Er misst gerade einmal 1,66 Meter – und ist doch bis heute einer der größten Fußballer, die Deutschland jemals hervorgebracht hat: Thomas Häßler wurde Welt- und Europameister und zweimal zum Fußballer des Jahres gewählt.
"Ich habe um die sieben Kilo verloren in der Zeit"
„Dachte, er will uns verarschen“
Nach seiner aktiven Karriere nahm er als Kandidat an verschiedenen TV-Shows teil, in diesem Jahr war er einer der Protagonisten des Films zum deutschen WM-Titel 1990 und feierte wenige Wochen vor dem Start der WM 2026 seinen 60. Geburtstag.
Im SPORT1-Interview spricht Häßler über die Bedeutung eines WM-Turniers, einen besonderen Moment beim Titelgewinn 1990 und seine Ausflüge in die Show-Welt. Außerdem verrät der 60-Jährige, welche Fußballer von früher und heute ihn mit ihren Fähigkeiten begeistern.
WM 1990: „Dachte, er will uns verarschen“
SPORT1: Herr Häßler, was kommt Ihnen beim Stichwort WM als Erstes in den Sinn?
Thomas Häßler: Einfach eine große Freude über das größte Turnier der Welt! Da kann Champions League sein, wie sie will – Weltmeisterschaften gibt es nur alle vier Jahre. Da wären wahrscheinlich gerne 1000 andere Spieler an der Stelle von denen, die jetzt nominiert worden sind. Eine größere Freude als Fußballer kann man gar nicht haben.
SPORT1: Sie haben nicht nur Weltmeisterschaften gespielt, sondern 1990 auch den Titel geholt. Welcher Moment ist Ihnen von diesem Triumph besonders in Erinnerung geblieben?
Häßler: Das Endspiel gegen Argentinien und Maradona natürlich – und da besonders der Schlusspfiff. Ein paar Sekunden vorher hatte man ja schon gedacht, er hätte abgepfiffen – aber nein, es ging dann noch weiter. In dem Moment dachte ich, jetzt will er uns verarschen. (lacht) Aber kurz danach hat er ja zum Glück wirklich abgepfiffen.
SPORT1: Haben Sie da direkt realisiert, was Sie geschafft haben?
Häßler: Nein, du hast zwar gewonnen, aber du realisierst erst ein paar Tage später, dass du beim größten Turnier der Welt unter allen Nationen jetzt Weltmeister geworden bist. Aber in diesem Moment des Schlusspfiffs dachte ich zumindest schon: Mensch, jetzt haben wir etwas Tolles erreicht!
SPORT1: Damals waren 24 Mannschaften beim Endturnier dabei, jetzt sind es doppelt so viele. Macht das die WM besser oder schlechter?
Häßler: Ich glaube, das muss man ein Stück weit abwarten, bevor man vorzeitig urteilt. Tendenziell finde ich persönlich es zu viel, aber wie gesagt, vielleicht werde ich in den nächsten Wochen eines Besseren belehrt – ich lasse mich überraschen.
Karl-Ausfall: „Natürlich ganz, ganz bitter“
SPORT1: Auch bei der deutschen Mannschaft weiß man kurz vor dem Turnier noch nicht so recht, was man sich erwarten soll. Was trauen Sie dem DFB-Team zu?
Häßler: Eine ganze Menge! Ich glaube, dass wir gut aufgestellt sind. Gerade das Spiel gegen Finnland hat gezeigt, wozu wir insbesondere offensiv in der Lage sind. Wir haben ausgezeichnete Fußballer, bei denen jede Mannschaft Angst haben wird, gegen sie zu spielen. Wenn die jetzt noch alle an einem Strang ziehen, wird es schwer, uns zu schlagen.
SPORT1: Wie schwer wiegt aus Ihrer Sicht der kurzfristige Ausfall von Lennart Karl?
Häßler: Das ist natürlich ganz, ganz bitter. Für den Jungen tut es mir unglaublich leid, weil man ja gesehen hat, was er schon in jungen Jahren für ein herausragender Fußballer ist. Spieler wie er sind unbekümmert, wollen einfach nur Spaß haben, wollen ihr Ding machen. Er hat gezeigt, wozu er imstande ist – einfach nur schade drum.
