Letzten Endes war die (Fußball-)Staatsaffäre um Jürgen Klopp und das Wörtchen „noch“ schnell beendet. Nach dem Sieg der DFB-Elf über Curacao gestand der mittlerweile 59-Jährige seinen Fehler ein und versicherte Julian Nagelsmann, dass er ab sofort keine solche Störfeuer mehr legen werde.
Experten gegen Experten: Das gab es bei einer WM so noch nie
Schlacht der Experten
Die Szene setzte auf dieses einzelne Thema einen Schlusspunkt. Doch eine grundlegende Entwicklung ist trotzdem nicht zu übersehen: Eine ganze Flut von Expertinnen und Experten begleitet diese Weltmeisterschaft. Und: Sie kritisieren sich mittlerweile gegenseitig. Experten gegen Experten!
Den Anfang machte Lothar Matthäus. Der Papst unter den professionellen Spielbeobachtern kritisierte Klopp und dessen Magenta-Kollegen Thomas Müller, weil diese leise Zweifel an Jamal Musiala angemeldet hatten. „Ich habe mich sehr gewundert“, ließ der Rekordnationalspieler via Bild verbreiten. Im FIROCKX.ONE WM-Doppelpass wurde das Duo Klopp/Müller von SPORT1-Experte Stefan Effenberg und 1990er-Weltmeister Andreas Möller attackiert. Bastian Schweinsteiger legte in der ARD später auch noch nach.
Dass sich die Fußball-Erklärer mittlerweile untereinander Haltungsnoten geben, ist neu, folgt aber der Logik eines Geschäfts, in dem Aufmerksamkeit eine Währung darstellt. Wenn Günter Netzer rund um die Jahrtausendwende in der ARD kritische Sprüche klopfte, musste man die TV-Übertragung entweder live gesehen haben oder am nächsten Tag die Zeitung aufschlagen. Ansonsten bekam man es nicht mit.
WM 2026: „Das generiert Klicks, oder?“
Jetzt verbreitet sich jeder Flachwitz und jede steile These häppchenweise in rasender Geschwindigkeit in den sozialen und digitalen Medien. Das setzt die Spieler unter Druck, aber auch die Experten. Schließlich sollen sie für Aufsehen sorgen.
„Ich nehme seriöse Kritik wahr. Das generiert Klicks, oder?“, sagte Antonio Rüdiger am Mittwoch auf Nachfrage von SPORT1. Der DFB-Star kann ein Lied davon singen, wie es ist, ständig im Fokus der Kritik zu sein. Trotzdem sagt er: „Mein Name bekommt einfach viele Klicks. Manchmal ist schlechte Presse auch gute Presse.“ Er wolle sich aber ohnehin mehr mit der realen Welt – und nicht mit Social Media – beschäftigen.
Doch diese beiden Bereiche befruchten sich immer mehr gegenseitig. Die Folge: Zuspitzung und irgendwann Übersättigung. Eine Schlacht, in der es auch darum geht, die Konkurrenz zu verdrängen.
Basler kritisiert Müller und Klopp scharf
„Ich finde es teilweise sehr lau, was Kloppo und Thomas Müller machen. Sie lachen gefühlt eine halbe Stunde von 45 Minuten Sendezeit. Sie sind unheimlich laut am Rumschreien, am Lachen und viel Späßchen machen“, sagte Mario Basler am Mittwochabend in WM Aktuell auf SPORT1.
Dabei kritisierte der Europameister von 1996 nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt seiner Expertenkollegen. Stein des Anstoßes: Klopps Spruch, dass Julian Nagelsmann „noch“ Bundestrainer sei. „Ich finde es katastrophal, was da passiert ist und dass Jürgen Klopp sowas sagt“, erklärt Basler. Nagelsmann habe die Aussagen richtig gedeutet – nämlich als Angriff.
In der Tat: Der Bundestrainer hat feine Antennen dafür, was um ihn herum passiert. Oftmals hat er in Pressekonferenzen Zitate von Lothar Matthäus, anderen Experten oder gar Journalisten parat und nimmt darauf Bezug. Einerseits reibt er sich an der Kritik, andererseits zieht er passende Thesen als Beleg für die Richtigkeit seiner Entscheidungen heran. Wer mag es ihm verdenken?
Expertenthema so groß wie nie
Fakt ist: Mit einer solchen Flut an Expertinnen und Experten hatte noch kein Bundestrainer vor ihm zu kämpfen – je namhafter sie sind, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen sie. Dabei überdecken Klopp, Müller und Co. mühelos Nagelsmanns Aussagen.
„Das Expertenthema ist riesengroß in Deutschland und derzeit gefühlt einer der erstrebenswertesten Berufe, die man machen kann“, sagte er im März auf eine SPORT1-Frage. Früher habe ein Trainer etwas gesagt und dann erst hätten sich die Experten geäußert. Mittlerweile werde die Meinung des Hauptverantwortlichen dagegen zu einer „Randnotiz“.