Barfuß in Badelatschen kam Waldemar Anton zum exklusiven Interview mit SPORT1. Kein Wunder: Bei 36 Grad versuchen die DFB-Stars, möglichst luftig unterwegs zu sein und jede Möglichkeit zur Abkühlung zu nutzen. Den Pool im Mannschaftsquartier nutzt der 29-Jährige dennoch nicht oft, denn Anton ordnet alles dem Training und der Regeneration unter.
Waldemar Anton im Interview: "Jeder träumt davon, Weltmeister zu werden"
Weltmeister? „Das ist unser Ziel“
Im Gespräch mit SPORT1 ordnet der Dortmunder seine Situation hinter dem gesetzten Innenverteidiger-Duo ein und erklärt, wieso die vermeintlich deutschen Tugenden so wichtig sind. Dass Anton so ist, wie er ist, hat er vor allem seine Eltern zu verdanken, die – wie er verrät – nur zwei wesentliche Dinge von ihm erwarten.
SPORT1: Herr Anton, Sie haben eine heiße Vorbereitung hinter sich – vor allem temperaturtechnisch. Wie haben Sie die Tage hier erlebt?
Anton: Es war schon wirklich intensiv, gerade zum Ende der Woche hin. Bei der Klub-WM im vergangenen Jahr in Fort Lauderdale (Florida; Anm. d. Red.) war es allerdings sogar noch heißer.
SPORT1: Trotzdem haben Sie einige Möglichkeiten, sich abzukühlen – im Teamcamp mit Pool oder Eisbecken, während des Trainings oder Spiels mit Kühlschuhen und -westen. Nutzen Sie das häufig?
Anton: Bisher noch nicht so intensiv, aber wir haben alles ausprobiert. Ich glaube, das sind gute Maßnahmen, weil man dadurch schnell runterkühlt und sich besser regenerieren kann. Gerade bei diesen Temperaturen tut es gut, Möglichkeiten zu haben, den Körper herunterzufahren. Und im Pool bin ich tatsächlich gar nicht so oft – davon werde ich direkt müde und verliere meinen Trainingsrhythmus. Außer am Donnerstag: Da stand Regeneration an. Da waren wir eigentlich fast alle im Pool und hatten eine richtig gute Zeit.
Anton: „Es wird von Tag zu Tag wärmer“
SPORT1: In Houston findet Ihr Auftaktspiel in einem geschlossenen und klimatisierten Stadion statt. Ist das nicht direkt wieder eine Umstellung?
Anton: Darüber haben wir uns im Vorfeld natürlich Gedanken gemacht. Aber wir sind alle Profi genug, um uns bestmöglich darauf vorzubereiten. Wir hatten viele Sitzungen dazu und haben auch innerhalb der Mannschaft darüber gesprochen. Mit den Bedingungen müssen alle Nationen klarkommen. Wir werden das gut hinbekommen. Es wird zwar von Tag zu Tag wärmer, aber wir haben uns hier eingelebt und gut vorbereitet. Das kann uns im weiteren Turnierverlauf helfen. In anderen Stadien, etwa in New Jersey, wo unser drittes Gruppenspiel stattfindet, gibt es schließlich keine Kühlung.
SPORT1: Werfen wir einen Blick auf Curaçao: Wie bereiten Sie sich auf eine Mannschaft vor, deren Spieler Sie kaum kennen?
Anton: Am Ende ist jede Mannschaft, die hier dabei ist, nicht ohne Grund bei der WM. Sie hat sich qualifiziert und bringt Qualität mit. Wir haben uns in den vergangenen Tagen intensiv vorbereitet und wissen, wie sie spielen. Viele Spieler kommen aus dem niederländischen Umfeld und haben eine hohe Qualität am Ball. Wir nehmen sie auf keinen Fall auf die leichte Schulter. Wir wollen unbedingt gut ins Turnier starten – das wird ganz wichtig sein.
SPORT1: Wie sehen Sie Ihre eigene Situation? Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck gelten in der Innenverteidigung als gesetzt. Sehen Sie sich als Nummer drei?
Anton: Ich will keine Nummern vergeben. Jeder kennt seine Rolle in der Nationalmannschaft. Jeder bringt unfassbar viel Qualität mit – unabhängig davon, ob man startet oder eingewechselt wird. Es darf niemals selbstverständlich sein, hier dabei zu sein. Es geht darum, die bestmögliche Leistung abzurufen. Jona und Schlotti haben sich ihre Rolle über Jahre erarbeitet. Ich wünsche mir, dass sie eine richtig gute Leistung zeigen – und das werden sie auch. Der Bundestrainer entscheidet am Ende. Wichtig ist, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen.
SPORT1: Wie laufen solche Rollengespräche mit dem Bundestrainer ab? Nickt man einfach ab – oder gibt man auch mal Kontra?
Anton: Die Gespräche sind klar und offen, auch ich kann alles ansprechen, Aber grundsätzlich hat ein Trainer seine Vorstellungen – und die musst du als Spieler akzeptieren und im Training Gas geben. Irgendwann wird man dafür belohnt. Dann musst du bereit sein, wenn du gebraucht wirst. Und das kann schneller gehen, als man denkt. Es ist heiß – und das Turnier hoffentlich lang.