Unfaire Standards? Häßler mit klarer Meinung
SPORT1: Sie galten in Ihrer Karriere als ausgesprochener Standard-Spezialist und begleiten in diesem Sommer auch die Enterprise-Kampagne #OnEveryCorner als Botschafter. In der abgelaufenen Saison war das Thema Eckbälle vielleicht so groß wie noch nie. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?
Häßler: Standards sind für mich extrem wichtig! Wenn du eine Ecke nach 89 Minuten beim Stand von 0:0 so ausführst, wie du das wahrscheinlich stundenlang im Training geübt hast, kann das ein Spiel entscheiden – und wir haben genügend Jungs in der deutschen Mannschaft, die das können.
SPORT1: Der Trend, beim Eckball mit vielen Spielern nah beim Torwart zu stehen und ihn so ein bisschen aus dem Spiel zu nehmen, hat für viele Diskussionen gesorgt. Können Sie verstehen, dass die Torhüter sich da teilweise ungerecht behandelt fühlen?
Häßler: Gucken Sie sich doch mal die Premier League an: Da kann der Torwart froh sein, dass er überhaupt noch am Atmen ist, weil ihn alle so zustellen. Natürlich ist das ein bisschen grenzwertig, aber wenn es nicht abgepfiffen wird, was will der Torwart denn machen?! Ich habe mir so viele Premier-League-Spiele angeschaut, die machen das schon clever. Ja, für die Torhüter tut es mir ein bisschen leid, aber meckern hilft nun mal nichts – entweder der Schiri pfeift oder er pfeift nicht.
SPORT1: Sie haben die deutschen Standardschützen schon erwähnt. Joshua Kimmich wurde für seine Standards lange kritisiert, die Zahlen haben ihm aber schon immer eine gute Quote bescheinigt. Was sagen Sie als Experte zu seinen Ecken und Freistößen?
Häßler: Der schlägt die schon gut! Aber in der Nationalmannschaft haben wir auch noch Schützen wie Florian Wirtz oder Jamal Musiala, die können alle schießen. Deswegen mache ich mir in der Hinsicht keine Sorgen.
„Was Olise für Tore macht, das ist eine Sensation!“
SPORT1: Ihre direkten Freistöße waren bei den Gegnern gefürchtet. Sehen Sie im aktuellen Weltfußball Spieler, die es in der Hinsicht mit Ihnen aufnehmen können?
Häßler: Ach ja, da gibt es schon einige. Ich meine, lass ihn 40 Jahre alt sein, aber wenn ich mir ab und zu anschaue, was Lionel Messi in der MLS noch für Freistöße schießt – das ist überragend! Ich habe mir Highlights von Frankreich angeschaut: Was Michael Olise momentan für Tore macht, das ist eine Sensation! Es gibt aus meiner Sicht also genügend gute Schützen.
SPORT1: Ist Olise so ein Spieler, auf den Sie sich bei der WM besonders freuen?
Häßler: Olise, Kylian Mbappé bei Frankreich, von anderen Nationen zum Beispiel Jérémy Doku von Manchester City. Auch auf unseren Florian Wirtz freue ich mich sehr, der ist imstande, besondere Dinge zu machen. Es gibt also nicht nur zwei, drei, sondern bestimmt zehn oder 15 Spieler, auf die ich mich freue, wenn es losgeht.
Zidane? „Noch stärker als Maradona“
SPORT1: Wer waren denn in Ihrer Karriere besonders schwierige Gegenspieler, weil sie vielleicht so gut, vielleicht aber auch einfach sehr unangenehm waren?
Häßler: Ich konnte ja rumrennen, wo ich wollte, deshalb habe ich meistens nicht den einen Gegenspieler gehabt. (lacht)
SPORT1: Das kann ein Vorteil sein …
Häßler: Ich sage mal so: Es gab jetzt keinen, der mir immer hinterhergelaufen ist. Aber es gab natürlich zum Beispiel einen Weltspieler wie Paolo Maldini bei Italien auf der linken Seite. Gegen den hat man sehr ungern gespielt, weil er erstens alle Finten mitgemacht hat und zweitens auch unglaublich schnell gewesen ist. Ein herausragender linker Verteidiger, genau wie unser Andi Brehme.
