Antonio Rüdiger hat in einem emotionalen Interview mit dem Guardian über die Fluchtgeschichte seiner Familie gesprochen und dabei zu mehr Verständnis für Geflüchtete aufgerufen. Der DFB-Verteidiger, dessen Eltern einst vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone nach Deutschland flohen, machte deutlich, wie sehr ihn diese Familiengeschichte bis heute prägt.
Antonio Rüdiger gibt emotionale Einblicke
Bewegende Rüdiger-Worte
Aufgewachsen ist Rüdiger in Berlin-Neukölln, einem Stadtteil, der von vielen Familien mit Flucht- und Migrationsgeschichte geprägt ist. Rückblickend erinnerte er sich an eine enge Gemeinschaft, in der Zusammenhalt großgeschrieben wurde.
Rüdiger hadert mit der heutigen Entwicklung
„Wir hatten keine Handys, um uns anzurufen und zu sagen: ,Hey, lass uns treffen.‘ Nein. Wir haben einfach aus dem Fenster geschaut, gesehen, dass dort Jungs Fußball spielen, und sind hingegangen. Das war unsere Verabredung“, erinnerte sich der 33-Jährige.
Er ergänzte: „Das ist das Schöne an Deutschland: Überall gibt es solche Plätze. Heute werden sie nur nicht mehr so genutzt, weil wir Menschen uns verändert haben und ein digitales Leben führen.“
„Fußball verbindet – damals wie heute“
Zudem führte der Verteidiger von Real Madrid aus: „Wenn jemand nicht genug Essen oder Milch hatte, ging er zum Nachbarn und fragte. Wir haben alles geteilt.“ Diese Erfahrungen zähle er noch heute zu den wichtigsten seines Lebens.
Der Fußball spielte dabei eine zentrale Rolle. Für die Jungen im Viertel sei er ein Ventil gewesen, um Energie positiv auszuleben. „Fußball verbindet – damals genauso wie heute“, sagte Rüdiger. „Wir mussten nicht dieselbe Sprache sprechen, um Fußball zu verstehen. Wir brauchten nur einen Ball und ein paar Spieler. So haben wir Kontakte geknüpft.“
Rüdiger: Flüchtlinge haben „keine andere Wahl“
Besonders bewegend sprach der Abwehrspieler über die Entscheidung seiner Eltern, ihre Heimat zu verlassen. Erst als er älter geworden sei, habe er sich intensiver mit ihrer Geschichte beschäftigt. Für seine Eltern sei der Schritt nach Deutschland vor allem eines gewesen: die Chance auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder.
Dabei betonte Rüdiger, dass Flucht keine freiwillige Entscheidung sei. „Sie haben keine andere Wahl“, betonte er. Weil seine eigene Familie ein ähnliches Schicksal erlebt habe, könne er die Situation vieler Geflüchteter nachvollziehen. Besonders wichtig sei ihm deshalb eine Botschaft: „Es ist wichtig, dass ihnen zugehört wird.“
Rüdiger: „Die Leute müssen mehr nachdenken“
Der 33-Jährige kritisierte zudem pauschale Vorurteile gegenüber Flüchtlingen. Einzelne negative Erfahrungen dürften nicht dazu führen, ganze Gruppen zu verurteilen. Stattdessen warb Rüdiger für mehr Differenzierung und Verständnis.
„Wenn jemand ein Verbrechen begeht, wenn diese Person zum Beispiel schwarz ist, heißt das dann, dass jeder Schwarze ein Krimineller ist? Nein, man muss sich mit dieser konkreten Person auseinandersetzen … die Leute müssen etwas mehr nachdenken“, sagte Rüdiger.
Sein Engagement geht dabei über Worte hinaus. Bereits 2022 gründete der Nationalspieler die Antonio-Rüdiger-Stiftung, die Bildungs-, Sport- und Gesundheitsprojekte in Sierra Leone unterstützt.
Zudem ist er dem „Gamechanging Team“ des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) beigetreten – einer Gruppe von Fußballern mit Migrationshintergrund, die sich für Flüchtlinge einsetzen und Vorurteile bekämpfen.
„Meine Familie hat mir einen Sinn ergeben“
Seine eigene Geschichte habe ihm gezeigt, wie wichtig Chancen und Unterstützung seien. „Meine Familie hat mir einen Sinn gegeben“, erklärte Rüdiger in einem offenen Brief an das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen.
Für Rüdiger bleibt die Geschichte seiner Familie deshalb mehr als nur eine persönliche Erinnerung – sie ist für ihn auch ein Auftrag, Menschen zu unterstützen, die heute vor ähnlichen Herausforderungen stehen.