SPORT1: Und wo sieht der Bundestrainer Sie? In der Innenverteidigung? Wie zuletzt als Backup für Joshua Kimmich auf der rechten Seite? Theoretisch könnten Sie ja auch auf der Sechs spielen …
Anton: Am Ende geht es ohne Ball immer ums Verteidigen – unabhängig von der Position. Ich bin flexibel und habe auch schön öfter auf der Sechs oder als Rechtsverteidiger gespielt, das ist für mich kein Problem. Aber grundsätzlich sieht mich auch der Bundestrainer vor allem als Innenverteidiger.
Running Gag um Jonathan Tah
SPORT1: In Dortmund haben Sie in der Dreierkette zentral gespielt. Wie groß ist die Umstellung auf eine Viererkette wie in der Nationalmannschaft?
Anton: Überhaupt nicht. Mit Ball sind wir ohnehin sehr flexibel und spielen oft in einer Dreierstruktur. Für mich ist das kein großes Thema.
SPORT1: Nico Schlotterbeck hat erzählt, dass Sie in der Dortmunder Abwehr derjenige sind, der organisiert, führt und die Ansagen macht – so wie bei der Nationalmannschaft Jonathan Tah.
Anton: Ich bin vom Typ her jemand, der auf dem Platz viel spricht und organisiert. Schlotti bringt enorme Energie mit und konzentriert sich voll auf sein Spiel – nach dem Motto: weniger reden, mehr Power. Gerade im Aufbau hat er mit seinem starken linken Fuß eine enorme Qualität. Das ergänzt sich gut. Jeder bringt seine Stärken ein – und genauso ist es auch hier.
SPORT1: Ist die englische Aussprache von „Jonathan“ Tah inzwischen ein Running Gag?
Anton: Ja, kurzzeitig war das ein kleiner Gag (lacht). Wir sprechen den Namen schon mal aus Spaß so aus. Das war in dem Moment einfach sehr, sehr lustig.
Anton: „Sind zu einer richtigen Familie geworden“
SPORT1: Im Teamquartier verbringen Sie viel Zeit mit Pascal Groß. Ist er so etwas wie Ihr bester Kumpel?
Anton: Mit Pascal verbringe ich wirklich viel Zeit. Aber eigentlich ist das mit allen Spielern so, mit denen ich in den vergangenen Jahren zusammengespielt habe: Jamie (Leweling; Anm. d. Red.), Ange (Stiller), Alex (Nübel), Deniz (Undav) – eigentlich mit allen hier. Das hier ist zu einer richtigen Familie geworden. Jeder kann mit jedem. Die Atmosphäre ist sehr gut – und ich glaube, das ist die Grundlage für Erfolg.
SPORT1: Was ist der Grund für die oft betonte gute Stimmung in der DFB-Elf – vielleicht auch im Vergleich zum Verein?
Anton: Du hast viele Jungs aus unterschiedlichen Vereinen und Strukturen. Man sieht sich nicht jeden Tag – dadurch hat man mehr zu erzählen und nutzt und genießt die gemeinsame Zeit intensiver.
Deutsche Tugenden müssen gelebt werden
SPORT1: Sie sind 2024 zur Nationalmannschaft gekommen und haben die ganz schweren Zeiten gar nicht so intensiv erlebt. Hilft das jetzt?
Anton: Vielleicht ein bisschen. Aber sobald du bei einer Weltmeisterschaft dabei bist, spürst du trotzdem den Druck. Wichtig ist, dass jeder Verantwortung übernimmt. Keiner darf denken, dass eine Person allein die Verantwortung trägt.
SPORT1: Sie gelten als absoluter Vollprofi, der sich alles hart erarbeitet hat. Welche Werte sind Ihnen wichtig?
Anton: Respekt – das ist mir sehr wichtig. Dazu Disziplin. Und dass du dich für deine Mitmenschen einsetzt. Wenn wir auf den Fußball schauen: dass du für den anderen arbeitest. Gerade bei so einem Turnier musst du bereit sein, den einen Lauf mehr für deinen Mitspieler zu machen.
SPORT1: Klingt nach deutschen Tugenden …
Anton: Wenn man es so nennen will – dann ja. Gerade bei diesen Temperaturen muss jeder für jeden laufen. Aus meiner Erfahrung gewinnen am Ende vor allem die Defensivreihen Turniere.
SPORT1: Spricht da Niko Kovac aus Ihnen?
Anton: (lacht) Stimmt! Das ist aber auch meine Überzeugung. Und damit meine ich nicht nur die Verteidiger – alle müssen defensiv mitarbeiten.
Anton spricht offen über seine Kindheit
SPORT1: Thomas Müller sagt, deutsche Tugenden seien eigentlich Basics und nichts Besonderes mehr. Wie sehen Sie das?