SPORT1: Und gab es einen Mitspieler, bei dem Sie im Training vielleicht des Öfteren gedacht haben: „Boah, das ist ein geiler Kicker“?
Häßler: Ich habe ja das Glück gehabt, zur damaligen Zeit in Italien zu spielen. Roberto Baggio kam gerade von einer schweren Verletzung zurück, das war ein herausragender Fußballer und es hat Spaß gemacht, mit ihm zusammenzuspielen. Mit Pierre Littbarski habe ich auch lange zusammengespielt, der war auch eine Sensation! Es gibt aber noch einen Gegenspieler, der für mich fast zu wenig gewürdigt wird.
SPORT1: Nämlich?
Häßler: Zinédine Zidane! Für mich war das der kompletteste Mittelfeldspieler zu meiner Zeit, noch stärker als Maradona oder andere. Der war einfach grandios, das hat Spaß gemacht, ihm zuzugucken – muss ich ehrlich sagen. Aber von meinen Mitspielern Littbarski und Baggio, die zwei haben Spaß gemacht.
SPORT1: Sie haben gerade schon kurz Andreas Brehme angesprochen, der ja leider 2024 gestorben ist. Inwiefern kommen die Erinnerungen an den ehemaligen Mitspieler und Finalhelden von 1990 rund um die WM noch mal ein bisschen mehr hoch?
Häßler: Das kommt natürlich hoch, auch zuletzt schon mit der Doku über die WM 1990. Ohne sein Elfmetertor wären wir nicht Weltmeister geworden – und Andi Brehme war nicht nur ein herausragender Mensch, sondern auch ein herausragender Fußballer. Ich habe selten einen Fußballer gesehen, der beidbeinig so stark war! 1986 hat er bei der WM einen Elfmeter mit links verwandelt, im Finale 1990 hat er mit rechts geschossen. Die Torhüter müssen ja im Kreis gesprungen sein, weil sie nicht mal wussten, mit welchem Fuß er jetzt schießt. Andi war für mich ein Ausnahmefußballer und natürlich denkt man jetzt bei der WM wieder an ihn. Andi wird unvergessen bleiben!
Häßler bei Let’s Dance: „Habe um die sieben Kilo verloren“
SPORT1: Sie selbst haben in den vergangenen Jahren an verschiedenen Showformaten teilgenommen. Mal ganz einfach gefragt: Dschungel oder Tanzen, was hat Ihnen mehr Spaß gemacht?
Häßler: Beides, beides hat großen Spaß gemacht! (lacht) Das war mal was ganz anderes. Ich habe das Abenteuer geliebt und das waren Sachen, die ich einfach mal ausprobieren konnte. Im Nachhinein hätte ich mich geärgert, wenn ich es nicht gemacht hätte, weil es halt mal was anderes ist als Fußball.
SPORT1: Wie groß war denn die Umstellung vom Fußballer zum Tänzer?
Häßler: Riesengroß! Du musst ja die ganze Zeit trainieren, meine Partnerin musste sich immer für den nächsten Auftritt wieder was einfallen lassen, mein lieber Scholli! Das sind wirklich Experten und du musst sechs bis acht Stunden am Tag trainieren. Ich habe an meinem Körper Stellen gefunden, wo eine Muskulatur war, wo ich vorher dachte, da gibt es keine Muskulatur. (lacht) Das war sehr anstrengend, ich habe auch um die sieben Kilo verloren in der Zeit. Aber ganz ehrlich: Es war toll und hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, das mal mitzuerleben.
SPORT1: Und wie steht es um Ihre Trainerkarriere? Zuletzt waren Sie ja bis Sommer 2025 bei Spandau 06 …
Häßler: Momentan tut sich da nichts, da herrscht aktuell Stillstand. Ich würde aber gerne wieder etwas machen und höre mich auch um. Ich würde gerne wieder angreifen für die neue Saison – mal gucken, was passiert.