomas – werden wir leider, weil die sozialen Medien und die Medien manchmal völlig straflos handeln, schon verurteilt, bevor wir überhaupt die Gelegenheit haben, uns zu verteidigen“, drückte der 73-Jährige sein Unverständnis aus.
Verweigern Englands Stars Partey den Handschlag?
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag startet die WM für Ghana mit dem Duell mit Panama (18. Juni ab 1 Uhr im LIVETICKER) – dann noch ohne Party.
Doch richtig heiß hergehen könnte es dann beim zweiten Gruppenspiel, bei dem die Black Stars auf England treffen (23. Juni ab 22 Uhr im LIVETICKER).
Wie The Times berichtet, soll der englische Fußballverband aktuell sogar prüfen, wie Englands Spieler im Vorfeld der Partie mit Partey umgehen sollen, wenn der obligatorische Handschlag vor dem Anpfiff ansteht.
Ghana-Funktionär wittert Kalkül
Dass der mediale Aufschrei in England deutlich größer ist als in Ghana, ist für Henry Asante Twum (Director of Communications des ghanaischen Fußballverbands GFA) nur logisch.
Er wittert sogar Kalkül dahinter. „Die englischen Medien nutzen dies als Psychospielchen, um die Mannschaft zu verunsichern, aber wir vertrauen unserem Spieler und stehen hinter ihm“, sagte er in einem Interview mit TV3, dem meistgesehenen Fernsehsender in Ghana.
„Wir haben absolutes Vertrauen in das, was uns unser Spieler erzählt hat“, stärkte er Partey den Rücken: „Wir haben ihn seit dem Start unterstützt. Wir glauben an das, was uns sein juristisches Team erzählt hat.“
Bei den Spielen auf kanadischem Boden wird er dennoch nicht helfen können.