Anton: Ich stimme ihm teilweise zu. Das sind Grundlagen, die du brauchst, um erfolgreich zu sein. Aber ich hoffe trotzdem immer, dass wir die Mannschaft sind, die am Ende den einen Tick mehr kämpft. Das wollen wir auf dem Platz verkörpern. Ob wir das dann deutsche Tugenden nennen oder nicht, ist mir eigentlich egal.
SPORT1: Sie waren gerade einmal zwei Jahre alt, als Ihre Eltern mit Ihnen aus Usbekistan nach Deutschland gekommen sind. Würden Sie sagen, dass Sie als Kind einer Einwandererfamilie eine schwere Kindheit hatten?
Anton: Ich persönlich hatte keine schwere Kindheit. Das wäre meinen Eltern gegenüber nicht fair. Sie haben alles für mich getan. Erst später habe ich verstanden, wie schwierig es für sie war. Natürlich war rückblickend nicht alles so positiv und glanzvoll, wie es sich für mich damals angefühlt hat oder wie sie mir dieses Gefühl gegeben haben. Aber meine Eltern haben mir sehr viel ermöglicht.
SPORT1: Knapp 30 Jahre später sind Sie ein erfolgreicher Fußballprofi. Was geben Sie Ihren Eltern heute zurück?
Anton: Meine Eltern wollen gar nicht viel. Sie wollen Liebe und Respekt. Und dass ich regelmäßig mit meinen Kindern vorbeikomme und anrufe (lacht). Das sind einfache Dinge. Zu sehen, dass sie glücklich sind, freut mich extrem – und ich bin es auch.
SPORT1: Was war als Kind eigentlich cooler – ein Vater als Busfahrer, bei dem Sie immer kostenlos mitfahren konnten, oder eine Mutter, die gut kocht? (Anm. d. Red.: Antons Mutter arbeitet nach wie vor als Köchin, sein Vater als Linienbusfahrer.)
Anton: Hm, das ist schwer (überlegt). Mit ihm Bus zu fahren, war immer cool – auch wenn ich oft in die andere Richtung musste. Und mit dem Schülerticket konnte ich sowieso überall hin. Gutes Essen ist natürlich auch nie verkehrt. Eigentlich war das die perfekte Kombination.
Glücksbringer sollen Heimweh verhindern
SPORT1: Saßen Sie immer in der letzten Reihe? Also dort, wo die lauten Kerle sitzen?
Anton: Tatsächlich ja (lacht). Trotzdem war ich eher still und zurückhaltend – nicht so wie viele meiner Freunde, die ebenfalls hinten saßen. Das geht auch gar nicht anders. Sonst fliegt man aus dem Bus.
SPORT1: Bei der Klub-WM haben Sie betont, dass Ihnen die Distanz zur Familie über mehrere Wochen schwerfällt. Damals waren es rund drei Wochen – bei der WM könnten es im besten Fall sieben werden. Wie gehen Sie diesmal damit um?
Anton: Erstmal mit vielen Videoanrufen. Meine Frau wird auf jeden Fall vorbeikommen. Die Kinder eher nicht – wegen des Jetlags und weil der Abschied danach noch schwieriger wäre.
SPORT1: Dafür haben Sie hoffentlich Glücksbringer von ihnen dabei …
Anton: Oh ja. Ich habe unzählige gemalte Bilder meiner Kinder dabei, kleine Spielsachen und Glücksbringer. Da weiß man, für wen man das alles macht.
SPORT1: Gibt es unter den Familienvätern in der Mannschaft besondere Gespräche?
Anton: Klar. Wenn du mit anderen Vätern sprichst, geht es oft um Familie und das Aufwachsen der Kinder. Mit Jo habe ich erst vor Kurzem über Kindernamen gesprochen und darüber, warum wir unseren Nachwuchs so genannt haben. Aber grundsätzlich haben wir sehr gemischte Gesprächsrunden – wir haben keine Grüppchenbildung.
Anton: Weltmeister? „Das ist unser Ziel“
SPORT1: Sie und Schlotterbeck haben eine starke Saison gespielt und mit dem BVB ligaweit die wenigsten Gegentore kassiert. Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Duo auch nächste Saison gemeinsam in Dortmund spielt?
Anton: Wir haben beide Verträge, deshalb müssen wir darüber nicht sprechen. Vor allem haben wir jetzt eine Weltmeisterschaft vor der Brust.
SPORT1: Trotzdem gibt es Gerüchte aus England. Manchester United soll Sie auf dem Zettel haben. Freut einen so etwas?
Anton: Solche Meldungen gehören in der Transferzeit dazu, das betrifft ja nicht nur mich. Natürlich ehrt das einen Spieler, wenn er mit großen Klubs aus dem Ausland in Verbindung gebracht wird. Aber am Ende sind das Spekulationen.
SPORT1: Deniz Undav feiert am 19. Juli seinen 30. Geburtstag, Sie einen Tag später. Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie gemeinsam feiern – in den USA, mit dem Pokal in der Hand?
Anton: Das ist unser Ziel. Aber wir müssen Schritt für Schritt gehen. Jeder hier träumt davon, Weltmeister zu werden. Trotzdem braucht man Demut – und manchmal auch ein bisschen Glück.